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20th of October 2018

Kultur



„Hausbrand“ : Kamila Shamsie erzählt die Antigone des Sophokles neu

Antigone ist eine fromme Muslimin aus London. Als ihr Zwillingsbruder Polyneikes es nach ein paar Monaten bereut, sich dem Islamischen Staat in Syrien angeschlossen zu haben, tut sie alles in ihrer Macht Stehende, um ihn wieder nach Hause zu bringen. Der neue britische Innenminister Kreon will allerdings mit solchen Landesverrätern nichts zu tun haben. Ob sie Reue zeigen oder nicht, für ihn sind sie keine Briten mehr. Sollen sie doch ruhig in Syrien bleiben – und sterben. So muss Antigone Kreons naiven Sohn Haimon verführen, auch wenn ihre ältere Schwester Ismene sich bereits in diesen während eines Studiums im Ausland verliebt hat.

Brillante Neuauflage

Mit „Hausbrand“ schafft die britisch-pakistanische Autorin Kamila Shamsie eine brillante Neuauflage der griechischen Tragödie von Sophokles. In dieser zeitgenössischen, in Massachusetts, London, Istanbul, Raqqa und Karatschi spielenden Version sind die Hauptthemen des Originals alle enthalten und kommen aufgrund des hochaktuellen und politisierten Rahmens noch schärfer zur Geltung. Die bei Sophokles titelgebende Protagonistin Antigone wird zu Aneeka, Polyneikes zu Parvaiz, Kreon zu Karamat und Ismene zu Isma. Haimon heißt Ayman, aber alle nennen ihn Eamonn. 

Als Sohn des Innenministers mit Migrationshintergrund muss diese anglisierte Schreibweise her. Damit sich die Integration sehen lassen kann. Die Geschichte beginnt mit Isma. Nachdem sie ihre Geschwister Aneeka und Parvaiz alleine großgezogen hat, möchte sie jetzt in Amerika studieren und ihr Leben fortsetzen. Schon am Flughafen in London wird sie verhört, da ihr Vater Dschihadist war und nun auch ihr Bruder Parvaiz in seinen Fußstapfen gefolgt zu sein scheint.

Kopftuch oder Ministerposten

Isma selbst stellt keine Gefahr für den Westen dar. Als der Beamte ihren Laptop prüft und kompromittierendes Material zu finden hofft, lernt er ihren Browserverlauf kennen. Sie interessiert sich für den Ehestand eines Schauspielers und wie man „Small Talk mit Amerikanern“ führt. Es ist ein komischer und durchaus kraftvoller Moment, der sich in gewisser Weise durch das ganze Buch zieht: Ein Kopftuch oder ein Ministerposten allein machen eben keinen ganzen Menschen aus.

Muslime können sich für mehr als nur eine Sache interessieren. Um das zu illustrieren, nutzt Shamsie mehrere starke Beispiele. An einer Stelle berührt eine Muslimin besorgt ihr Nazar-Amulett (man kennt dieses blau-weiße Auge auch hierzulande aus türkischen Cafés oder Läden), ihre Freundin hatte es bis dahin für bloße Dekoration gehalten. An einer anderen Stelle unterhalten sich zwei Muslime darüber, ob Kopftücher ein Modeding, ein Muslimding oder ein Chemotherapieding seien. Und ein vom Islam gekommener Mann gesteht seinem Sohn, dass er in Stressmomenten immer noch betet. Shamsie gelingt es, in solchen Szenen ein äußerst mannigfaltiges Bild von modernen Muslimen zu zeichnen. In anderen, weniger intelligenten Büchern wären Figuren wie der „Terrorist“ oder die „Kopftuchträgerin“ bloße Karikaturen geworden.

Bezüge zu unserer heutigen Welt

In „Hausbrand“ werden sie zu echten, komplexen Menschen. Der Terrorist ist gar kein blutrünstiger Mörder, vielmehr ein dummer, manipulierbarer 19-jähriger Junge. Die Kopftuchträgerin hat ein ausgeprägtes Liebesleben, das sie oft selbst initiiert. Und Karamat Lone, der „Lone Wolf“ im britischen Parlament – kann er als stolzer Sohn von Einwanderern überhaupt Einwanderungsgegner sein, lautstarker Kritiker der islamischen Gemeinde als gelegentlicher Moscheegänger? Shamsie stellt wesentliche Bezüge zu unserer heutigen Welt und den Nachrichten her. Kann ein deutscher Fußballspieler als Patriot gelten, wenn er die Nationalhymne nicht mitsingt? Kann eine Muslima Staatssekretärin oder Sprecherin des Auswärtigen Amtes sein?

Besonders erleuchtend in „Hausbrand“ ist ein Austausch Ismas mit ihrer Professorin über die Terroranschläge in London von vor ein paar Jahren: „Die Terroristen vom 7. Juli sind in den Medien niemals als britische Terroristen bezeichnet worden. Selbst wenn das Wort britisch Verwendung fand, war es stets in Formulierungen wie Briten pakistanischer Herkunft oder britische Muslime oder, mein Favorit, Inhaber eines britischen Passes, immer eine Position irgendwo zwischen ihrem Britischsein und Terrorismus.“

Shamsie ist seit jeher an Identität interessiert. In all ihren Werken müssen sich Figuren mit der Frage auseinandersetzen, von wo sie kommen und wohin sie gehören. In „Hausbrand“, ihrem bislang besten Roman, geht es einmal mehr darum. Shamsie hört nicht auf, die richtigen Fragen zu stellen.

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