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14th of November 2018

Digital



Bestehende Systeme behindern voll digitalisierte Geschäftsabläufe

Der Techniker legt eine Messschablone auf die Treppe und schnippt wiederholt mit den Fingern. Auf dem Kopf trägt er eine Hololens, die Mixed-Reality-Brille von Microsoft, durch die er nicht nur die Umgebung wahrnimmt, sondern auch eingeblendet Bedienungshilfen sieht, die er mit Gesten bedient. Nach der Vermessung verfügt er über ein dreidimensionales Hologramm des in Privathäusern installierten Treppenlifts. Am Tablet-Computer werden mit dem Kunden die gewünschten Spezifikationen ausgesucht, Farbe des Sitzbezugs, Form der Fussrasten. Daraus entsteht am Computer ein sogenannter digitaler Zwilling, eine virtuelle Kopie des Lifts. Oder er zieht selbst die Hololens an, um seinen Wunschlift im Betrieb und aus allen möglichen Winkeln zu betrachten. Was als technische Spielerei abgetan werden könnte, ist für den US-Technologiekonzern Microsoft die bisher umfassendste industrielle Anwendung für seinen holografischen Computer.

Die Tatsache, dass mittlerweile nicht nur Videogame-Spieler Mixed-Reality-Brillen verwenden, sondern auch ein gestandenes Industrieunternehmen sie einsetzt, ist an sich noch nichts Besonderes. Die rund 3800 Fr. – bei industriellen Anwendungen über 5000 Fr. – teuren Geräte sind mehr als nur 3-D-Brillen; es sind vollwertige, über Gesten, Sprache und Kopfbewegung bedienbare Computer.

Bei ThyssenKrupp werden sie jedoch erstmals auch als Messinstrument eingesetzt, pro Stockwerk dürfen die Abweichungen nicht mehr als 30 mm betragen, sonst müssen nachträglich kostspielige Anpassungen gemacht werden. Der wichtigste Punkt ist jedoch, dass die mit dem Schweizer IT-Dienstleister Zühlke entwickelte Lösung Hololinc in den gesamten Geschäftsprozess integriert ist.

Mitte Oktober wurden die ersten 120 Servicetechniker aus neun verschiedenen Ländern des Bereichs Treppenlifte mit Hololens, Tablet-Computer und Drucker ausgerüstet. Für den Industriekonzern hat das Geschäft eine lange Tradition, seit über sechzig Jahren stellt ThyssenKrupp Treppenaufzüge her. Jährlich werden rund 30 000 Stück verkauft.

Volumenmässig sind Treppenlifte für den Industriekonzern indes ein Nischengeschäft, das wegen der Überalterung der Gesellschaft aber rasch an Bedeutung gewinnt. In den vergangenen drei Jahren sei dieser Bereich im Schnitt um 20% gewachsen, in zehn Jahren habe er sich sogar verdoppelt, heisst es. In der rund 7,7 Mrd. € umsetzenden Aufzugssparte von ThyssenKrupp würden «rund 5% oder einige hundert Millionen Euro» mit Treppenliften erwirtschaftet, sagt der Bereichsleiter Andreas Schierenbeck an der Präsentation am Hauptsitz in Essen gegenüber der NZZ. Und ein Zurück gibt es nicht: Ab nächstem Jahr würden alle gut 300 Vertriebsleute dieses Bereichs nur noch die Hololinc genannte Technologie anwenden. In der Schweiz, wo ThyssenKrupp über Wiederverkäufer Treppenlifte verkauft, sollen auch sie in einer späteren Phase damit ausgerüstet werden.

Weil es sich bei Treppenliften stets um Einzelanfertigungen handelt, nimmt der Prozess von der ersten Ausmessung beim Kunden bis zur fertigen Installation der Anlage heute rund acht Wochen in Anspruch. Meist seien bis zu drei Besuche beim Kunden nötig, heisst es. Zudem habe ihm das Ausmessen der Dimensionen nie Spass gemacht, sagte ein britischer Techniker, der im Rahmen der seit 2017 laufenden Pilotphase mit Hololinc gearbeitet hat und von seinem neuen Werkzeug begeistert ist. Diesen Effekt nennt man Gamification.

Im Vergleich mit einem routinierten Techniker daure das Ausmessen mit der Hololens zwar noch etwas länger, erklärt er. Angestrebt wird jedoch eine Zeitersparnis von rund einer Stunde, denn mit der wachsenden Routine wird es schneller gehen. Und vor allem soll die Arbeit mit der 3-D-Brille dem Techniker mehr Spass machen. Am meisten dürfte den Vertreter aber wohl die zeitliche Ersparnis im gesamten Prozess freuen, denn je mehr der 8000 bis 12 000 € teuren Lifte er verkaufen kann, desto grösser ist am Schluss seine Provision. Nun kann er dem Kunden mit der Brille oder auf dem Tablet-Computer nicht nur genau zeigen, wie der individuell gestaltete Lift in der Realität aussehen wird, sondern ihm schon beim ersten Besuch die Bestellung ausdrucken und den Kunden diese unterzeichnen lassen.

Die Herstellung der Lifte allein nimmt bei ThyssenKrupp nach wie vor nur vier Tage in Anspruch, weil dieser Teil bereits effizient strukturiert ist. Doch nun beginnt der Herstellungsprozess schon in dem Augenblick, wo der Kunde grünes Licht gegeben hat. Das ist möglich, weil alle Produktionsdaten bereits auf der Microsoft-Cloud-Plattform Azure gespeichert sind und sie sich nahtlos in den Verarbeitungsprozess einfügen lassen.

Die nahtlose Verknüpfung aller Schritte war für die am Projekt Beteiligten offenbar die grösste Herausforderung. Die Kunst war, die verschiedenen physischen Bestandteile der Wertschöpfungskette (Internet der Dinge), die Verwaltung der Messdaten, das Bestell- und Abrechnungswesen sowie die Kommunikation und die Herstellung der Lifte in der Fabrik in einem geschlossenen Prozess zu verbinden. Laut Zühlke ist dies in einem agilen Entwicklungsprozess gemacht worden, um laufend Anpassungen vorzunehmen. Auf diese Weise hatte man schon nach neun Monaten eine funktionierende Lösung.

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