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20th of October 2018

Politik



Kommentar zu Politik in der Bundesliga: Wen darf man am Sportstättenbesuch hindern?

Ich war beim Fußball. Ein Spieler wälzte sich eine gefühlte Ewigkeit auf der Strafraumgrenze, und mein Stehplatznachbar brüllte: „Stirb, du Sau! Stirb, du Sau! Stirb, du Sau! Stirb, du Sau! Stirb, du Sau!“ Ja, so oft. In seinem Gesicht stand dabei der unbändige Wille, den vermeintlichen Simulanten beim Ableben zu unterstützen. Meine Bitte, solche Rufe zu unterlassen, beschied der wilde Mann mit „Halt’s Maul!“ Es kam zum Meinungsaustausch. Ein dritter Zuschauer mischte sich ein, gottlob auf meiner Seite. Dann war Ruhe.

Die Tageszeitung taz hat soeben alle 18 Bundesligisten befragt: „Ist es ein Widerspruch, Ihren Verein gut zu finden und die AfD zu wählen?“ Vor einer Weile hatte der Präsident von Eintracht Frankfurt verkündet, dass AfD-Wähler in seinem Verein nicht Mitglieder sein könnten. Seither gilt Peter Fischer als Haltungsikone. Später klagte er, dass kaum ein Fußballclub seinem Beispiel folge. Deshalb bohrte die taz nun nach, ob man nicht auch anderswo Fans nahelegen könne, sich entweder für eine weniger schlimme Partei zu entscheiden oder nimmermehr ins Stadion zu kommen. Bei Werder Bremen spielt man neuerdings schon mal mit Gedanken, einem AfD-Anhänger seine Dauerkarte zu entziehen.

Stadionerlebnis bleibt Stadionerlebnis

Faszinierend. Schon zu DDR-Zeiten war ich oft beim Fußball und kann mich nicht erinnern, dass man damals per Volksmasseninitiative all jene aus Sportstätten zu verbannen gesucht hätte, die sich nicht zur historischen Mission der Arbeiterklasse bekannten. Das könnte daran liegen, dass es solche Feinde des Sozialismus offiziell nicht in nennenswerter Zahl gab. Nicht auszuschließen ist aber auch, dass manch Ansinnen selbst der SED zu blöd war. 

Es gehört zum Kern des sogenannten Stadionerlebnisses, mit Wildfremden ins Gespräch zu kommen und sie, wenn die Guten ein Tor schießen, abzuklatschen und im Extremfall sogar zu bebusseln. Da fraternisiert man nichtsahnend vielleicht mit Personen, die zu Hause ihre Kinder schlagen, mit Tierquälern, Drogenhändlern und Eheschwindlern. Meines Wissens gibt es keine Appelle, solche Leute am Sportstättenbesuch zu hindern. Ich erkenne nicht, wie und vor allem warum man das nun bei AfD-Wählern anders machen will.

Friedliche Koexistenz von Menschen unterschiedlicher Gedankenordnung 

Im Gegensatz zu genannten Delikten ist ihr Tun legal. Der Bundeswahlleiter bietet ihnen sogar ausdrücklich an, ihr Kreuz bei besagter Partei zu machen. Damit lässt sich leben. Ich werde auch ohne ideologisch gesäuberte Ränge mit jedem Zufallsnachbarn die Nachteile der Dreierkette erörtern, der mir kognitiv dazu befähigt erscheint, nicht „Stirb, du Sau!“ bläkt oder den Kongolesen im gegnerischen Mittelfeld „Kanakenschwein“ nennt. Für letztere Fälle gibt es eine Stadionordnung.

Vor ein paar Tagen startete, unter Schirmherrschaft des Bundespräsidenten, die Aktion „Deutschland spricht“. Diskurswillige streiten mit ihnen vorher unbekannten Andersmeinenden. Im Idealfall erkennen sie sich dabei gegenseitig als Menschen und wie schwammig die Grenzen zwischen klug & edel sowie dumm & schäbig sein können. Mir scheint es intelligenter, so gegen Spaltung zu kämpfen als durch die Inkriminierung des unverfänglichsten Miteinanders: nebeneinander im Stadion zu stehen und denselben Verein anzufeuern. Manche halten das für Gesinnungsfrevel. Für mich ist es friedliche Koexistenz von Menschen unterschiedlicher Gedankenordnung. 

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