Add to favourites
News Local and Global in your language
14th of November 2018

Kultur



Armin Petras im Interview: „Ich frage mich, wie man die Leute mit Theater erreicht“

November in Berlin. Die Sonne strahlt, wir nehmen beim Bäcker einen Pfeffi-Tee auf die Faust und setzen uns in den Garten der Charité. Armin Petras steckt mitten in den Endproben. Am Sonntag hat seine Inszenierung von Clemens Meyers Erzählband „Stille Trabanten“ in den DT-Kammerspielen Premiere. Gestresst wirkt er nicht, sogar die typische Nach-Premieren-Erkältung, die eigentlich erst ausbricht, wenn die Spannung abfällt, hat ihn schon jetzt ereilt. Das liegt wohl daran, dass er nach zwölf Jahren als Intendant und zwanzig Jahren in Leitungspositionen alle Ämter niedergelegt hat. Sein Vertrag in Stuttgart war bis 2021 ausgehandelt, „aus persönlichen und familiären Gründen“ hat er ihn im Sommer vorzeitig beendet.

Herr Petras, wie fühlt man sich als Nurnoch-Regisseur?

Toll. Ein bisschen wie ein Schulschwänzer. Ich sehe wahnsinnig wenige Leute, nur die zehn Hanseln, mit denen ich probe. Als Intendant sind es zehnmal so viele, man ist ständig am Kommunizieren. Was jetzt auf einmal möglich ist! Ich kann einfach mal nachmittags so einen Papptee trinken gehen − auch ohne Interview, oder verreisen, ohne mich überall abzumelden. Die ganzen Premierenwochenenden, bei denen man als Intendant anwesend zu sein hat…

Und die Verlustseite?

Sie meinen die Möglichkeit, seinen schlechten Charakter in Machtpositionen auszuleben? Rumschnauzen und so? Da habe ich keine schlimmen Verluste zu verzeichnen.

Schlechtes Gewissen?

Das schon. Da bin ich ganz Staatsbürgerkundeschüler: Man hat mir ermöglicht, mich auf Führungsposten zu bewähren und zu bilden und Erfahrungen zu sammeln, und nun stehe ich mit diesem Potenzial der Gesellschaft nicht mehr zur Verfügung. Dafür finde ich vielleicht andere Sachen.

Und die verlassenen Schauspieler?

Ich bin ja nicht weg. Meine Leute sind an vielen Theatern, das war schon immer so. Und ich habe nichts dagegen, neue Leute kennenzulernen. Das ist wie ein Kosmos, in dem manche verschwinden, manche wieder auftauchen – stille Trabanten. Oder meistens laute Trabanten.

Zwanzig Jahre Chef

Armin Petras wurde 1964 in Meschede (Sauerland) geboren, seine Familie übersiedelte 1969 in die DDR. Petras studierte Regie an der Ernst-Busch-Schule, gründete eine Theatergruppe und ging 1988 nach West-Berlin.

Seine Karriere begann als Regieassistent am TAT (Frankfurt am Main), er arbeitete in Frankfurt (Oder), Chemnitz, Leipzig und Nordhausen als fester Regisseur, wurde 1999 Schauspieldirektor in Kassel, 2002 als Spielstättenleiter an Schauspiel Frankfurt (M.), 2006 Intendant am Gorki-Theater Berlin, 2013 Intendant in Stuttgart. Seit dieser Spielzeit ist er wieder freier Regisseur. 

Gilt die Entscheidung für immer?

Muss nicht sein.

Haben Sie keine Angst, dass Sie damit Karrierechancen verspielt haben?

Ist mir im Moment wurscht. Ich habe keine Ängste in dieser Hinsicht. Andere ja, genug. Ich habe es jedenfalls nicht gemacht, um für einen anderen Job frei zu sein, der sich bedeutungsvoller anhört. Es ist eine Lebensentscheidung. Es gibt Leute, für die ist es richtig 50 Jahre Intendant zu sein, Peymann zum Beispiel. Für mich ist es das nicht. Andere tolle Regisseure, die längst Intendanten sein könnten, haben nie ein Leitungsamt angerührt. Ich habe mir vorgenommen, gründlich darüber nachzudenken, ob das überhaupt die richtige Form ist, wie man heute die Theater leitet. Als einsame, mächtige und überforderte Nummer Eins. An ein demokratisch entscheidendes Netzwerk von 20 Leuten glaube allerdings erst recht nicht. Aber irgendwas muss es doch noch geben! Dass man die Sache mit mehr Freude angehen kann. Weil: größere Freude, bessere Kunst.

Und Sie haben keine konkreteren Zukunftspläne?

Die nächsten zwei Jahre sind sehr konkret durchgeplant. Ich arbeite an vielen deutschen und europäischen Theatern.

Und wenn man Ihnen ein Berliner Haus, das BE, das DT oder die Volksbühne hinterherschmeißt, sagen Sie: Ich will lieber in Bremen inszenieren?

Wie sagte Heiner Müller? Fragen, die mir unsinnig erscheinen, beantworte ich nicht. Vielleicht lande ich auch in Ulan Bator. Wäre mir recht, ich bin in einem Alter, in dem die Zeit, in der man neue Erfahrungen machen kann, übersichtlich wird.

Berlin als Lebensmittelpunkt würde dazu passen, dass Sie im Brandenburgischen wohnen.

Ich habe auch eine Wohnung in Berlin, und ich bin ein Berliner. Ich gehe hier gern ins Theater und werde auch hier inszenieren, wenn man mich lässt.

Apropos Alter. Sie galten einst als Tabu-Brecher und wilder Theaterzertrümmerer und werden heute als eher konservativer Regisseur herumgereicht. Haben Sie sich verändert?

Ich war schon immer zutiefst konservativ in dem Sinn, dass ich ein Geschichtenerzähler sein will. Vor zwanzig Jahren gab es andere Tabus. Heute darf man bestimmte Formulierungen nicht mehr gebrauchen, sich nicht mehr schwarz anmalen und einige andere Dinge, die man lieber nicht benennt. Vor Kurzem hat mir eine Schauspielerin gesagt, dass ich den Begriff Heimat nicht mehr verwenden soll, weil der von den Rechten verseucht wurde. Da habe ich den Raum verlassen, und die Tür hat geknallt. Vor zwanzig Jahren waren Videos und Romane auf der Bühne verboten. Insofern hat sich die Welt verändert, mein Grundinteresse am Theater aber kaum. Ich habe heute nicht mehr so viel Lust auf den technischen Aufwand, den ich früher gern betrieben habe. Ich interessiere mich immer mehr nur für den Spieler, den Menschen auf der Bühne. Was kann man erzeugen mit den Mitteln von Stanislawski und Brecht, mit beidem: Einfühlung und Verfremdung – um es platt zu sagen.

Am Freitag sitzen Sie in der Volksbühne auf einem Podium zum Thema Realismus − als Wahrer der Verwandlungskunst?

Finde ich spannend, diese Debatte. Ich stehe auch hier wieder dazwischen. Ich kenne tolle Performer, aber ich finde es langweilig, wenn jemand nur sich selbst zeigt. Ja, ich liebe die guten alten Dinge wie Rolle und Literatur, die Idee der Verwandlung. Es gibt viele verschiedene Möglichkeiten, Welt zu betrachten. Und es gibt auf dem Theater viele Sprachen. Für mich ist Realismus, wie Friedrich Engels sagt, das Typische. Das sollte man finden, wenn man etwas über die Wirklichkeit erzählen will. Da ist er nicht weit weg von Brecht. Der sagt, dass man mit den politischen und auch technischen Veränderungen der Wirklichkeit auch zu neuen Formen kommen muss, wenn wir das Typische im Realen finden und beschreiben wollen. Mir geht es darum, dass man wieder über solche Inhalte und Kriterien spricht, statt immer nur zu sagen, was man langweilig und was man spannend fand. Das bleibt privat.

Ist das Theater heute zu abgehoben von der Welt?

Ich glaube, dass 80 Prozent der Leute heute nicht mehr wissen, wozu das Medium Theater da ist. Wir haben die Pflicht, denen zu erklären und zu zeigen, was das Theater kann. Ich glaube, dass Thomas Ostermeier so erfolgreich ist, weil seine Shows in Bulgarien und in Frankreich genau so verstanden werden wie in Berlin. Ich will jetzt nicht fordern, dass alle Theater à la Ostermeier machen sollen, aber ich finde schon, dass man sich fragen muss, wie man die Leute erreicht. Gleichzeitig muss man prüfen, ob das Typische unserer Gegenwart überhaupt noch mit Dialogen, mit Einfühlung darstellbar ist. Das kann man bezweifeln, muss man bezweifeln. Deswegen finde ich andere Ansätze und die Suche nach gegenwärtigen Mitteln auch wichtig und sinnvoll und wünschenswert.

Verliert das Theater an Bedeutung, weil die Leute, die da arbeiten, nicht aus ihrer Blase rauskommen und den Kontakt zur sozialen Wirklichkeit verloren haben?

Leider eine berechtigte Frage. Deswegen mache ich ja Clemens Meyer. Ich bin in der Tat der Meinung, dass man mithilfe der Literatur etwas über die Welt lernen kann. Ganz konkret. Ich hasse diese Wikipedia-Autoren, die sich ihre Stücke zusammenrecherchieren. Bei Clemens weißt du, dass das stimmt. Man merkt es an Details. Clemens Meyer ist für mich einer der größten ostdeutschen Schriftsteller überhaupt. In der Tradition von Wolfgang Hilbig, Christoph Hein, aber dann wieder ganz eigenständig.

Wie weit greifen Sie in die Texte ein?

Ich habe wohl über 90 Inszenierungen gemacht. Mir ist es noch nie passiert, dass ich vor einer Produktion keine Fassung erstellt habe. Diesmal haben wir uns bei den Proben gemeinsam das Material angeguckt und darüber gesprochen. Das liegt einfach daran, dass überhaupt nicht klar ist, wo die Nuggets sind, welche Sachen man in den Vordergrund stellen muss. Das zeigt sich bei anderen Stoffen auf den ersten Blick, da kann man leichter wegstreichen. Ich würde sagen, Clemens Meyer ist der ostdeutsche Ernest Hemingway mit seinen Stories, seinem genauen Blick und seiner Liebe zu Boxern, unerreichbaren Frauen, Pferderennen. Das hat auch etwas für mich schönes Altmodisches.

Premiere „Stille Trabanten“, Regie: Petras, mit Alexander Khuon, Maike Knirsch, Bozidar Kocevski, Peter Kurth, Anja Schneider und Katrin Wichmann, 11.11., 19.30 Uhr im Deutschen Theater (Kammerspiele), weitere Vorstellungen: 14., 24., 29.11., 20 Uhr, Kartentel.: 28 44 12 25

Welcher Realismus? Diskussion mit Armin Petras, Bernd Stegemann, Wolfram Lotz , 9.11., 19Uhr in der Volksbühne, Roter Salon, T.: 24 06 57 77

Das könnte Sie auch interessieren

Christian Friedel (Erzähler), Robert Kuchenbuch (Winston Smith). Adé, Schauspiel Stuttgart!: Armin Petras verabschiedet sich mit Orwells „1984“ Rendezvous in den Gängen eines Großmarktes. Filmrezension: "In den Gängen" ist eine Liebesgeschichte von ganz eigener Art Dirk Pilz In eigener Sache: Zum Tod des Theaterkritikers Dirk Pilz, unseres Kollegen und Freundes Read More




Leave A Comment

More News

Empfehlungen der Redaktion

Kultur - Berliner Zeitung

Kunst, Film, Literatur,

suedkurier.de - Kultur

SPIEGEL ONLINE - Kultur

Kultur | RP ONLINE

Disclaimer and Notice:WorldProNews.com is not the owner of these news or any information published on this site.