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18th of July 2018

Kultur



Deutsches Theater: Ein Flug durch die Zeit mit Jürgen Goschs „Möwe“

Es ist eine Binse, dass Theaterkritiker unter anderem deshalb ungerecht und ahnungslos sind, weil sie nur die Premieren besuchen. Ein klarer Strukturfehler, der vielleicht dafür verantwortlich ist, dass Kritiken so schnell altern. Wenn sich eine negativ besprochene Inszenierung beim Publikum doch noch durchsetzt und eine Weile gespielt wird, dann häufen sich mit jeder Vorstellung die Gegenstimmen, und der Kritiker steht blöd da.

Um den Widerspruch aufzulösen, bleiben zwei Erklärungen: Der Kritiker ist ungerecht und ahnungslos − oder die Premiere war schlecht, nicht zu vergleichen mit den folgenden Vorstellungen, in denen sich das Miteinander einspielte und der Erfolgsdruck geringer war. Schuld sind Sie, liebe Leser, denn Sie wollen zum frühestmöglichen Zeitpunkt wissen, was gespielt wird und wie es gelungen ist.

Wohltuender Knacks

Im Dezember 2008 gab es allerdings − auch von mir − fast ausschließlich positive Kritiken für Jürgen Goschs „Möwe“, eine Produktion des Deutschen Theaters, die aus Renovierungsgründen in der Volksbühne zur Premiere kam. Jürgen Gosch war zu diesem Zeitpunkt schwer an Krebs erkrankt, er musste zur Verbeugung auf die Bühne geführt werden, ein halbes Jahr später starb er. Die Theaterwelt nahm großen Anteil, und die letzten Gosch-Inszenierungen wurden schnell legendär. Man nickt einander wissend zu, wenn das Gespräch auf sie kommt. Weißt du noch, damals …

Dabei sind einige Inszenierungen noch in den Repertoires: „Der Gott des Gemetzels“ am Berliner Ensemble sowie „Onkel Wanja“ und eben „Die Möwe“ am Deutschen Theater. Am Mittwoch sah ich nach knapp zehn Jahren „Die Möwe“ wieder, und laufe seitdem mit einem wohltuenden Knacks in meinem Zeitgefühl herum. Nichts in meinem Leben ist wie damals − Wohn- und Arbeitsort haben sich verändert, ich bin älter geworden, habe auf einmal unbegreiflich große Kinder, die damals noch nicht einmal in die Schule gingen − und doch ist nichts verloren, auch die Gestorbenen sind es nicht. Der Abend hat mir gezeigt, wie man durch die Zeit springt.

Aufgehoben im Spiel

In dem Moment, als das Spiel beginnt und wie damals ein Granitblock auf die Bühne getragen wird, merke ich, dass alles, was ich nun wieder erleben werde, noch in meinem Kopf und in meinem Herzen ist. Ausgerechnet in der flüchtigsten aller Kunstformen werde ich unmittelbar in meine Erinnerung verpflanzt und erlebe Dinge, die ich offenbar nicht vergessen habe, sondern die seit zehn Jahren in mir arbeiten, sich in meine Gefühle und in mein Denken mischen − unbewusst. Im Moment des Wiedererlebens ist alles mit größter Vertrautheit und Selbstverständlichkeit präsent.

Dieses so offenherzige und nahe Elend, in dem die Figuren einander und mir begegnen! Ihre selbstzerstörerische, ehrliche Leidensbereitschaft! Meine Verlegenheit, mein Mitleid, mein vertiefendes, linderndes Wiedererkennen. Alles ist aufgehoben im Spiel und kann jederzeit wiederauferstehen. „Es gibt keine neuen und keine alten Formen“, sagt der vielfach gekränkte Kostja einmal. „Es geht um etwas anderes. Es muss einem aus der Seele fließen, aus dem Herzen.“ Die Figur scheitert daran, ihrem Spieler Jirka Zett aber fließen Herz und Seele über.Ob sich die Erinnerung an das neue Erleben anpasst und sich ihm anvertraut? Die beiden Eier, die Corinna Harfouch als Arkadina unter Tränen in sich hineinstopft, um ihre Hysterie mit hinunterzuwürgen − waren die noch in meinem Gedächtnis? Und hatte nicht Christian Grashof einst zu dick aufgetragen? Warum erscheint sein Spiel mit der Furcht vor dem Tod jetzt so reif und zwingend? Falsch mag sein Pathos sein, aber was hat er denn sonst, wenn er ruft: „Ohne Theater geht es nicht.“

Zeit anhalten

Es gibt mindestens eine Szene, in der sind nicht nur die Spieler zu Hause, sondern bin auch ich es. Ich gebe zu, es ist die einzige, in der das Leid eine regelwidrige Pause macht. Mascha und Trigorin − Meike Droste und Alexander Khuon − sind betrunken am Ende der Nacht übrig und verwandeln sich in irgendein fernes, seltsamschön singendes Wasservogelpaar, das miteinander durch die Nachtluft fliegt. In der Ahnung, dass ihr kleiner friedlicher Augenblick gleich wieder vorbei sein könnte, kippen sie noch zwei viel zu große Gläser nach und taumeln schließlich zu einem Kuss, der sie zurückholt. Hiervor hätte Gosch die Zeit anhalten sollen, noch im Flug. Aber das wäre Betrug, denn die beiden meinen einander nicht. Und Tschechow kennt nur den Trost der seelischen Nähe, aber keine Gnade. Goschs Inszenierung friert ein, als der Schuss gefallen, Kostja tot, aber die Nachricht noch nicht angekommen ist.

Im Theater, wenn es gelingt, kann der Mensch die Zeit anhalten. Dieser Haufen wunderbegabter Spieler holt Gosch zurück, den Geist der Proben, Tschechow, seine Figuren, das Leben. Man sieht es auf den ersten Blick, denn die Schauspieler sind in den vergangenen zehn Jahren keine Sekunde älter geworden.

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