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20th of October 2018

Kultur



Deutsche Oper: Moderne Interpretation von „Wozzeck“ wirkt seltsam verkürzt

„Wozzeck“ spielt in Oslo: Neu ist das bestimmt, und es ist auch nicht wenig skurril. In der großen Wirtshausszene im zweiten Akt etwa füllt sich die Bühne der Deutschen Oper mit Damen in bestickten Trachten und Männern mit Matrosenmützen auf dem Kopf (Kostüme: Maria Geber). Allesamt wedeln sie mit ihren Norwegenfähnchen und singen dazu „Ein Jäger aus der Pfalz“ (sic!) oder später auch: „Ins Schwabenland mag i nit“.

Gleich zu Beginn hatte Ole Anders Tandberg, der Alban Bergs Georg Büchner-Vertonung hier in das Umfeld seiner Heimat verpflanzt hat, deutlich gemacht, dass er Skurrilitäten mag. Der Hauptmann (angemessen schrullig: Burkhard Ulrich), in norwegische Galauniform gesteckt, reitet da auf einem ausgestopften, dramatisch sich aufbäumenden Pferd, während Wozzeck nicht ihn rasiert, sondern sechs Mitglieder der Palastwache. Und zwar deren Schambehaarung. So muss man jedenfalls vermuten, denn die Wachleute stehen mit dem Rücken zum Publikum, sauber aufgereiht, die Hosen heruntergelassen. Der Reihe nach werden sie von Wozzeck, der sich hinunterbeugt, behandelt.

Bühnenbild mit Liebe zum Detail 

Fast schon beflissen hat Tandberg versucht, „Wozzeck“ in die heutige Zeit zu transportieren, dabei die ein oder andere surreale Szene wagend wie zu Beginn. Er verlegt die Handlung der Oper auf den norwegischen Nationalfeiertag, der jährlich am 17. Mai begangen wird, und er hat – das erfährt man aus dem Programmheft – als Spielort das Innere eines Kaffeehauses in der Nähe des Osloer Königsschlosses nachbauen lassen.

Der Bühnenbildner Erlend Birkeland stellt es in schlichter Großräumigkeit und mit Liebe zum Detail auf die Bühne. Weil dort am Nationalfeiertag viel Volk vorbeikommt, das auch in „Wozzeck“ auftaucht (Militär, Musikkapellen, Vergnügungswillige) schien Tandberg dieser Spielort passend.

Stabile Bürgerlichkeit, gesetzte Souveränität

Was hier am Feiertag nicht vorbeikommt sind mittellose, vom Kampf um ihre Existenz gezeichnete Menschen, wie sie Büchner eigentlich auf die Bühne bringt. Auch Wozzeck erscheint hier im gut sitzenden Anzug. In Johan Reuters Darstellung ist er ein kräftiger Mann, der manchmal ein wenig nervös ist, sonst aber recht gesund zu sein scheint.

Marie, seine Gefährtin, die sich mit einem Tambourmajor einlässt (staubfrei: Thomas Blondelle), scheint ebenfalls von stabiler Bürgerlichkeit zu sein. Elena Zhidkova mit warmem Sopran gibt ihr stimmlich wie gestisch eine Anmutung von gesetzter Souveränität. Ihr Sohn, das „arm“ Hurenkind“ ist ebenfalls in einen Anzug gesteckt und futtert Torte.

Unnahbare, emotionsarme Figuren

Materielle Probleme scheint es, anders als bei Büchner, in dieser Welt also nicht zu geben. Insofern ist Tandberg sicherlich nahe an der Realität des durchschnittlichen Operngängers, aber das Stück erscheint seltsam verkürzt. Denn eigentlich müsste es nun um rein psychologische Vorgänge gehen, doch kann der Betrachter den Figuren kaum eine Gemütsregung ansehen. Man sieht flache Charaktere, denen nicht einmal anzumerken ist, ob sie etwas verbergen.

Dass Wozzeck seiner Marie am Ende die Gurgel durchschneidet, das überrascht bei Tandberg völlig. Zwischen beiden war zuvor ein eher schwach ausgeprägtes Interesse zu beobachten. Dass Wozzeck sich danach auch selbst noch die Pulsadern öffnet: ebenso eigenartig, nachdem er zwar ein wenig herumgestampft hatte in seiner Eifersucht, aber nie wirklich angegriffen wirkte.

Zwischen den Szenen erscheint Wozzecks Kopf in riesenhafter Vergrößerung auf dem Vorhang, in Frontalansicht von einer Videokamera aufgenommen. Wir sehen die Augenlider sich öffnen und schließen, die Gesichtsmuskeln hin und wieder zucken, und es wird klar: Nicht einmal in dieser Nähe wird uns dieser Mann wirklich nah.

Die Musik hat es schwer

Es mag Ole Anders Tandbergs Ziel gewesen sein, die Entfremdung des Menschen in einer erstarrten Gesellschaft vorzuführen, in der alle versuchen, ihre Gefühle zu beherrschen. Aber was, wenn dem Publikum jene Vorgänge zwischen den Figuren, die die Handlung verständlich machen, nicht einmal mehr erahnbar werden? Vielleicht sollte in Tandbergs Konzept hier die Musik einspringen als Stimme, die sämtliche inneren Vorgänge ausdrückt.

Aber Alban Bergs hochdifferenzierte Musik hat es schwer gegen die weite, oft grell erleuchtete Bühne, die den Sehsinn beschäftigt mit ihrer filmisch realen Ausstattung. Auch ein glänzender Auftritt des Orchesters der Deutschen Oper kann daran wenig ändern. Transparent und präzise spielt das Ensemble unter der Leitung von Donald Runnicles und zugleich mit einnehmendem Schwung und starker Empfindung. Auf der Bühne scheint man davon nichts mitzubekommen.

Weitere Aufführungen: 10., 13. und 19. Oktober, Deeutsche Oper, Bismarckstr. 35

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