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20th of October 2018

Kultur



Musikerin Kerstin Ott: Das Aschenbrödel der Schlagerwelt

Kerstin Ott ist einer dieser Menschen, die es von Anfang an schwer haben: Drei Jahre ist sie alt, als das Jugendamt Berlin sie zum ersten Mal aus ihrer Familie nimmt. Von sechs bis dreizehn lebt sie bei einer kalten, autoritär geführten Pflegefamilie in Liesbüttel. Die nächste ist besser, liebevoller, aber da hat Kerstin Ott schon ein paar Dinge gelernt, die ihr später immer wieder auflauern werden: Nähe ist gefährlich, und jeder ist auf sich allein gestellt. Und das Tauschgeschäft des einsamen Kindes: Charme gegen Zuneigung. So beschreibt sie es in ihrer Autobiografie, die dieser Tage erscheint.

Schon als Kind kann sie so gut singen, dass sie zweimal in Rolf Zuckowskis Show auftritt, mit Soli. Als Jugendliche fängt sie an, Lieder zu schreiben. Nicht viele, nur, wenn ihr gerade etwas einfällt. Eins davon: „Die immer lacht“, über ihre Freundin Jenni, die hinter einer fröhlichen Fassade mit Depressionen zu kämpfen hat. „Und nur sie weiß, es ist nicht wie es scheint, sie weint aber nur, wenn sie alleine ist, denn sie ist die eine, die immer lacht.“ Sie spielt es ihr vor, auf der Toilette sitzend, während Jenni im Nebenraum zuhört – Kerstin Ott kann es lange Zeit nur betrunken ertragen, beim Singen angeschaut zu werden. Die Freundin weint und fällt ihr um den Hals.

2005 etwa nimmt Kerstin Ott das Lied in einem Studio auf, spielt es ab und zu mal während ihrer DJ-Sets in Kneipen, verschenkt ein paar gebrannte CDs an Freunde, irgendwer stellt es auf Youtube. Dann lebt sie ihr Leben weiter: Als Malerin renoviert sie Häuser, sie besiegt eine Spielsucht, heiratet, lässt sich wieder scheiden, verliebt sich in ihre heutige Frau Karolina.

Eine SMS verändert alles

Dann 2015: Kerstin Ott und Karolina liegen abends bei Kerzenschein im Wohnzimmer, als ihr Handy piept: eine SMS ihrer ersten großen Liebe und heutigen besten Freundin Birte. Sie wird ihr Leben verändern. Das sächsische DJ-Duo Stereoact hat „Die immer lacht“ auf Youtube entdeckt, einen Dance-Remix daraus gemacht und selbst ins Internet hochgeladen.

Dann geht alles ganz schnell: Ott nimmt über Facebook Kontakt zu Stereoact auf. Sie wird schon dringend gesucht: Die Musiker wollen das Lied richtig veröffentlichen, nicht nur auf Youtube. In der Stereoact-Version wird der Song über eine Million Mal verkauft und damit eine der erfolgreichsten deutschen Singles überhaupt. 

Heute, nur drei Jahre später, ist Kerstin Ott bei Universal unter Vertrag und hat zwei eigene Alben veröffentlicht: „Herzbewohner“ bekommt Platin, und das zweite, „Mut zur Katastrophe“, ist im August auf Platz drei der Albumcharts eingestiegen. Dass sie die Honorare und Tantiemen heute immer noch in ihre alten Maler-Löhne umrechnet, ändert nichts: Kerstin Ott ist ein Star.

Ob Königinnenschloss oder Musikgeschäft

Ihr Leben ist ein wahr gewordener Aschenbrödel-Traum, nur dass man Ott niemals im Ballkleid erwischen würde. Und es ist ja auch so, dass man bei solchen Erzählungen immer noch ein zweites Mal hinsehen sollte. Ob Königinnenschloss oder Musikgeschäft: Vorne glitzert es prächtig, aber hinter den Kulissen werden Intrigen gesponnen und Menschen verheizt. Der Tod von Daniel Küblböck – noch so einer, der immer lachte – hat erst jüngst wieder gezeigt, wie grausam Menschen an der Unterhaltungsindustrie zerbrechen können.

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Die Fallstricke des Business, das ihr ein völlig neues Leben eröffnet hat, sind Ott bewusst: „Ich bin ein sehr emotionaler Mensch“, sagt sie, „und da muss man im Showgeschäft gut auf sich aufpassen. Weil es viele Leute gibt, die versuchen, deine Knöpfe zu drücken und das auszunutzen.“ Ott passt auf und lässt auch aufpassen, von ihrer Frau Karolina Ott und ihrem Manager Holger Storm, der früher Stars wie Scooter oder Blümchen betreut hat. Die drei sind ein eingeschworenes Team. Wer und was an Kerstin Ott herankommt, bestimmen Karolina und Holger. Kerstin Ott hat in ihrem 36-jährigen Leben schon oft genug den Halt verloren. Sie umgibt sich nur noch mit Menschen, denen sie vertrauen kann. Die echt sind.

Der Paradiesvogel der Szene

Diese Echtheit sehen viele Fans auch in ihr. Kerstin Ott ist ein charismatischer Mensch, aber sie schwebt nicht im knappen Glitzerkostüm von der Decke. Die Leute merken: Das könnte ich sein! Man kann eine Bühne auch in Jogginghose betreten, ohne offensichtliches Untergewicht, und erst mal sagen, dass man sich heute ziemlich schüchtern fühlt. Kerstin Ott würde über Schlagerkollegen wie Helene Fischer kein schlechtes Wort verlieren, aber es ist nicht zu übersehen, dass sie der Paradiesvogel der Szene ist – ausgerechnet sie, die am wenigsten funkelt. Burschikoses Auftreten, einfache Lieder, ihr einziges Zugeständnis an den Mainstream: der elektronische Club-Sound und sehr schöne Frauen, gerade in den frühen Videos. Aber bei Liveauftritten stehen nur sie und ihre Gitarre auf der Bühne. Tanzen, hüpfen? Kommt nicht in Frage.

Ihr kriegt mich so oder gar nicht. Das war auch die Ansage an ihre Plattenfirma. Kerstin Ott, die es schon als Kind nicht leiden konnte, wenn ihr Pflegevater ihr sagte, was sie zu tun oder zu lassen hatte, lässt sich nicht verbiegen: „Ich ziehe keine Klamotten an, die ich nicht anziehen will, ich singe nicht, was ich nicht singen will. Ich setze mich auch nicht zwei Stunden in die Maske. Ich weiß, dass ich danach besser aussehe, aber es ist nicht das, was ich bin, und auch nicht das, was ich darstellen möchte.“ Universal sagte: Okay! Und wenn Plattenfirmabosse okay sagen, dann tun sie es nicht aus der Güte ihres Herzens. Dann schätzen sie ein Konzept als profitabel ein.

DIE FAST IMMER LACHT - Cover - 2D - HiRes (1)

Kerstin Ott: Die fast immer lacht, Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2018, 288 Seiten, 19,99 Euro

Foto:

Schwarzkopf Verlag

Auch Kerstin Ott weiß, dass sie mit dem Echten, Authentischen eine Lücke füllt. Auch wenn „Die immer lacht“ in einer Dance-Version zum Hit wurde, hat der Song, mit dem sie den Durchbruch schaffte, einen ganz bestimmten Ton gesetzt. „Ich habe so viele Frauen und manchmal auch Männer vor der Bühne weinen sehen, weil das Lied einfach so viele beschreibt. Alle funktionieren wie kleine Maschinen. Nach außen hin ist immer alles hervorragend, jeder hat ein tolles Auto und auf Instagram denkt man, die haben schon die zehnte Weltreise hinter sich. Aber im Inneren sieht es ganz anders aus.“

Ott hat selbst lange so leben müssen. Ihre Autobiografie „Die fast immer lacht“ wirkt so grundehrlich wie Kerstin Ott auf der Bühne. Gerade die, die immer lachen, sollen darin sehen: Auch die Berühmten und Erfolgreichen müssen kämpfen, um glücklich zu sein. Und um Ruhm und Erfolg geht es auch gar nicht. „Es ist natürlich toll, wenn man genügend Geld verdient, da will ich jetzt mal nicht so tun“, sagt Kerstin Ott. Aber das Wichtigste sind Karolina und die beiden Töchter, die drei Hunde, die guten Freunde, das Werkeln. Deshalb, sagt Kerstin Ott, entscheidet sie sich Tag für Tag wieder dafür, ihr Bestes zu geben. Aber: „Wenn es irgendwann nicht mehr klappt, dann kann ich's nicht ändern.“ Sie habe ja noch einen Beruf, sagt sie: „Ich bin Handwerker, ich kann mit meinen Händen auch Geld verdienen.“

Doch das wird erst einmal nicht nötig sein. Das Album läuft gut, ihr Buch erscheint. Und Silvester tritt Kerstin Ott vor Zehntausenden Menschen am Brandenburger Tor auf.

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