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20th of October 2018

Kultur



Die Wahrheit der Diva: Musikwelt nimmt Abschied von Montserrat Caballé

Zu den letzten Takten von Giacomo Puccinis „Tosca“ soll sich die Titelheldin verzweifelt von der Engelsburg in die Tiefe stürzen. Ein heikler Vorgang, der Sopran muss sich fallen lassen auf eine Matte, die den Blicken des Publikums entzogen ist, und das kann verdammt albern aussehen.

Montserrat Caballé, das konnte man in den achtziger Jahren in der Inszenierung von Boleslaw Barlog sehen, die noch immer auf dem Spielplan der Deutschen Oper Berlin steht, sprang nicht und ließ sich auch nicht fallen. Sie ging zur Seite ab. Derlei Stolz, derlei souveräner Verzicht auf szenischen Realismus zeigt viel vom Verständnis dessen, was Operngesang einmal war: Da ging es nicht um dramatische Wahrhaftigkeit, sondern um eine musikalische, die indes ganz und gar vom Star bestimmt wurde.

Auftritte der Caballé oder des ebenfalls praktisch immobilen Luciano Pavarotti ragten weit in die Ära des sogenannten „Regietheaters“ auf der Opernbühne hinein. Mit modernen Anforderungen wie Schauspiel gaben sich diese Sänger nicht ab. Ihre Auftritte, die das gesungene Werk zur Präsentationsgrundlage ihrer vokalen Mittel degradierten, waren zugleich albern und grandios. Dieser Sängertypus ist noch nicht ausgestorben, gilt aber mittlerweile als antiquiert. Mit Montserrat Caballé ist am Samstag in Barcelona eine der letzten Diven großen Stils gestorben.

Möglichkeit zur Profilierung

Geboren wurde Montserrat Caballé am 12. April 1933 in Barcelona und absolvierte am Konservatorium ihrer Heimatstadt ein umfassendes Musikstudium inklusive Harmonielehre und Komposition. Ihre ersten Engagements bekam sie in Basel und Bremen; sie sprach fließend Deutsch. Beinah wäre sie an diesen Häusern in viel zu schweren Partien verheizt worden; auf Empfehlung des damaligen Bremer Generalmusikdirektors Gerd Albrecht löste sie 1961 ihren Vertrag und begann ihre Karriere von neuem.

Die große Zeit der Maria Callas ging gerade zuende, im von ihr neu zum Leben erweckten Belcanto-Repertoire sah die Caballé eine Möglichkeit zur Profilierung. Der neue große Name in diesem Bereich, Joan Sutherland, verschob bereits die von der Callas gesetzten Akzente vom Dramatischen zum Technischen, und als Sutherland einen Auftritt in der Carnegie Hall absagen musste, war das für Montserrat Caballé die Gelegenheit: Als Lucrezia Borgia in Donizettis gleichnamiger Oper wurde sie stürmisch gefeiert.

Meister wird man nur bei Meistern

Technik war die entscheidende Grundlage. Wie der große deutsche Gesangsexperte Jürgen Kesting schrieb, lernte sie von den Besten der Besten, wie man den Atem führt, wie man die zartesten und dennoch tragenden Pianissimi singt, wie man der Stimme Farben abgewinnt: „Meister wird man nur bei Meistern“, war ihr Motto.

Nach ihrer Aufnahme von Verdis „La Traviata“ von 1967 galt sie als eine der ersten Sängerinnen des Planeten und war begehrter Gast all seiner bedeutenden Opernhäuser. Auch wenn die Violetta als eine ihrer Paraderollen gelten muss, waren die Stärke der Caballé wohl weniger psychologisch ausgefeilte Rollenporträts; deswegen hatte sie auch mehr Erfolg mit Ariensammlungen als mit Operngesangsaufnahmen.

In der noch immer klassischen „Turandot“ unter Leitung von Zubin Mehta singt die Titelpartie der kalten chinesischen Königin ihre ältere Konkurrentin Joan Sutherland, sie selbst singt die liebende, treue Sklavin Liú. Der Unterschied des Stimmtypus ist signifikant: Caballé singt weicher, berührender – aber das ist fast mehr eine naturgegebene Qualität ihrer Stimme als ein Moment ausgefuchster Absicht. Caballé erfasste den Ausdruck scheinbar naiv durch ihren klaren Begriff von den technischen Besonderheiten einer Partie, nicht durch deren dramaturgische Analyse.

Eine lange Karriere 

Montserrat Caballé wurde berühmter, als es sich heutige Opernsänger vorstellen können. Huldvoll wurde ihr von ihrem Bewunderer Freddy Mercury angetragen, mit ihm zusammen aufzutreten. Auch wenn Puristen dagegen wetterten: Es hatte seine eigene künstlerische Konsequenz, wenn sie mit Mercury, Johnny Hallyday oder Helmut Lotti im Duett sang – eine Diva mit Angst vor dem Populären gerät leicht in den Ruf des Abgehobenen und Hochmütigen – und daran hatte die Caballé kein Interesse. Sie betonte ebenso ihre Identität als Spanierin – auch wenn die Katalanen sie als eine der ihren betrachteten – durch das schon in ihren Anfängen gepflegte Singen von Zarzuelas.

Ihre enorme Gesangstechnik erlaubte ihr eine lange Karriere mit rund 90 Opernpartien, darunter neben dem italienischen Repertoire auch Salome und Isolde. Noch mit 74 Jahren trat sie an der Wiener Staatsoper auf, und im Juni diesen Jahres in Kiew. Das klang nicht mehr unbedingt schön – aber wer würde der letzten großen Diva so etwas ernsthaft vorwerfen?

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