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19th of October 2018

Kultur



Serie „4 Blocks“ : Rapper Veysel Gelin über Sturheit, Missstände und Versace-Unterhosen

Stechender Blick, aufbrausender Charakter, bedrohliche Erscheinung – so erinnert man sich an Veysel Gelin als Gangster Abbas Hamady in der Serie„4 Blocks“. Als Veysel, den man eigentlich nur unter seinem Vornamen kennt, an einem der letzten sonnigen Spätsommermorgen zum Interview im Zoo Hotel Berlin aufschlägt, ist von diesem furchteinflößenden Typen nichts zu spüren – im Gegenteil.

Er lächelt, als er den sterilen Konferenzraum im ersten Stock betritt, wirkt fast ein wenig schüchtern. Doch das ist schnell vorbei. „Ein bisschen müde bin ich, kurze Nacht“, erklärt der 34-jährige Rapper, der seit „4 Blocks“ auch ein gefeierter Schauspieler ist, seine anfängliche Zurückhaltung.

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Am 11. Oktober startet die zweite Staffel der in Neukölln angesiedelten Gangster-Serie. „Lass mal erst Interview machen, dann die Fotos – ich krieg die Augen jetzt noch nicht richtig auf“, sagt er. Und so machen wir es. Es gibt ja viel zu bereden.

Wann haben Sie Ihr Interesse für die Schauspielerei entdeckt?

Ich hatte schon immer Bock darauf, wusste aber nicht, wie man Schauspieler wird, wie man das machen soll.

Als Rapper hatten Sie durch Ihre Musikvideos natürlich schon ein bisschen Kameraerfahrung.

Das kann man nicht vergleichen. Aber ich habe als kleiner Junge schon vor dem Spiegel geübt und Stars nachgeahmt. Musik und Film hat mich immer begeistert, das hat mich immer mitgerissen. Dadurch habe ich den Drang bekommen, das selbst zu machen.

Wen haben Sie so nachgeahmt als Kind?

Tupac natürlich. Michael Jackson. Ich habe auch viel Robert De Niro gesehen – und zwar nicht nur seine ganzen Gangsterfilme. In „Sleepers“ hat Robert De Niro auch mal einen Priester gespielt. Den habe ich zwar nicht vor dem Spiegel nachgemacht, aber mich hat fasziniert, wie er den spielt.

Haben Sie sich damals für talentiert gehalten?

Leute haben mir gesagt, dass ich Talent hätte. Aber es gab für mich keine Tür, die ich hätte öffnen können, um Schauspieler oder Musiker zu werden.

Als Schauspieler entdeckt wurden Sie gewissermaßen von Moritz Bleibtreu, als Sie mit ihm für das Musikvideo „60 Sekunden“ von Celo & Abdi vor der Kamera standen.

Ja. Ich hatte gerade eine Szene gespielt, plötzlich steht er auf und klatscht. In die Runde meinte er dann: „Krasses Talent! Von dem könnt ihr euch alle eine Scheibe abschneiden!“ Danke noch mal an dieser Stelle, lieber Moritz!

Wie hat sich das Lob von einem solchen A-Liga-Schauspieler für dich angefühlt?

Gut natürlich. Ich habe ihn dann gefragt: „Wie kommt man da rein in diese Schauspielerei?“ Er meinte nur: „Du brauchst Fotos. Und eine Agentur.“ Aber ich habe weder Fotos gemacht noch mir eine Agentur gesucht.

Zu „4 Blocks“ sind Sie dann über Kida Ramadan gekommen, Schauspieler und Hauptdarsteller der Serie?

Ja, der hat mich empfohlen, und dann bin ich zum Casting eingeladen worden. Und die waren echt mitgerissen. Die Casterin ist rausgerannt – vor Angst. Ich habe eine Szene gespielt, in der ich rumgeschrien habe. Sie dachte, ich meine das ernst. Aber ich war doch zum Casting da. Da muss ich doch spielen, Digger.

Und dann haben Sie direkt die Rolle bekommen?

Nein, Mann. Die meinten nur: „Wir melden uns“ – und haben mich dann ein paar Wochen zappeln lassen. Ich hatte das Ganze schon fast vergessen und nicht mehr nachgehakt, als die Zusage kam. Ich dachte nur: Okay, jetzt geht es los, Digger! Jetzt musst du zeigen, was du kannst.

Wie haben Sie das konkret gezeigt?

Ich habe mich vorbereitet und bin sehr diszipliniert an die Sache rangegangen, habe mir Textzeilen mit bunten Textmarkern unterstrichen, richtig strebermäßig.

Sind Sie eher so der disziplinierte Typ?

Wenn ich möchte, schon.

Und möchten Sie oft?

Wenn mir etwas wichtig ist und es die Sache verlangt, dann schon. Ich mache aber ungern Dinge parallel, weil ich dann nicht voll dabei sein kann. Das geht nur, wenn ich mich auf eine Sache voll konzentriere.

Haben Sie Schauspielunterricht genommen?

Ich, Freddy (Frederick Lau; Anm. d. Red.) und Kida waren an einer Theaterschule und wurden ein bisschen gecoacht von Giles Foreman, dem Schauspiellehrer von Michael Fassbender und Ed Hardy.

Sie meinen Tom Hardy?

Ja, natürlich, Tom Hardy! Scheiße Mann, wir haben morgens früh, Digger, zehn Uhr! Sorry, Tom! Ich hab dich kurz zum Ed gemacht!

Hat Ihnen das viel gebracht?

Na, sicher. Ich konnte plötzlich auf Fingerschnippsen weinen.

Von wem haben Sie schauspielerisch am meisten gelernt?

Von Kida, aber auch von Freddy. Ich habe die ständig irgendwas gefragt, wie ich mich hier oder dort verbessern kann, und die haben mir die besten Tipps gegeben. Ich habe aber auch gemerkt: Man muss sich auch mal Zeit nehmen für sich selbst, wenn man etwas spielt. In sich hineinhören.

Ihre schauspielerische Leistung in „4 Blocks“ hat viele Leute von allen am meisten beeindruckt. Wie haben Sie das wahrgenommen?

Ich habe schon ein paar Komplimente gekriegt, ja, aber ich war immer unsicher. Ich bin auch sehr selbstkritisch. Bei der neuen Staffel war ich aber schon etwas sicherer. Worauf ich aber immer noch achten muss: den Mund aufzumachen beim Sprechen. Du hörst es ja selbst gerade: Ich nuschle gerne.

Dabei müssten Sie das als Rapper eigentlich können.

Ach was, Rapper nuscheln auch. Es gibt sogar ein eigenes Genre dafür: Mumble Rap!

Ihr „4 Blocks“-Kollege Hassan Akkouch meinte vor kurzem, dass Sie für viele Rapper die Tür Richtung Schauspielerei aufgemacht hätten.

Das müssen andere beurteilen. Aber wenn es so ist, ist es doch wunderbar! Und wer weiß: Vielleicht wird das neben dem Rappen tatsächlich mein zweites Standbein.

Die Musik geht also immer noch vor?

Ja. Ich liebe die Musik, damit hat alles angefangen. Nun auch noch schauspielern zu können, ist aber ein tolles Privileg. Ich nehme beides mit, so lange ich das zeitlich koordinieren kann.

Haben Sie denn seit „4 Blocks“ viele weitere Rollenangebote bekommen?

Ja. Habe ich aber alle abgelehnt. Wenn ich keine Hauptrolle oder zumindest eine super Nebenrolle bekomme, brauche ich gar nicht erst anfangen. Ich habe auch keinen Bock auf miese Klischeerollen, Digger. Versteh mich nicht falsch: Ich spiele gerne noch mal einen Betrüger, aber dann bitte mit ein bisschen Tiefe. Und ganz ehrlich: Gott hat mir eine Stimme gegeben, die so viel Macht hat, mit der ich so viel machen kann. Ich habe keine Lust, das zu verschwenden.

Verstehe.

Ich würde auch einen Lehrer spielen, der aus dem Block kommt, und der Lehrer geworden ist, weil er die Kinder da rausholen will; einer, der dann im Clinch ist mit den Straßengangs, weil ich gute Jungs zu mir ziehen will und die sie ins Schlechte ziehen wollen. So was.

Jetzt werden Sie bestimmt zum Casting für den nächsten Teil von „Fack ju Göhte“ eingeladen.

Das wäre Comedy. Ich rede von Dramatik.

Auf Comedy hätten Sie also keine Lust?

Doch, könnte ich auch machen. Aber das müsste dann schon etwas ganz Besonderes sein.

Was war das schönste Kompliment, dass Sie je über sich gehört haben?

Dass ich ein guter Mensch bin. Das hat mir mehr bedeutet als jedes berufliche Lob.

Können Sie gut mit Kritik umgehen?

So lange ich nicht beleidigt werde – kein Problem. Und wenn jemandem nicht gefällt, was ich tue: Was soll ich machen? Ich kann ihn ja schlecht zwingen, anders zu denken. Aber ganz ehrlich: Wenn wir bei „4 Blocks“ verkackt hätten, hätten wir sicher nicht alles abgeräumt, oder?

Eine Szene von Ihnen in der ersten Staffel ist den Leuten mit Abstand am meisten im Gedächtnis geblieben: Da ziehen Sie Ihre Hose mit den Füßen aus und setzen sich in einer Unterhose mit Leopardenmuster auf die Couch. War es Ihnen unangenehm, diese Szene zu spielen?

Nein. Schlimm wäre gewesen, wenn ich auch die Unterhose hätte ausziehen müssen.

Sie haben auch sehr souverän gewirkt.

Das war echt okay, und dabei hatte ich eine riesige Plautze, Digger – richtiger Fettsack! Aber egal, scheiß drauf! Ich musste mir dafür ja auch überall die Haare wachsen lassen: Vorne, hinten, front to back, Digger! Aber war schon lustig.

Ich muss einfach fragen: War das Ihre Unterhose?

Klar, die habe ich gekauft: Versace, Alter!

Haben Sie sich durch die Schauspielerei als Mensch noch mal anders kennengelernt?

Ja, weil ich ständig die eigene Gefühlskiste durchwühlen und Dinge rausholen musste, die ganz unten lagen. Da war ich manchmal echt im Gefühlschaos.

Ist es Ihnen schwergefallen, nach dem Dreh wieder aus Ihrer Rolle rauszukommen?

Ja, an einigen Tagen bin ich abends wirklich deprimiert ins Hotel gefahren. Aber das gehört dazu.

Kann man sagen, dass die Serie Ihr Leben verändert hat?

Natürlich, es ist nicht mehr wie früher. Es ist stressiger geworden. Aber es ist cool. Ich bin jetzt erfolgreicher Musiker und Schauspieler, das ist schon krass. Ich kann noch nicht mal zum Bahnhof gehen, ohne sofort von irgendjemandem erkannt zu werden. Durch die Musik haben mich früher nur Leute bis fünfundzwanzig erkannt. Seit „4 Blocks“ erkennt mich auch der ganze Rest. Da kommen plötzlich irgendwelche Pärchen an und wollen Fotos mit mir machen. Im KaDeWe hat mich letztens auch eine ältere Frau erkannt, die dort für Burberry gearbeitet hat.

Sie haben sowieso viele weibliche Fans. Bei Spotify sind mehr als 30 Prozent Ihrer Hörer Frauen, was für Rap unüblich ist.

Die wissen halt, was gut ist. Ich bin es, der Player des Todes. Der Lady Lover!

Nervt es Sie denn, wenn Sie auf der Straße angesprochen werden?

Solange die Leute anständig fragen, ist das ja okay. Aber wenn ich mit meiner Family oder Freunden gerade beim Essen sitze, dann ist es schon Abturn. Ich sage denen dann: „Sei doch so lieb und warte, bis ich fertig bin.“ Die meisten verstehen das. Aber manche auch nicht.

So böse wie in Ihrer Rolle in „4 Blocks“ werden Sie aber nicht?

Nein, Mann. Aber das habe ich tatsächlich oft zu hören bekommen: „Ey, du bist ja voll nett! In der Serie hatte ich immer voll Angst vor dir!“

Ist doch ein tolles Kompliment.

Trotzdem frage ich mich da: Geht’s noch? Ich bin Schauspieler, Digger!

Sind Sie privat denn auch so temperamentvoll?

Es gibt auf jeden Fall Sachen, die mich auf die Palme bringen, klar. Manchmal bekomme ich im Kopf nicht immer alles richtig koordiniert, dann sage ich Sachen, die ich nicht so meine, und dann will ich sie zurücknehmen, und das geht dann nicht mehr – dann schreie ich auch schon mal rum. Das geht aber immer nur zwei, drei Minuten, dann ist es wieder gut. Ich gehe schnell an die Decke, komme aber genauso schnell wieder runter. Wenn ich meine Managerin am Telefon habe und kurz ausraste, legt sie einfach auf und ruft mich nach drei Minuten wieder an. Klappt super.

Waren Sie immer schon so?

Ja, aber es ist besser geworden. Ich kann mich heute besser zügeln – zum Glück. Ich kann ja nicht mehr bei jeder Scheiße einfach durchdrehen. Das ist ja auch nicht gut für mich selbst. Meine Managerin sagt immer: Pass auf dein Herz auf!

Welche Alltagssituationen treiben Sie denn in den Wahnsinn?

Im Auto bin ich wie jeder andere Mensch, wenn mich da jemand nicht vorbeilässt oder der Opa am Steuer nicht in die Pötte kommt. Autofahren in Deutschland ist aber eh eine Kunst: Alle bremsen sich gegenseitig aus.

Ist Ihnen Disziplin früher schwergefallen?

Ja. Mir war alles scheißegal, weil ich nirgendwo Licht sah. Ich wusste nicht, wohin mit mir. Ich bin ja in einem sozialen Brennpunkt aufgewachsen und wusste, dass in mir etwas schlummert, dass ich Potenzial habe, aber das hat niemand außer mir gesehen. Die Leute haben halt ihre eigenen Probleme. Aber das ist frustrierend, gerade wenn man jung ist.

Wann haben Sie dann zum ersten Mal Licht gesehen?

Als ich mit der Musik angefangen habe. Da war mir klar, dass ich ein fleißiger Junge werden muss, wenn ich was reißen will. Aber dann war ich für drei Jahre weg, im Knast. Aber als ich rausgekommen bin, habe ich direkt weitergemacht – und es hat geklappt. Und wer schafft das sonst? Normalerweise bist du dann weg vom Fenster. Aber ich war überzeugt davon, dass ich etwas kann. Ich wusste, dass meine Musik gut ist. Mittler-weile habe ich mit Bela Boyz sogar mein eigenes Label.

Ein Label zu betreiben ist wenig kreativ, da muss man sich auch viel mit Zahlen herumschlagen.

Ja, übertriebener Kopffick. Aber ich habe Leute, die mir helfen: Geteiltes Leid ist halbes Leid. Ich bin schließlich Künstler.

Veysel ist nicht nur Ihr Alter Ego als Rapper, sondern auch Ihr Vorname. Veysel bedeutet Wolf im Arabischen, stimmt das?

Ja. Bergwolf, glaube ich.

Passt der Name zu Ihnen?

Hmmm … Bin ich wie ein Wolf? Ich habe zumindest mein eigenes Label, da bin ich Rudelführer. Und ich habe Biss.

Sind Sie stur?

Ja. Wenn ich was will, dann will ich das. Ich bin Steinbock, was soll ich machen?

In welchen Situationen kommt das besonders zum Ausdruck?

Bei Hotelzimmern. Ich bestehe darauf, dass es 30, 40 Quadratmeter sind. Ich brauche Platz und hab keinen Bock auf so engen Raum. Ich kann das nicht.

Platzangst?

Nein, aber ich will mich im Zimmer ein bisschen bewegen können. Das muss auch nicht superschick sein – nur groß. Und sauber. Wenn es zu klein ist, kannst du ja auch niemanden einladen und zusammensitzen.

Platz war in der Wohnung, in der Sie großgeworden sind, vermutlich auch rar – zumal Sie drei ältere Schwestern haben.

Ja, absolut. Ich hatte bis ich 18, 19 war kein eigenes Zimmer. Deswegen muss das jetzt sein.

Ist es Ihnen schwergefallen, sich zuhause gegen die ganzen Frauen zu behaupten?

Nein, gar nicht. Ich liebe meine Schwestern. Gott möge sie, ihre Kinder, ihre Männer beschützen. Die waren alle immer lieb zu mir. Und haben versucht, mich vor allem Bösen zu beschützen – wenn auch nicht immer mit Erfolg. Aber die haben mich mit zehn noch nicht mal den Film „Ghostbusters“ gucken lassen, weil der ab zwölf war. Die meinten: „Nicht dass du später noch Albträume kriegst.“

Haben sie auch Ihr Frauenbild und Ihren Umgang mit dem anderen Geschlecht geprägt?

Ich bin auf jeden Fall kein Schwein und immer ehrlich. Ich sage, wie es ist. Ich bin ein Gentleman, in jeglicher Hinsicht. Warum soll ich auch schlecht zu einer Frau sein?

Demnach wehren Sie sich gegen das Klischee, Rapper seien per se frauenfeindlich?

Das gibt es, natürlich. Aber eine, die sich wegknallen lässt, wird ja nicht dazu gezwungen. Die nimmt ja niemand an die Leine und wirft sie in seinen Harem voller Sklavinnen. Aber man sollte einfach immer cool sein zu Frauen, egal ob ältere oder jüngere.

Sehen Sie sich als Vorbild für Jüngere?

Nein, gar nicht. Das Vorbild für Kinder sollten immer die Eltern sein. Die müssen den Kindern sagen, wo es langgeht. Und wenn die der Meinung sind, meine Musik oder meine Rollen tun ihren Kindern nicht gut, dann sollen die ihnen das nicht zeigen.

Wären Sie ein anderer Mensch geworden, wenn Sie zu Hause drei Brüder statt drei Schwestern gehabt hätten?

Ich glaube, ich hätte die alle geschlagen.

Warum?

Die hätten mich bestimmt gehänselt, geärgert, keine Ahnung. Ich wäre irgendwann geplatzt, Digger. Aber ich hatte meinen Vater, der war mein Vorbild. Der war wie zehn Brüder. Der war der Beste.

Er hat Sie aber nicht davon abhalten können, richtig Mist zu bauen.

Das stimmt, ich war ein Straßenkiddie. Aber ich wusste immer, wo meine Grenzen sind und was für Papa ein No-Go gewesen wäre.

In Ihrem Song „Besser als 50 Cent“ rappen Sie: „Ich hab viel gesehen/Kann dir viel erzählen/Über miese Szenen am Block.“ Was war das konkret?

Du willst eine Story? Bitteschön: Zwei kleine Kinder haben einen Typen mal nach einer Zigarette gefragt, aber die wollten nicht rauchen, die wollten den nur beklauen, wollten sein Handy. Die haben den Mann dann geschlagen, und am Ende ist er gestorben – für ein schäbiges Telefon! Das war schlimm. Da fragt man sich schon: Warum hängen solche Zwölfjährigen überhaupt noch so spät draußen herum? Warum gibt es keine Institution oder einen Raum, wo sich diese Jungs treffen können und von der Straße weg sind? Es gibt ja kaum noch Jugendhäuser.

Man fragt sich ja, warum.

Weil der Staat die alle dichtmacht und kein Geld dafür ausgeben will. Dabei macht Deutschland gerade richtig plus, es gibt einen Überfluss an Steuergeldern. Aber die Kohle wird für die falschen Dinge ausgegeben, und dann wundern sich die Leute, warum die Jugend auf der Straße hängt und Scheiße baut.

Was muss sich ändern?

Keine Ahnung, ich bin kein Politiker. Aber das Geld sollte an die Menschen gehen, an das Volk – besonders an die Jugend, denn an die sollte man glauben, in die sollte man investieren. Erst dann kann sich die Lage dauerhaft verbessern, wenn man denen die richtigen Werte mitgibt und ihnen verständlich machen kann, dass man zu allen Menschen gleich sein sollte. Das würde mit allen Vorurteilen aufräumen.

Sie wohnen in Essen. Bekommen Sie diesen Missstand da besonders deutlich mit?

Ja, aber auch überall sonst in Deutschland. Die Kids hängen in Cafés, in Shishabars, in Spielhöllen. Warum gibt es in sozialen Brennpunkten überhaupt so viele von diesen Spielhöllen? Da, wo das Geld sowieso schon knapp ist? Warum lässt der Staat das zu? In reichen Gegenden gibt es die nicht.

Sie klingen extrem genervt.

Das nervt mich nicht, das macht mich traurig. Wieso glaubt der Staat nicht an seine eigenen Menschen, die ihm jedes Jahr so viel Geld bringen? Jeder geht doch ackern, alle bezahlen ihre Steuern. Und dieser Umgang mit ihren Kindern ist der Dank dafür? Schämt euch!

War das früher anders?

Ja, Mann. Es war einfacher. Ich bin ein Kind der 90er-Jahre, und ich war glücklich. Wir hatten nicht diesen Druck: neue Schuhe, neues Handy, neue Sonnenbrille. Wir hatten keine Telefone. Wir haben Tischtennis ge-spielt, Rundlauf. Wir haben für 50 Pfennig noch einen Toast mit Käse bekommen und für 20 Pfennig einen Zitronentee – du weißt schon, den aus der Tüte. Das war eine tolle Zeit. Wir hatten Betreuung, wir haben nette Worte bekommen, wir wurden geliebt. Heute scheint das anders zu sein.

Was sagen Sie zu dem, was gerade in Chemnitz und Köthen passiert ist, zum erstarkten Rechtsruck im Land? Setzen Sie sich damit auseinander?

Ich habe das mitbekommen, ja. Es passieren so viele Dinge auf dieser Erde. Und ich kann es langsam nicht mehr hören, dieses: „Der Flüchtling hat dies gemacht, der Flüchtling hat das gemacht.“ Ihr habt sie ja auch hängenlassen, Digger! Und dann wundert ihr euch? Ich frage mich auch: Warum lassen die eigentlich immer nur Männer ins Land? Lasst doch auch deren Familien rein. Das muss man doch ein bisschen organisierter machen. Ihr wollt Menschen helfen? Gut, aber dann helft doch den Familien, denen es schlecht geht und nicht irgendwelchen Jungsgangs, die über sieben Länder nach Deutschland geflüchtet sind. Nimm nur meine Eltern: Die sind seit vierzig Jahren hier und haben echt Leistung gebracht für Deutschland, Bruder.

Gerade deshalb müsste Sie das Thema doch sehr interessieren.

Ich habe keinen Kopf dafür, Digger. Alleine dass so viele Leute die AfD wählen: Schämen die sich nicht?

Im Ruhrpott, wo Sie herkommen, hat die AfD stellenweise 30 Prozen der Stimmen geholt.

Ja, schlimm. Aber ich glaube, das hat nicht unbedingt mit Rassismus zu tun, der Ruhrpott war ja auch immer multikulti. Das geht ums Geld. Es geht immer ums Geld. Für die AfD ist Rassismus nur ein Mittel zum Zweck: Die AfD hat fast hundert Sitze im Parlament. Und jeder einzelne von denen kassiert da richtig Asche. Und weißt du, wie viel davon in die Kommunen fließt? Nichts.

Unter #wirsindmehr haben ein paar Bands in Chemnitz gespielt, um den Nazis etwas entgegenzusetzen. Was halten Sie davon?

Ganz ehrlich: Das bringt gar nichts. Mit Musik, mit einer Demo, damit bewirkst du nichts. Das geht nur mit streiken, Bruder. Überleg doch mal, wie viele Menschen wir alleine in Deutschland sind: 80 Millionen. Und lass davon nur 20 Millionen mitmachen, die einen einzigen Tag lang nicht arbeiten. Stillstand. Die einfach zuhause bleiben und krank machen und nicht für dieses System arbeiten. Bruder, alles würde den Bach runtergehen. In einem Tag. Alles würde zerbrechen und kaputtgehen. Wir haben die Macht. Eigentlich müsste es nach unserer Nase laufen. Was wollt ihr? Wollt ihr Gutes für Menschen? Dann seid gefälligst für alle Menschen gut und vergesst eure scheiß Vorurteile. Immer wieder höre ich: „Wir müssen unser Land schützen.“ Aber das ist nicht dein Land, mein Freund. Der liebe Gott hat die Erde erschaffen. Da können sich nicht irgendwelche Menschen irgendwas nehmen. Wir leben doch miteinander. Irgendwie muss dieses Zusammenleben auf Gottes Erden halt organisiert und strukturiert werden. Gut, ihr macht ein System, ihr macht eine Struktur. Aber dann macht es richtig und nicht auf Kosten der Leute!

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