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17th of November 2018

Kultur



Maße eines Lebens: Obamas Schneider, eine deutsch-jüdische Geschichte

Im Film ist Martin Greenfield erstmal ein netter älterer Herr in einem guten Anzug. Er hält ein Maßband in der Hand und zeigt seine Werkstatt. An seinem 90. Geburtstag im vergangenen August steht er dann zwischen lauter bekannten Menschen in einem noblen New Yorker Club.

Colin Powell, der ehemalige amerikanische Außenminister, hält eine Rede, und Michael Bloomberg, früher New Yorks Bürgermeister und in zwei Jahren möglicherweise demokratischer Kandidat für die amerikanische Präsidentschaft, gratuliert Martin Greenfield. Es gibt auch eine Sequenz, die Greenfield und seine Frau vor dem Weißen Haus zeigt, als sie dort eingeladen sind.

Martin Greenfield ist nicht irgendwer. Er ist Obamas Schneider und der anderer US-Präsidenten vor ihm. Greenfield ist Teil der US-amerikanischen Elite.

Rick Minnich trägt eigentlich nie Anzüge. Maßgeschneiderte schon gar nicht. Nach dem Dreh in der Greenfield-Schneiderei hat er sich dann einen bestellt.

Rick Minnich trägt eigentlich nie Anzüge. Maßgeschneiderte schon gar nicht. Nach dem Dreh in der Greenfield-Schneiderei hat er sich dann einen bestellt.

Foto:

Berliner Zeitung/Markus Wächter

Im selben Film spielt auch die Rampe des Vernichtungslagers in Auschwitz eine Rolle. Es fällt schwer, sich den alten Herrn an diesem Ort vorzustellen – ein jüdischer Junge, 1944, im Alter von 15 Jahren. Aber genau dort, auf der Rampe, war Martin Greenfield zu jener Zeit. Er hat diesen Ort überlebt, genauso wie den Todesmarsch nach Gleiwitz (heute Gliwice) und das Konzentrationslager in Buchenwald.

Das reicht schon. Mehr Bilder braucht man nicht, um deutlich zu machen, wie weit der Weg eines Menschen sein kann.

80 Jahre sind seit den Novemberpogromen von 1938 vergangen. In Berlin wird es in dieser Woche Gedenkveranstaltungen im Abgeordnetenhaus und auf dem Gelände der Topographie des Terrors geben. Am Denkmal für die ermordeten Juden Europas werden die Namen der 55.696 ermordeten Berliner Juden verlesen. Und der Mitteldeutsche Rundfunk zeigt am Donnerstag einen Film über Martin Greenfield.

Auf den Spuren des Vaters und Großvaters

„Der Schneider der Präsidenten“ – so heißt dieser Film. Rick Minnich, 50 Jahre alt, Deutsch-Amerikaner aus Berlin, hat ihn gemacht. In seiner Wohnung in Prenzlauer Berg sieht es stark nach Familienleben aus. Überall stehen Regale mit Kisten und Kästen, in denen die Familie ihre Habseligkeiten verstaut hat. Rick Minnich hat fünf Kinder, zum Teil sind sie bereits erwachsen und ausgezogen. Aber der Platz ist noch immer beengt. Seinen Arbeitsplatz hat Minnich im Schlafzimmer, dort sitzt er oft vor einem großen Bildschirm und sieht seine Fotos durch.

Martin Greenfield in Rick Minnichs Film „Der Schneider der Präsidenten“.

Martin Greenfield in Rick Minnichs Film „Der Schneider der Präsidenten“.

Foto:

mdr fernsehen

Auch die Greenfield-Fotos hat er auf seinem Rechner im Schlafzimmer. Die meisten sind in diesem Sommer entstanden, als er mit Martin Greenfields Sohn und dessen Kindern quer durch Europa nach den Spuren des Vaters und Großvaters gesucht hat. Rick Minnich klickt durch die Bilder auf seinem Bildschirm. „Hier ist Jay, Martins Sohn, in Budapest, gleich nach der Ankunft. Hier ist das Viertel mit der Synagoge, in die sind wir nicht reingekommen. Dies sind die Bilder aus der Ukraine, wo Martin geboren wurde – in einem Dorf mit dem Namen Pavlovo. Und hier sind wir in Auschwitz und in Weimar“, sagt Rick Minnich.

Mit den Fotos hat er die Reise und die Dreharbeiten dokumentiert. Auch wenn dies noch kein Film ist, der eine Geschichte erzählt: Man begreift beim Durchsehen der Fotos sofort, was die Porträtierten auf den Bildern gerade tun.

„Measure of a Man. From Auschwitz Survivor to Presidents’ Tailor“

Viele Nachkommen von Holocaust-Überlebenden machen sich auf eine Spurensuche in Europa. Das ist seit Jahrzehnten so. Jede Generation interessiert sich von Neuem. Die Menschen wollen wissen, wo ihre Familien herkommen, wo ihr eigener Ursprung ist. Sie wollen verstehen, was ihren Vätern, Müttern, Großeltern passiert ist, warum sie so sind, wie sie sind.

In vielen Familien schweigen die Überlebenden allerdings. Sie erzählen ihren Kindern und Enkeln nicht viel über das Grauen, das sie erlebten. So war es auch bei den Greenfields. Der Vater hatte hin und wieder Albträume. Dann wussten die Söhne, dass ihn die Erinnerungen belasteten, aber er sprach nicht darüber.

Vor zehn Jahren trat er dann plötzlich in einer Fernsehsendung als Holocaust-Überlebender auf und erzählte Dinge, die er seinen Kindern nie hatte sagen können. Im Jahr 2014 ist sein Buch erschienen. Der Titel lautet „Measure of a Man. From Auschwitz Survivor to Presidents’ Tailor“. Es ist Martin Greenfields Autobiografie, es gibt sie nur auf Englisch. „Many days inside Auschwitz I was afraid I would die – and then afraid I wouldn’t“, schreibt Martin Greenfield darin. Die Angst zu sterben gepaart mit der Angst nicht zu sterben. Er schildert, wie es war, SS-Hemden zu nähen, selbst eins zu tragen, den Vater aus den Augen zu verlieren, Hunger und Prügel auszuhalten, in Selektionsreihen zu stehen, ständig den Tod vor Augen zu haben und nicht zu wissen, was als nächstes passiert.

In seinem Schatten

Das Interesse von Rick Minnich an Greenfields Leben ist nicht persönlich motiviert und auch nicht historisch. „Ich interessiere mich eher für die Gegenwart. Ich möchte wissen, wie der Holocaust vererbt wird, wie Erinnerung weitergegeben wird“, sagt Rick Minnich. Eine interessante Frage. Wie prägt das Leiden die nachfolgenden Generationen einer Familie?

„Bei Jay und Tod, den beiden Söhnen, ist das schon sehr offensichtlich. Sie sind 58 und 60 Jahre alt, aber lange nicht so charismatisch wie ihr Vater. Sie leben immer noch in seinem Schatten. Da ist der berühmte Vater, und dass er berühmt wurde, hat auch damit zu tun, dass er den Holocaust überlebte. Er ist der Präsidentenschneider, der den Holocaust überlebt hat“, sagt Rick Minnich.

Er interessiert sich auch für die zweite Besonderheit dieser Familie. In ihr wird das Schneiderhandwerk weitergegeben. Nicht nur die beiden Söhne folgten dem Vater nach. Sie sind heute die Geschäftsführer im Greenfield-Unternehmen. Gerade überlegt auch der 25 Jahre alte Enkelsohn, ins Geschäft einzusteigen.

Rick Minnich lebt seit 1990 in Berlin. Nach einem Auslandssemester in Wien fing er an, in Berlin und Potsdam Regie zu studieren. Seitdem arbeitet er von Berlin aus als freischaffender Regisseur.

„Die Kunden wollen ihn sehen, wenn sie einen Anzug bestellen"

Seine Filme folgen thematisch keinem Muster. Er hat einen über den verschwundenen Kopf der Lenin-Statue aus Friedrichshain gemacht. Einen über einen Mann, der eine Amnesie nach einem Autounfall erlebte und einige über amerikanische Themen. Gerade beschäftigt er sich mit dem Eisenbahnbau unter der Beringsee von Russland nach Alaska.

Auf Martin Greenfield ist Rick Minnich zufällig gestoßen. Ein Freund, Journalist in Leipzig, erzählte ihm von einem Mann mit dem Namen Maximilian Grünfeld, der den Holocaust überlebte und dann in Amerika als Martin Greenfield ein berühmter Schneider wurde. Er war bei einer Recherche in Buchenwald auf den Namen gestoßen.

Im Februar 2017 rief Rick Minnich bei Greenfields Söhnen an und fragte sie, ob er sie besuchen könne. Sie sagten zu. Der MDR interessierte sich für die Geschichte, weil sich ein Teil um das Konzentrationslager Buchenwald dreht, und finanzierte die Reise. „Wir haben in der Schneiderei gedreht und bei den Greenfields zu Hause. Es war nicht immer ganz einfach. Martin hört nicht mehr gut, und er geistert eher durch die Werkstatt, als dass er dort nützlich wäre. Er fährt jeden Tag in die Firma und nimmt auch noch Maß für Anzüge, aber die Chefschneiderin steht immer neben ihm und schaut auf das Maßband. Die Kunden wollen ihn allerdings immer sehen, wenn sie einen Anzug bestellen“, sagt Rick Minnich.

Die Lebensstationen in Europa

Auch er besitzt jetzt einen Maßanzug aus dem Hause Greenfield. Einen echten Martin-Greenfield-Anzug. Es ist sein einziger Anzug. „Ich dachte, wenn ich einen Film über Martin mache, muss ich auch einen seiner Anzüge tragen“, sagt er. Dummerweise hat er nicht viele Gelegenheiten dazu. Auf dem 90. Geburtstag von Greenfield im August hat er ihn angehabt.

Auf ihrer Europareise klapperten der Sohn, die Enkel und das Filmteam sämtliche Lebensstationen ihres Vaters und Großvaters ab. Sie begannen in Budapest, wo die Familie den zwölfjährigen Martin Anfang der Vierzigerjahre in einer Autowerkstatt in die Lehre gab, weil es dort für einen jüdischen Heranwachsenden sicherer war als zu Hause. Sie fuhren in den Heimatort Pavlovo und besuchten den jüdischen Friedhof, wo ein Onkel begraben liegt. Sie kamen nach Auschwitz. „Der Sohn Jay hatte immer die Bilder im Kopf, wie das war, als der Vater da war. Dies jetzt als Museum zu sehen, das fand er dann nicht so schlimm, fast harmlos“, sagt Rick Minnich.

Ein echter Ort

Zum Schluss standen sie dann in Birkenau auf der Rampe, wo der Vater mit dem Zug angekommen war, und plötzlich änderte sich etwas. „Der Historiker, der uns herumgeführt hat, konnte anhand der Tätowierungsnummer auf dem Unterarm und des Einlieferungsdatums feststellen, dass der Vater genau dort gewesen war. Wir standen auf derselben Rampe. Es war kurz vor Sonnenuntergang, für einen Filmemacher war das herrlich, weil das Licht schön war, ein bisschen windig. Das war ein emotional aufgeladener Moment. Da hat es Jay und seine Kinder dann bewegt“, sagt Rick Minnich.

Es war ein echter Ort, kein veränderter, vielleicht braucht es das für ein echtes Gefühl.

Einen ähnlichen Effekt gab es noch einmal in Thüringen. Martin Greenfields Vater war dort erschossen worden. Das wusste die Familie, sie kannte auch den Ort, wo es geschehen ist. Nur wusste niemand, wo er begraben liegt.

„Wir haben den Platz gefunden. Es ist ein Massengrab auf einem Gelände, das heute der Bundeswehr gehört. Es hat Jay, Martins Sohn, beruhigt, dort zu stehen. Es war eine Verortung“, sagt Rick Minnich.

Und das hat die Geschichte zu einem Ende geführt. Irgendwie.

Der Film „Der Schneider der Präsidenten“ läuft in der Sendereihe „Lebensläufe“ am 8.11.2018 um 23.05 Uhr im MDR.

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