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14th of November 2018

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Die neue Schamlosigkeit zerstört die Fundamente unserer Freiheit

Der Herdeninstinkt greift um sich. Massen in Fussballstadien, Massen an Raves und Festivals, Massen an religiösen Veranstaltungen, Touristenmassen. Neu hinzu kommen Massen in den Social Media. Im Jahre 2015 beglückwünschte sich Facebook, das erste soziale Netzwerk mit einer Milliarde Nutzer pro Tag zu sein. Eine Dimension, die das Unternehmen in die Liga der Weltreligionen hebt: 2,2 Milliarden Christen, 1,6 Milliarden Muslime, 1 Milliarde Hindus.

Facebook ist nicht nur vom Einfluss, sondern auch von der Zielsetzung her gesehen eine Art Religion. Mark Zuckerberg spricht von der «Community». Diese Community hat eine Mission: jedem eine Stimme geben, das gegenseitige Verständnis fördern, Teilnahme aller an den Segnungen moderner Technologie. Facebook ist zumindest eine Religion im alten Sinne des Wortes «religio», des Zusammenkommens durch Rückbindung an Gott. Nur kennt Facebook keinen Gott. Oder vielmehr: Der Gott ist die Technologie, und die Religion bedeutet jetzt Vernetzen durch technische Mittel.

Dem Pfiffikus Zuckerberg ist nicht entgangen, dass viele Menschen heute nicht mehr Zuflucht in traditionellen religiösen Gemeinschaften finden und suchen. Deshalb sieht er in der Community einen, nein «den» Ersatz. Facebook nutzen ist wie in die Kirche gehen. Und Zuckerberg scheint der Rolle des Priesters nicht abgeneigt zu sein. Das verraten allein schon die regelmässigen Communiqués, die er fast hochamtlich verbreitet: «Leute, die in die Kirche gehen, sind auch eher zu Ehrenämtern bereit – nicht einfach, weil sie religiös sind, sondern weil sie Teil einer Gemeinschaft sind. Eine Kirche ist nicht bloss ein Treffen. Sie hat einen Pfarrer, der für das Wohlergehen der Gemeinde sorgt. (. . .) Führer definieren Kultur, inspirieren uns, geben uns ein Sicherheitsnetz und passen auf uns auf.»

Die ganze Phraseologie, die Zuckerberg hier mobilisiert, könnte aufschlussreicher und heuchlerischer nicht sein: Ehrenamt, Teil der Gemeinschaft, Pfarrer, Wohlergehen, Führer, Sicherheit. Aufschlussreich, weil sie den Herdeninstinkt in uns anspricht; heuchlerisch, weil sie diesen Herdeninstinkt ausbeutet. Und hier finden wir uns unversehens an einen Philosophen erinnert, der genau dies schon vor über 130 Jahren mit seltenem Scharfblick entlarvte: Friedrich Nietzsche.

Im «Wir» bin ich stark, sicher, «erhaben», finde ich Trost und Lust. Um den Preis des Selbstverlusts.

Nietzsche hatte eine besondere «Herde» im Auge: das Christentum. Er sah in dieser Herdenbildung die Abwehr einer nihilistischen Heimsuchung – des deprimierenden Gefühls, niemand, nichts zu sein. Daraus resultiert die christliche Moral. In der Streitschrift «Zur Genealogie der Moral» (1887) schreibt Nietzsche, der Herdeneintritt wecke ein «Gemeinde-Machtgefühl, demzufolge der Verdruss des Einzelnen an sich durch seine Lust am Gedeihen der Gemeinde übertäubt wird (. . .) Im Wachsen der Gemeinde erstarkt auch für den Einzelnen ein neues Interesse, das ihn oft genug über das Persönlichste seines Missmuths, seine Abneigung gegen sich (. . .) hinweghebt. (. . .) Wo es Herden gibt, ist es der Schwäche-Instinkt, der die Herde gewollt hat.»

Einen solchen «Schwäche-Instinkt» kann man heute profaner anhand verbreiteter Symptome ausmachen, etwa der Ohnmacht des Bürgers gegenüber der Unberechenbarkeit politischer Entwicklungen, des Gefühls, den Kräften der wirtschaftlichen Globalisierung ausgeliefert zu sein, der Erosion des Gemeinschaftlichen. In den USA stellt man schon seit einiger Zeit eine Tendenz zur Vereinzelung fest, geradezu emblematisch eingefangen im Buchtitel des Soziologen Robert Putnam, «Bowling Alone» (2001).

Diese Ambivalenz der Schwäche-Stärke ist typisch für die Herde. Sich ihr anzuschliessen – einem «Volk», einer Religionsgemeinschaft, einem Fanklub, einem Raverpulk, einer Online-Clique –, kann sowohl als eine Form von Flucht als auch eine Form von Erhöhung interpretiert werden; als Flucht in die kollektive Erhöhung sozusagen. Im «Wir» bin ich stark, sicher, «erhaben», finde ich Trost und Lust. Um den Preis des Selbstverlusts.

Denn es macht sich eine andere – gefährlichere – Ambivalenz bemerkbar. In der Herde wird es zunehmend schwieriger, zwischen den Motiven des Individuums und den «Motiven» des Kollektivs zu unterscheiden. Ich-Identität und Kollektiv-Identität verwickeln sich unentwirrbar. Nietzsche war sich dieser Ambivalenz bewusst: «Mit der Moral wird der Einzelne angeleitet, Funktion der Herde zu sein und nur als Funktion sich Wert zuzuschreiben (. . .) Moralität ist Herdeninstinkt im Einzelnen.» Damit aber nicht genug. Dieser Herdeninstinkt im Einzelnen muss zielführend gebändigt werden. Es braucht deshalb die «Priester» der Herde, die den Instinkt erraten und fördern. «Der Schwäche-Instinkt, der die Herde gewollt hat», wird von «der Priester-Klugheit (organisiert)».

Womit wir wiederum bei Facebook gelandet sind. Die «Klugheit» der Facebook-Priester dient dazu, den Nutzer möglichst lange auf Facebook – in der Herde – zu behalten. In den Worten des Oberpriesters: «Wir wollen einer Milliarde Menschen helfen, sich sinnvollen Gemeinschaften anzuschliessen. Das wird das soziale Gewebe stärken, die Welt enger zusammenschliessen.» «Menschen sind im Grunde gut. Jeder will eigentlich jedem helfen. Wir werden deshalb ein paar Tools auf den Markt bringen, die es leichter machen, Communitys zu bilden.»

Trotz dem puerilen philantropischen Gesalbe muss man in Erinnerung behalten, dass Facebook ein knallhartes Technologieunternehmen ist. Und hier kommt eine dritte Ambivalenz – die gefährlichste, weil scheinheiligste – zum Vorschein. Das Facebook-Schaf ist nämlich vor allem eines: Datenscheisser. Und die Facebook-Hirten wollen vor allem eines: das Geschäft mit der Scheisse, mit dem «Content».

Facebook ist eine Content-Fabrik. Das Selfie ist Content, die Feriengrüsse, Storys, News und Entertainment sind Content, Klicks sind Content, unser ganzer sozialer Austausch wird Content. Content ist der Rohstoff der kommerziellen und politischen Werber, des grössten Kundenkreises von Facebook. Und die Tools, die Facebook baut, dienen einem einzigen Zweck: der möglichst präzisen Prognostik und der «Führung» des Nutzer-Schafs. Auf der Website des Herdenaufsehers Cambridge Analytica prangt: «Daten treiben alles an, was Sie tun. Cambridge Analytica verwendet Daten, um das Verhalten der Zielgruppe zu verändern. Besuchen Sie unsere kommerziellen und politischen Abteilungen, um zu sehen, wie wir Ihnen helfen können.»

Durch die Vernetzung wird der Gott der Technologie omnipräsent, omnipotent. Ein Leben ohne ihn erscheint immer undenkbarer. Auch hier ist eine Ambivalenz der Herdenexistenz zu erkennen. Selbst bei ausgeschalteten Geräten bleiben wir Menschen «eingeschaltet». Wir sind nach wie vor auf ihren Gebrauch abgerichtet. Die Geräte bleiben uns in ihrer klebrigen Disponibilität intus. Es gibt eigentlich nicht das «Ich» und die «Technologie», es gibt ein «Techno-Ich». Es macht uns zu technologiefrommen Schafen.

Mit Nietzsches Worten liesse sich sagen, dass wir «etwas für den Menschen annähernd zu erreichen (versuchen), was der Winterschlaf für einige Thierarten, der Sommerschlaf für viele Pflanzen der heissen Klimaten ist, ein Minimum von Stoffverbrauch und Stoffwechsel, bei dem das Leben gerade noch besteht, ohne eigentlich noch in’s Bewusstsein zu treten. Auf dieses Ziel ist eine erstaunliche Menge menschlicher Energie verwandt worden – umsonst etwa?».

Es geht nicht darum, ein «böses» Facebook durch ein «gutes» zu ersetzen. Facebook bleibt Facebook. Die Steigerungsform von Zuckerberg lautet: Herrschaft! Herrschaft!! Herrschaft!!! – Ein erster Schritt bestünde vielmehr darin, das expandierende kollektive Unbewusste, das sich im Gebrauch der Geräte formiert, auf das Niveau der Einsicht zu heben, dass Technologie heute weniger unseren Bedürfnissen dient, als wir den Bedürfnissen der Technologie dienen. Geben wir Nietzsches Zarathustra zum Abschluss das Wort: «Kein Hirt und Eine Heerde! Jeder will das Gleiche. Jeder ist gleich: wer anders fühlt, geht freiwillig in’s Irrenhaus.»

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