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18th of July 2018

Kultur



Interview mit Ensemble-Netzwerk: Über Macht, Gagen und Spielräume im modernen Theater

Berlin -

Die Machtfrage stellen Theater in der Regel jeden Abend. Seit drei Jahren wird sie aber auch intern unablässig diskutiert, denn mit der Gründung des Ensemble-Netzwerks im Jahr 2015 hat sich nicht nur für Schauspieler, die an Stadt- und Staatstheatern oft unter prekären Bedingungen und starkem Druck quasi rund um die Uhr im Einsatz sind, ein Ventil geöffnet. Die MeToo-Bewegung kam hinzu, das Engagement für Frauen in Kultur und Medien – all das hat dazu beigetragen, dass in sehr kurzer Zeit ein großes Problembewusstsein entstanden ist und dass sich die Verhältnisse in der Tat schon zu wandeln beginnen.

Zum Interview kommen der Geschäftsführer des Deutschen Bühnenvereins, Marc Grandmontagne, und Laura Kiehne, eine freischaffende Schauspielerin und Dramaturgin, ins Büro des Intendanten des Deutschen Theaters, Ulrich Khuon, der auch Präsident des Bühnenvereins ist. Zwei Arbeitgeber und eine Aktivistin dicht nebeneinander auf dem Sofa. Es gibt viele gemeinsamer Ziele – und gewisse Differenzen.

Interview mit Grandmontagne, Kiehne und KhuonTheater-Netzwerk

Auf gemeinsamem Sofa in der Intendanz des Deutschen Theaters.

Foto:

Paulus Ponizak

Herr Khuon und Herr Grandmontagne, herzlichen Glückwunsch zum Verhaltenskodex, den der Bühnenverein bei seiner Jahresversammlung Anfang Juni verabschiedet hat. Das war sicher nicht einfachdurchzusetzen.

Marc Grandmontagne: Es hätte schwerer sein können. Aber wir haben das schon stark diskutiert.

Ulrich Khuon: Es war ein langer Weg, und alle waren aufgerufen, sich zu beteiligen. Es gab ein Vorbild, den Kodex des Royal Court Theatre. Aber wir haben bewusst einen eigenen Text geschrieben, der sich über mehrere Bearbeitungsrunden hin zu dem entwickelt hat, was jetzt vorliegt.

Wenn man diesen Text liest, erschrickt man schon etwas. Da heißt es etwa: „Ich unterlasse jede Form von sexueller Belästigung. Ich gehe verantwortungsvoll mit der mir übertragenen Macht um …“ Das klingt, als gäbe es Gründe, dass das jetzt jeder hundert Mal sagen muss.

Ulrich K.: Wenn wir geschrieben hätten: Wir begegnen uns auf Augenhöhe und gehen respektvoll miteinander um, hätte es geheißen, dass wir nur Platitüden äußern. Eine solche Selbstverpflichtung heißt nicht, dass vorher Sodom und Gomorrha herrschte. Es heißt nur, dass man klar beschreibt, was man sich wünscht. Und dass man das in den Häusern jetzt thematisiert.

Laura Kiehne: Ich finde gut daran, dass der Text wenig Deutungsspielraum lässt. 

Sind Menschen an Theatern stärker verleitet, Macht zu missbrauchen als in anderen Unternehmen?

Laura K.: Durch die enge Zusammenarbeit in künstlerischen Teams können sich Gruppendynamiken ergeben, die starke Machtgefälle aufbauen – die missbraucht werden können. Aber das ist nichts, was dem Theater eignet, sondern was dort vielleicht deswegen häufiger auftritt, weil die ökonomische Unsicherheit der Beteiligten oft groß ist. Wenn ich keine Probengage bekomme, sondern nur für Aufführungen bezahlt werde, ist meine Neigung, durch Widerstand oder Rückzug die Zusammenarbeit vor der Premiere zu riskieren, sehr gering. Jeder Machtmissbrauch hat eine Basis, auf der er entsteht.

Ulrich K.: Auch ich sehe es als gesamtgesellschaftliches Problem. Überall, wo Nähe oder Extremsituationen zum Wesen der Arbeit gehören, ist die Gefahr gesteigert. Es ist kein Zufall, dass die Altenpflege, die Polizei, die Krankenhäuser und die Theater besonders mit dem Thema zu kämpfen haben. Und wenn wir die Freiräume der Kunst schützen wollen, müssen wir daran arbeiten, sie für die Einzelnen trotzdem sicher zu machen. Die Ökonomie spielt dabei eine große Rolle. Auch wenn man die Proben bezahlt bekommt, gibt es genügend Unsicherheiten: werde ich besetzt, wie werde ich besetzt, welche Arbeitsbeziehung wird fortgesetzt etc.

Welche Rolle spielt es, speziell für Frauen, dass es zu ihrem Geschäft gehört, ihren Körper auf der Bühne zur Disposition zu stellen?

Laura K.: Wir Schauspielerinnen und Schauspieler stellen uns immer und nicht nur körperlich zur Disposition, das ist eine komplexe Angelegenheit und muss individuell und sensibel behandelt werden. Umgedreht darf beim Spielen, in der konkreten Arbeit, wiederum keine diffuse Sorge darüber herrschen, ob man seinen Körper in irgendeiner Weise „missverständlich“ einsetzt. Da muss es ausschließlich darum gehen, was mit einer Figur ausgedrückt werden soll.

Ulrich K.: Der Druck, körperlich attraktiv zu sein, lastet in der Tat auf beiden Geschlechtern. In meiner Jugend haben sich junge Männer damit abgefunden, wenn äußere Attraktivität nicht gegeben war. Heute sind Männer so stylish wie Frauen und befassen sich intensiv mit der körperlichen Selbstoptimierung.

Wie sieht es denn in der Bezahlung mit der Gerechtigkeit aus? Auch innerhalb von Ensembles sind ja manche immer gleicher als die anderen.

Marc G.: Es gelten zwei Tarifverträge für das künstlerische Personal. Feste Gehaltsstrukturen gibt es für Musiker sowie Chöre und Ballettcompagnien. Für die Solisten gibt es eine Mindestgage, darüber hinaus ist die Gage frei aushandelbar. Die feste Gage setzt etwas höher an, weil da insgesamt nicht so viel Entwicklungsspielraum ist. Das finde ich im Prinzip in Ordnung, wobei die frei verhandelbare Gage natürlich im gleichen Maße wachsen sollte wie die künstlerische Erfahrung. Und das, was über Jahre zu wenig passiert ist, ist jetzt natürlich ein Problem.

Was genau ist das Problem?

Marc G.: Durch jahrelanges Sparen der Kommunen und Länder war der Spielraum für Gagenerhöhungen gar nicht gegeben, das bessert sich jetzt gerade etwas. Regelmäßig wurden aber die Tariferhöhungen des Öffentlichen Dienstes auf die Künstlerverträge übertragen. Ensemble-Netzwerk und Art but fair haben darauf aufmerksam gemacht, dass es Schauspieler gibt, die lange im Bereich der Mindestgage bleiben. Die ist im April auf 2000 Euro gestiegen, lag bis vor einigen Jahren aber noch bei 1650 Euro, und davon kann man vielleicht im Eifeler Land durchaus leben, aber nicht in München. Aber da wir einen Flächentarifvertrag haben, ist es nicht möglich, die Gage regional zu differenzieren. Deswegen müssen wir immer mit dem schwächsten Glied rechnen, und die Kinder- und Jugendtheater können eine Mindestgage von 2000 Euro eigentlich kaum noch stemmen.

Aber Orchester gibt auch an kleineren Häusern. Wieso führt man die festen Stufen nicht auch für Solisten ein?

Ulrich K.: Das müssten die Zuwendungsgeber beantworten. Ich denke nicht, dass das die Schauspieler wollen. Denn dann gibt es für sie keinen Verhandlungsspielraum mehr nach oben

Laura K.: Wir wollen eine Gagentabelle, die sich am Öffentlichen Dienst orientiert, und abhängig von Alter und Berufsjahren Untergrenzen vorsieht. Möglicherweise müsste man nach Regionen und Größe der Häuser unterscheiden. Aber es sollte ausgeschlossen sein, dass man sich bei einem Wechsel unterm Strich verschlechtert, und es sollte vor allem ausgeschlossen werden, dass Frauen schlechter bezahlt werden. Das ist momentan der Fall und gar nicht selten und teilweise bis zu vierzig Prozent. Interessanterweise werden Frauen in der freien Szene oft fairer bezahlt, weil die Teams ihre Gagen transparenter kommunizieren.

Ist die Gagentabelle Konsens unter Ihnen?

Ulrich K.: Die Gagentabelle ist ein Problem.

Marc G.: Wir diskutieren derzeit mehrere Modelle. Dieser Vorschlag hat Vor- und Nachteile. Ich will das Kind nicht mit dem Bade ausschütten.

Ulrich K.: Das Gagengefüge tariflich verbindlich festzulegen und gleichzeitig nach oben zu öffnen, ist eine Idee, die in der praktischen Umsetzung viel Geld kosten würde.

Marc G.: Es gibt nicht nur eine tarifrechtliche Seite, es ist komplex. Man kann ja das System erhalten, aber dennoch versuchen, noch einmal mehr Geld ins System zu bekommen. Manche Theater wie Heilbronn oder Heidelberg haben es verstanden, ihre Bedürfnisse in die Politik zu kommunizieren, und können jetzt sagen: Wir legen sogar noch etwas drauf und fangen bei 2200 Euro an.

Laura K.: Wenn mehr Geld hereinkommt, muss sichergestellt werden, dass es auch geschlechtergerecht verteilt wird.

Ulrich K.: Ob nicht schon jetzt geschlechtergerecht bezahlt wird, weiß man ja gar nicht. Ich nehme für mich in Anspruch, dass ich das tue. Ich handle so, dass ich damit leben könnte, wenn alle Gagen von heute auf morgen veröffentlicht werden würden.

Gagentransparenz ist eine Forderung des Ensemble-Netzwerks.

Ulrich K.: Die meisten Schauspieler kommen sowieso mit einer umfassenden Kenntnis dessen zu mir, was ihre Kollegen verdienen. Ich darf darauf aber nur antworten, wenn der Kollege auch dabei ist. Ich bin an das Gagengeheimnis gebunden. Da bringt aber niemand Kollegen mit zum Gespräch. Und auch anderswo ist die Neugier ja begrenzt. Das Entgelttransparenzgesetz wird auch bei Konzernen wie der Bahn oder der Post kaum genutzt. Künstler gehen übrigens auch kaum in Gewerkschaften. Das Theater ist nach wie vor ein utopischer Ort.

Marc G.: Wir enden bei der Frage: Was ist gerecht? Und: Was ist gleich? Alle gleich zu machen, wäre ungleich. Wir müssen an beiden Registern ziehen: Tarifrechtlich muss sichergestellt werden, dass es zu keinem Gender Pay Gap kommt, aber es gibt auch Probleme, die politisch zu lösen sind.

Laura K.: Ich kenne zwei Positionen, warum Schauspieler nicht veröffentlicht wissen wollen, was sie verdienen. Entweder fürchten sie, dass sie weniger bekommen, wenn andere wissen, wie viel sie verdienen und dann eventuell genauso viel wollen. Das andere ist, dass sie gar nicht wissen wollen, was andere verdienen, aus Angst, mit dem Bewusstsein leben zu müssen, dass sie weniger haben, ohne wirkliche Optionen, daran etwas zu ändern. Beides ist eine aus Resignation resultierende Generalabsage an Solidarität.

Marc G.: Das sagt vielleicht mehr über die Gesellschaft aus, in der wir leben aus, als über die Tarifverträge.Ulrich Khuon: Und etwas über die Arbeitsweise. Allenfalls noch im Sport ist die Verbindung von Teamgeist und Individualstärke so schwer auflösbar wie im Theater. Und die Sehnsucht nach Solidarität, die auch das Ensemble-Netzwerk trägt, finde ich als Gegenbewegung zur Individualität momentan sehr gut.

Laura K.: Für mich ist Theater eine Kunstform, die nur kollektiv funktionieren kann. Wir sind aufeinander angewiesen und suchen die Gruppe, unterminieren das aber, wenn wir alleine unser Überleben sichern müssen.

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