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14th of November 2018

Kultur



Interview mit Regisseur Ulrich Köhler: „Wir bleiben die Spießer, die wir sind"

Am Donnerstag kommt der Film „In My Room“ in die Kinos, der in diesem Jahr beim Festival in Cannes als deutscher Beitrag uraufgeführt wurde. Der Berliner Regisseur Ulrich Köhler („Schlafkrankheit“) erzählt darin vom letzten Menschen auf der Erde. Trotz Überfluss an Ressourcen beginnt dieser Armin, um die vierzig, ein archaisches Leben zu führen. Ein Gespräch über das Bürgerliche im Antibürgerlichen, eigenartige Protagonisten und Gefühle im Kino.

Der Regisseur Ulrich Köhler,

Der Regisseur Ulrich Köhler,

Foto:

 Ostkreuz

Ihr Film ist unheimlich kurzweilig und geschmeidig. Sie erzählen viel über die Bilder, Bewegungen und Atmosphären, sodass er einem beinahe entgleitet.

Der Fluss ist mir sehr wichtig, gerade bei diesem Film, bei dem die Geschichte so viele überraschende, manchmal hanebüchene Wendungen nimmt. Wenn die Menschheit verschwindet, dann sollte das beim Zuschauer genauso langsam einsickern wie beim Protagonisten. Für mich ist die Arbeit am Rhythmus eines Films eine musikalische. Schon beim Schreiben spielen die Übergänge in Bild und Ton eine wichtige Rolle.

Apokalypse und Endzeit sind zurzeit sehr en vogue.

Das habe ich erst später festgestellt. Die Zeit des Schreibens und der Finanzierung hat lange gedauert – und dann merkt man plötzlich, man ist nicht allein auf der Welt. Mit dem Hype versuche ich mich nicht aufzuhalten. Das Denken in Themen und Trends ist sowieso eines der Grundübel im Film- und Fernsehgeschäft.

Mussten Sie sich darüber Gedanken machen, was überhaupt in einem deutschen Endzeitfilm realisierbar ist?

Natürlich war die Versuchung groß, beim Schreiben spektakuläre Bilder in der Großstadt zu entwerfen – in einer frühen Fassung gab es zum Beispiel eine Verfolgungsjagd durch das leere Berlin. Ich habe aber gemerkt, dass mich der Überfluss an Optionen wenig interessiert. Stattdessen ging es mir um die Fragen: Wer bin ich, wenn die anderen nicht mehr existieren? Was macht das mit uns, wenn wir nicht mehr der sozialen Kontrolle unterliegen? Was bedeutet es, wenn zwei Menschen sich in dieser verwaisten Welt begegnen?

Für diese Geschichte haben Sie einen eigenartigen Protagonisten gewählt: Er ist erst Loser, dann Aufreißer, dann Kleingeist, mal ist er sehr liebevoll und emotional, dann wieder nicht.

Verweigerer haben mich schon immer interessiert. Menschen, die soziale Normen nicht akzeptieren und antibürgerliche Impulse haben. Es hat mich gereizt, eine ambivalente Figur zu entwerfen, die sich im ersten Teil fremd fühlt in der Welt und sie zu kontrastieren mit einem Menschen fünf Jahre später, der Verantwortung übernimmt, Ziele hat, etwas aufbaut und auf gewisse Weise bürgerlich wird, obwohl die anderen Bürger nicht mehr existieren. Vielleicht kann er auch nur deswegen bürgerlich werden, weil er sich nicht mehr gegen seine Eltern auflehnen muss.

Ist das Antibürgerliche nur Protest?

Ich selbst führe ja inzwischen ein bürgerliches Leben: Ich habe Kinder und Familie und beginne mir – leider viel zu spät – darüber Gedanken zu machen, wovon ich im Alter eigentlich leben soll. Die Frau, die Armin nach dem Verschwinden der Menschheit trifft, geht den umgekehrten Weg, sie wollte in ihrem früheren Leben eine Familie gründen, in der menschenleeren Welt will sie sich aber nicht mehr binden, sondern in Bewegung bleiben und die verbleibende Zeit genießen.

Und das wünschen Sie anderen auch?

Die These ist eher, dass wir alle die Spießer bleiben, als die wir aufgewachsen sind. Der Antibürgerliche schleppt das Bürgerliche mit sich herum. Ich hatte früher starke antibürgerliche Impulse, die waren aber genauso dogmatisch und intolerant wie die Normen des bürgerlichen Lebens.

Hinzu kommt, dass der Protagonist irgendwann anfängt, manuell Dinge zu bauen, obwohl es Geräte dafür gäbe.

Dabei ist es ökologisch total irrelevant, ob der letzte Mensch auf der Erde mit einem 40-Liter-pro-100-Kilometer-Diesel durch die Gegend fährt. Genauso absurd ist es, in einer Welt mit Milliarden Unterkünften sich eine eigene zu bauen.

Das ist Teil des Tragischen des Films: Er könnte alles machen und bleibt in seiner Heimat.

Ausgerechnet in Ostwestfalen-Lippe. In diesem Sommer wäre die Entscheidung nicht so schlecht gewesen. Die Landwirte dort sind die einzigen, die sich nicht über die Dürre beklagen. Von der Haltung her stehe ich der Frau näher als dem Armin des zweiten Teils. Es erscheint mir egoistisch, Kinder in einer menschenleere Welt zurückzulassen und auch Armins Streben nach Autonomie entbehrt nicht einer gewissen Absurdität.

Blicken Sie auf ihn mit Ironie?

Das Tragische hat oft mit etwas Distanz betrachtet eine große Komik. Damit spiele ich gern. Überhaupt identifiziere ich mich im Kino stärker mit dem Autoren und seiner Weltsicht als mit einer Figur.

Aus Angst vor Emotionen im Kino?

Nein! Im Gegenteil: Ich hatte das Gefühl, mich mit dieser Adam-und-Eva-Liebesgeschichte deutlich stärker auf emotionalem Terrain zu bewegen als in früheren Filmen.

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