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23rd of July 2018

Kultur



Nachruf auf Claude Lanzmann: „Ich liebe das Leben wie verrückt“

Als Claude Lanzmann während der Berlinale im Februar 2013 den Goldenen Bären für sein Lebenswerk bekam, gratulierte er den Juroren, dass sie für die Zeremonie seinen Film „Sobibor, 14. Oktober 1943, 16 Uhr“ ausgewählt hatten. Das, sagte Lanzmann, sei eine „kluge und mutige“ Wahl. Denn in diesem Film töteten Juden Deutsche, und so etwas bei diesem Anlass zu zeigen, zeuge von „Fairplay and Panache“ – von Fairplay und Elan.

Es war vor allem eine Wahl, die Lanzmann Respekt erwies, indem sie eine seiner zentralen Fokussierungen in den Mittelpunkt stellte: den Widerstand unter Einsatz des Lebens. Einem der Zeitzeugen aus „Sobibor“, Yehuda Lerner, der als Sechzehnjähriger einen SS-Mann mit dem Beil erschlug – der Beginn des Aufstands von Sobibor – fühlte sich Lanzmann innerlich nahe. Die Distanz, die für ihn sonst so notwendig war, um die Überlebenden in seinem monumentalen Werk „Shoah“ dazu zu bringen, das industrialisierte Morden präzise zu beschreiben, diese, beide schützende Distanz ist im Gespräch mit Lerner fast verschwunden.

Atemlos und sprunghaft

Lanzmann, geboren 1925 in Paris, als Sohn einer assimilierten jüdischen Familie, war knapp achtzehn Jahre alt, als er sich im Lycée in Clermont-Ferrand einer kommunistischen Schüler-Widerstandsgruppe anschloss. Flugblätter hatte er verteilt, im Keller der Schule Schießübungen absolviert. Den Spitzeln der Gestapo entkam die Familie im besetzten Frankreich mit gefälschten Papieren. Nach dem Krieg lebte Claude Lanzmann zwei Jahre in Berlin, als Lektor an der gerade gegründeten Freien Universität im damaligen West-Berlin. Auf Wunsch der Studenten hielt er ein Antisemitismus-Seminar, das der Universitätsleitung missfiel. Ein Artikel, den Claude Lanzmann Anfang 1950 in der Berliner Zeitung über Missstände an der FU publizierte, führte zu einem Eklat.

Lanzmann 1

Claude Lanzmann (l.) mit Benjamin Murmelstein, dem Judenältesten von Theresienstadt.

In seiner leidenschaftlichen Lebenserzählung „Der patagonische Hase“ liest sich die Berliner Episode ebenso wie Lanzmanns Jugend wie ein Kapitel aus einem Abenteuerroman, atemlos und sprunghaft. Was seine Beteiligung an der Résistance betrifft, so ist Lanzmann voller Verwunderung über seinen einstigen Übermut, von dem er glaubt, dass er mehr der Ahnungslosigkeit als der Opferbereitschaft geschuldet war. „Die Frage nach Mut und Feigheit ist der rote Faden, der dieses Buch und mein Leben durchzieht“, schreibt Claude Lanzmann. Und nur wenige Seiten zuvor findet sich die Erklärung für seinen tiefen Konflikt: „Dem Leser wird klar sein, dass ich das Leben geradezu verrückt liebe, auch jetzt noch, da der Abschied von ihm nahe ist.“

Ein „nicht zu bewältigender Film“

Kann jemand, der das Leben so liebt, wirklich zum Helden werden? Ist das überhaupt erstrebenswert? Seine Liebe zum Leben sei vergiftet gewesen von der Angst, sich unter der Folter feige zu verhalten, erzählt Lanzmann in seiner Autobiografie. Er musste diese Probe nicht durchleiden. Sein Mut aber zeigt sich in jenem fundamentalen Werk von 1985, das er für immer der Menschheitsgeschichte eingeschrieben hat. „Shoah“, ein „nicht zu bewältigender Film“, wie Lanzmann sagte. Zwölf Jahre arbeitete er an dem Film, entschlossen zur Unabhängigkeit von all jenen, die nach Bildern gierten, Bildern aus den Todeslagern, die die Wahrheit der Stimmen, die Lanzmann zum Sprechen brachte, illustrieren sollten. Und sie dabei zerstört hätten. Denn die tatsächlich überwältigende, nicht zu bewältigende Wucht dieses Filmes beruht auch auf der Abwesenheit solcher Bilder.

Neun Stunden lang vergegenwärtigt Lanzmann den Tod, das Handwerk des Tötens. Nicht von der Deportation, den Konzentrationslagern und vom Überleben legt sein Film Zeugnis ab, sondern vom Sterben. Diejenigen, die davon berichten, sind an die letzte Schwelle gelangt, als Arbeitssklaven der Sonderkommandos. Gezwungen die Toten aus den Gaskammern zu holen, die Leichen zu verbrennen, Spuren zu beseitigen, bis auch sie ermordet werden sollten. „Wiedergänger“, nannte Lanzmann die Zeugen vor den Gaskammern. Wie den Friseur Abraham Bomba, der den Frauen vor ihrer Ermordung das Haar abschnitt. Wie Simon Srebnik, den Jungen, der zum Vergnügen der SS auf einem polnischen Fluss Soldatenlieder singen musste.

„Hier ist kein Warum“

„Orte, Stimmen, Gesichter“, schrieb Simone de Beauvoir. Sie war die Erste, die „Shoah“ bei aller Skepsis gegen den von ihr verwendeten Begriff als „poetische Konstruktion“ betrachtete, als Kunstwerk. Wie Lanzmann diese Gesichter fand, wie er die Menschen dazu brachte, sich seinen Fragen auszusetzen, wusste er vielleicht selbst nicht. Aber er wusste genau, warum er es tat: Es steht als Zitat aus dem Buch Jesaja, Kapitel 56, Vers 5, am Beginn seines Films: „Einen ewigen Namen will ich ihnen geben, der nicht vergehen soll.“

Lanzmann 2

Claude Lanzmann in Paris 2015.

Foto:

imago/PanoramiC

In seinem Essay „Hier ist kein Warum“ legte Claude Lanzmann luzide dar, weshalb gerade die Frage nach dem Grund für die Ermordung der europäischen Juden von so großer Perfidie ist. „Tatsächlich liegt in dem Versuch, verstehen zu wollen, eine unglaubliche Obszönität. (…) Um dem Schrecken ins Gesicht sehen zu können, muss man jeder Form von Zerstreuung, jeder Ausflucht abschwören und vor allem und zuallererst der so zentralen, aber falschen Frage nach dem Warum mit all den endlosen, akademischen Frivolitäten und schäbigen Kunstgriffen, die sie mit sich bringt.“

Jede Zeit war seine Zeit

„Shoah“ löste nicht nur den vielfach schon verbrauchten Begriff „Holocaust“ ab, der neunstündige Film wurde zum Maßstab für alle Dokumentationen, die sich mit der Shoah befassten. Auch Jahrzehnte nach der deutschen Premiere im Forum der Berlinale ist nichts an diesem Film an seine Entstehungszeit gebunden. Gegenwart und Vergangenheit durchdringen einander in den Bildern der polnischen Dörfer und Landschaften, den Stimmen von Tätern, Opfern und Zuschauern. Lanzmann folgte darin dem Historiker Raul Hilberg, dessen Nüchternheit und Verzicht auf Emphase dem Fragen stellenden Lanzmann zum Vorbild geworden sein mögen. In späteren Filmen wich er davon ab – „Tsahal“, eine Dokumentation über die israelische Armee, bezog eindeutig Position für die Militarisierung Israels.

Über den Nahost-Konflikt war Lanzmann schon Jahre zuvor mit Sartre in Disput geraten, ohne dass es die lebenslange Freundschaft zwischen dem Philosophen und Lanzmann erschüttert hätte. Auch die sieben Jahre dauernde Liebesbeziehung zwischen Simone de Beauvoir und dem 17 Jahre jüngeren Lanzmann, anfangs noch Journalist, konnte dem Einverständnis zwischen allen Beteiligten nichts anhaben. Eine große Begabung zur Freundschaft spricht aus Lanzmanns Buch, Ausdruck jener „verrückten Liebe zum Leben“, die er in allen Lebensaltern behielt. Er hat jede Zeit zu seiner Zeit gemacht, nicht, indem er das Altern leugnete, sondern indem er das Vergehen der Zeit während der Arbeit an seinen Filmen einfach ignorierte.

Nochmal erleben, nicht erinnern

In den letzten Jahren vollendete Lanzmann vor allem Filme, die sich aus Gesprächen speisten, die er in „Shoah“ nicht verwendet hatte. Wie den Film über Benjamin Murmelstein, den kontrovers betrachteten Judenältesten von Theresienstadt. Unter dem Titel „Der letzte der Ungerechten“ strahlte Arte im Januar 2018 diesen und einen weiteren Film von Claude Lanzmann aus – „Vier Schwestern“. Sein Prinzip, auf jede Illustration mit Archivbildern zu verzichten, behielt er auch dreißig Jahre später bei. Die Stimmen der Schwestern berichten von äußerster Gewalt und Grausamkeit, zerrissen zwischen der Qual, Unsagbares wieder zu erinnern und der Notwendigkeit, Zeugnis abzulegen.

Ruth Elias, eine der Schwestern, wurde mit ihrem Baby zum Versuchsobjekt der KZ-Ärzte, einer davon war Josef Mengele. Ihr Baby durfte sie nicht stillen, die Ärzte wollten zusehen, wie lange ein Baby ohne Nahrung überlebt. Über jene, die Claude Lanzmann befragt hat, sagte er später: „Um zu erzählen, was sie gesehen und erlebt hatten, mussten die Leute den höchsten Preis bezahlen: revivre – nochmals erleben. Nochmals durchleben – und nicht erinnern. Dies ist der Preis der Wahrheit. Und diese Wahrheit wollte ich ergründen und weitergeben.“

Claude Lanzmann starb am Donnerstag im Alter von 92 Jahren in Paris.

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