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19th of October 2018

Kultur



Leo & Gutsch: Im MeToo-Workshop

Ich war mit meiner Frau und den Kindern im Gorki-Theater. Dort fällt man als Mensch, der auf die Fünfzig zugeht, ziemlich auf. Der normale Gorki-Theater-Besucher ist Anfang zwanzig bis maximal Mitte dreißig. Wer älter ist, wird vom ebenfalls blutjungen Einlasspersonal skeptisch beäugt. Wahrscheinlich fragen sie sich, ob das Risiko, dass Typen wie ich während der Vorstellung sterben, nicht viel zu groß ist.

Meine Frau Catherine hatte das Stück ausgesucht, es ging um die MeToo-Debatte und die Frage, wie Frauen und Männer einen neuen Umgang miteinander erlernen können. Meine Frau meinte, für unsere Töchter sei das ein wichtiges Thema, weil sie ja gerade anfangen mit ihrem Beziehungsleben. Ich selbst habe mir angewöhnt, wann immer der Begriff MeToo fällt, den Blick zu senken und stumm und nachdenklich, aber auch ein wenig selbstkritisch zu nicken. Damit kommt man meistens ganz gut durch. Was ich nicht mehr mache, ist: darüber reden. Habe ich versucht, bringt nur Probleme. Meine Frau sagt, ich sei eben auch so ein alter weißer Mann, der nichts dazulernen will. Insofern war dieser Theaterabend wohl auch für mich als Fortbildungsmaßnahme gedacht.

Leicht und traurig, verspielt und ernst

Entsprechend motiviert betrat ich den Theatersaal, wobei ich schnell merkte, dass das Stück wirklich gut war. Leicht und traurig, verspielt und ernst. Ich dachte, wie schön es doch wäre, wenn man ein wenig von dieser neugierigen, unaufgeregten Gorki-Stimmung in die Gesellschaft tragen könnte. Und ich wollte mich gerade bei meiner Frau für den wunderbaren Abend bedanken – als der Workshop losging.

Die Zuschauer wurden in Gruppen aufgeteilt, dann mussten wir Rollenspiele machen, von den Schauspielern angeleitet. Aber zuerst wurde eine Frage gestellt: Wie hat die MeToo-Debatte das Verhältnis zwischen Männern und Frauen verändert? Durch das Foyer führte eine Linie, auf der wir uns positionieren sollten. Wer meinte, das Verhältnis zwischen den Geschlechtern sei besser geworden, sollte sich vorne hinstellen, wer dagegen eine Verschlechterung spürte, sollte sich nach hinten zur Tür begeben. Das Ergebnis war recht eindeutig: Fast alle standen vorne. Hinten an der Tür stand nur ein Typ, der mindestens zwei Meter groß war und stark schwitzte. Daneben stand ich. Zwei alte weiße Männer, die immer noch nichts kapiert hatten.

„So, nun erzähl mal, Papa.“

In diesem Moment begannen die Rollenspiele, die man mit dem Partner absolvieren musste, der gerade neben einem stand. Wir sollten uns an den Händen fassen und lange in die Augen schauen, um die überraschende Nähe zu einem Fremden zu erfahren. Der schwitzende Riese zog mich an sich. Aus den Augenwinkeln sah ich meine Frau, die in den Augen eines attraktiven Studenten versank. In der nächsten Übung sollten wir über unsere Sexualität sprechen. Glücklicherweise wurden dafür die Partner gewechselt. Unglücklicherweise stand ich nun meiner Tochter Anais gegenüber. Sie sagte: „So, nun erzähl mal, Papa.“

Ich flüsterte: „Du lässt mich in Ruhe, ich lass dich in Ruhe!“ Zum Schluss sollten wir noch lernen, Nein zu sagen. Es wurde Musik gespielt, wir sollten durch den Raum schlendern, und wenn die Musik anhielt, der Person, vor der man gerade stand, eine Frage stellen, die diese Person mit Nein beantworten musste, woraufhin man selbst sagen sollte: „Schön, dass du auf dich aufpasst!“ Ich war zu diesem Zeitpunkt emotional schon ziemlich erschöpft, wankte durch den Raum und versuchte, dem schwitzenden Riesen und meinen Töchtern auszuweichen. Als die Musik ausging, stand ich vor einer stark tätowierten Frau, die mich drohend anblickte. Ich fragte: „Ist das hier die Hölle?“ Sie sagte: „Nein!“ Ich sagte: „Schön, dass du auf dich aufpasst!“ Es war das mit Abstand dämlichste Gespräch, das ich je mit einer Frau geführt habe.

Leo & Gutsch lesen am 12. Oktober in der Ufa-Fabrik aus ihrem Buch „Es ist nur eine Phase, Hase“.

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