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14th of November 2018

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Morgan Roadster: Stilsicher mit dem NC500 durch Schottland - WELT

Aus einem Trip durch den hohen Norden Schottlands lassen sich viele Lehren ziehen. Hier sind einige: Wenn Sie sich mit der Routenplanung befassen, rechnen Sie grundsätzlich mit doppelter Fahrzeit. Zwei Stunden für 30 Meilen sind keine Seltenheit. Vergessen Sie alles, was Sie über die britische Küche zu wissen glauben: Schottlands Köche kochen vorzüglich. Und rechnen Sie mit allen vier Jahreszeiten – an einem einzigen Tag, jeden Tag.

Aber der Reihe nach. In den letzten 20 Jahren hat der Rückgang der Fischerei den äußersten schottischen Norden hart getroffen. Industrie gibt es am Ende der Insel so gut wie keine, also hat der schottische Fremdenverkehrsverband einen 516 Meilen langen Rundkurs ins Leben gerufen, auf dem sich in gut einer Woche viele Sehenswürdigkeiten, Naturschönheiten und kulinarische Highlights erleben lassen.

Anders als sein amerikanisches Vorbild, die Route 66, hat der North Coast 500, kurz: NC 500 genannte Kurs allerdings keinen historischen Hintergrund, er wurde einfach aus bestehenden A- und B-Roads (vergleichbar mit unseren Bundes- und Landesstraßen) zusammengestellt, die hier häufig nur einspurig und mit Ausweichstellen befahrbar sind.

Der Morgan Roadster ist ein Klassiker mit moderner Automobiltechnik Der Morgan Roadster ist ein Klassiker mit moderner Automobiltechnik

Quelle: Axel E. Catton

Als Fahrzeug haben wir – das sind meine Tochter Joanna und ich – uns den archaischen Roadster von Morgan ausgesucht. Mit ihren Retro-Modellen beschwört die britische Traditionsmarke glanzvollere Zeiten des Automobils herauf. Dank des 3,7-Liter-V6-Motors von Ford, der seit 2012 im Roadster verbaut wird, lassen sich höchste Fahrleistungen auf einem altertümlichen Fahrwerk erleben: Bei einem Gewicht von nur 1000 Kilo haben die 280 PS leichtes Spiel. Der Spurt auf 100 km/h dauert 5,5 Sekunden, das Spitzentempo beträgt theoretisch 225 km/h, was man praktisch aber keinem zumuten möchte.

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Die neueste Version des puristischen Zweisitzers hat ein Easy-up-Verdeck, das sich in Sekunden öffnen und schließen lässt. Kein separates Gestänge mehr, keine Zeltplane, die mit 20 Knöpfen fixiert werden muss. Zwei Haken lösen, zwei äußere Knöpfe dazu, und schon kann das Verdeck nach hinten geworfen werden. Fantastisch. Leider macht das heruntergeklappte Verdeck einen Krach, als wäre man noch in den 1930er-Jahren unterwegs. Das Gestänge stößt sich an sich selbst und die Verschlüsse klappern unermüdlich.

An den Seiten befinden sich sogenannte Side Curtains, also Türteile mit eingesteckten Schiebefenstern. Das stellt sich als Problem heraus, weil wir nicht wissen, wohin damit. Da wir keinen Gepäckträger haben, muss unser Gepäck für eine Woche in den spärlichen Raum hinter den Sitzen gepresst werden (weitere Taschen wandern in den Fußraum), wo die Fensterteile nun keinen Platz mehr finden. So fahren wir die 800 Kilometer zwar teils mit offenem Verdeck, aber immer mit eingesteckten Fenstern.

Tiefe Täler, viel Grün und breite Straßen

Die NC500 befährt man im Uhrzeigersinn wie wir, oder eben gegen den Uhrzeiger. West- und Ostküste des Landes unterscheiden sich deutlich voneinander. Im Westen ist die Natur dramatischer, die Küsten sind schroffer, die Straßen schmaler. Der Osten wirkt dagegen geradezu lieblich und hat eine reichere Geschichte zu bieten.

Wir beginnen unsere Rundreise in Inverness, der nördlichsten Stadt Großbritanniens. Von hier aus geht es zunächst westwärts auf der A835 und der A832. Bereits wenige Meilen hinter der Stadtgrenze öffnet sich die Weite Schottlands vor unserer langen Motorhaube. Wir genießen tiefe Täler, viel Grün und breite Straßen. Nach einiger Zeit machen wir Pause an den Rogie Falls, wo Wanderer die Gelegenheit haben, ihre Stiefel für einen einstündigen Marsch zum Wasserfall zu schnüren. Wir haben aber noch eine längere Strecke vor uns und ziehen bald weiter in Richtung Torridon.

Es war das Ziel der Erfinder des NC500, Besuchern die verschiedenen Regionen des schottischen Nordens nahezubringen und sie durch die Gestaltung eines Rundkurses gewissermaßen dazu zu zwingen, alle Bereiche zu erkunden. Nicht gemeint war hingegen, dass jeder Meter der Route akribisch abgefahren werden muss. Kurz vor Torridon würde sich ein Abstecher nach Süden anbieten, Richtung Applecross und zum Bealach na Ba („Pass of the Cattle“), Schottlands steilster Passstraße mit bis zu 20 Prozent Steigung.

Der Morgan Rodaster wird von einem 3,7-Liter-V6-Motor mit 280 PS angetrieben Der Morgan Rodaster wird von einem 3,7-Liter-V6-Motor mit 280 PS angetrieben

Quelle: Axel E. Catton

Wir haben unser heutiges Fahrpensum aber gefühlt schon erfüllt und nehmen den kürzeren Weg zum „Torridon Inn“, einer wunderbaren Herberge mit großer Geschichte. Das Haupthaus, genannt 1887, wurde – Sie ahnen es – bereits 1887 erbaut und steht in fantastischer Lage direkt am Loch Torridon.

Am nächsten Morgen kümmert sich meine Tochter um die Beladung des Roadsters, und schon wird der Wagen zum Musterbeispiel deutscher Organisationskunst. Taschen, Schuhe, Stativ für den Fotoapparat – alles findet wie Reiseorigami hinter den Sitzen Platz und wird vom heruntergeklappten Verdeck vor neugierigen Blicken geschützt. Und ja, wir fahren wieder mit offenem Verdeck, wie jeden Tag auf der Tour, nur halt nicht ununterbrochen. Wir holen die Schleife über den Pass of the Cattle nach – und es lohnt sich.

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Auf dem Rückweg nach Torridon ziehen dunkle Wolken auf. Wir entscheiden uns für die Ostroute nach Ullapool statt für die sicherlich schönere A832 über Poolewe. Wer eine Woche oder länger Zeit hat, sollte die Straße entlang der zerklüfteten Küste nehmen. Für uns ergibt sich durch die Wahl der breiten A835 die Möglichkeit, den 280 Pferden des Morgan einmal freien Lauf zu lassen.

Schnell erreichen wir nicht zulässige Geschwindigkeiten und reihen uns hinter eine Karawane von Fahrzeugen ein, die mit 80 Meilen auf dem Tacho (128 km/h) dahinzieht. Hier merkt man, wie komfortabel der Morgan geworden ist. Im Fußraum ist viel Platz und die Sitze sind sehr bequem.

Niemals ein „Full English Breakfast“ bestellen

Über Nacht bleiben wir im kleinen Lochinver, wo die „Inver Lodge“ ihre Gäste in gediegener Atmosphäre verwöhnt. Vom Restaurant „Chez Roux“ aus hat man einen fantastischen Blick über die Bucht, aber uns ist heute nicht nach gehobener Küche. Lochinver lässt uns nicht im Stich: Sehr zu empfehlen ist das „Peet’s“ in der Hafengegend, wo traditionelle britische Gerichte preisgünstig angeboten werden.

Überhaupt, die britische Küche. In Schottland ist es üblich, Bed & Breakfast zu buchen, also immer mit Frühstück. So bietet es sich an, morgens reichlich aufzutanken für den Tag. Zum „Full Scottish“ (bitte niemals „Full English“ sagen!) gehören neben Eiern, Baked Beans und Speck auch Haggis, Black Pudding, ein Potato Scone und Lorne, eine viereckige Frühstückswurst.

An der Nordspitze des Landes warten Papageientaucher und Ruinen wie die von Schloss Sinclair Girnigoe An der Nordspitze des Landes warten Papageientaucher und Ruinen wie die von Schloss Sinclair Girnigoe

Quelle: Axel E. Catton

Wir fahren weiter nach Ullapool, die letzte größere Siedlung an der Westküste. Man kann sich heute kaum noch vorstellen, wie wichtig der 1300-Seelen-Ort einmal für die Fischerei war, auch wenn noch einige Boote im Hafen liegen. Seine vielen Herbergen und Pubs machen ihn zur perfekten Anlaufstelle, um lokale Küche und Musik zu erleben.

Nördlich von Ullapool beginnt der schönste Teil der Strecke. Die Straße vor uns wirkt wie mit Honig hingegossen, als wir die verschlungene Westküste entlang nach Durness im Nordwesten fahren. Wir sind zum Teil mit Tempo 120 unterwegs und treffen nur selten auf andere Autos.

Auf der kurvigen Küstenstraße spielt der Morgan eine wichtige Neuerung gegenüber früheren Modellen aus: die elektrische Servolenkung. Sie ist leichtgängig, funktioniert auch ohne laufenden Motor und bringt den Roadster eindeutig ins 21. Jahrhundert. Leider ist es den Ingenieuren noch nicht gelungen, der Lenkung genüg Feedback mitzugeben, dass der Fahrer weiß, was hinten mit den 16-Zoll-Speichenrädern abgeht – da ist noch Raum für Verbesserung.

Der Osten ist dichter besiedelt als der Westen

Von Durness aus geht es am nächsten Tag auf der A836 und der A838 ostwärts. Wir verlassen die schroffe Natur und tauchen ab Tongue in eine ruhigere Landschaft ein, der Blick schweift hinaus aufs offene Meer, während die Straßen breiter werden und nun wieder zwei Spuren bieten. Viele Großbritannienurlauber halten John o’ Groats für das Ende der Insel, doch ist dies nur der letzte bewohnte Punkt. Die geografische Nordspitze des britischen Mainlands bildet Dunnet Head, wo die orange-goldenen Schnäbel Tausender Papageientauchern mit dem Leuchtturm um die Wette leuchten.

Wir sind mit Rob hergefahren, der in seinem „Mey House B&B“ auch Ganztagestouren in die weitere Umgebung anbietet. „Den meisten Menschen ist nicht bewusst, wie viel Geschichte der Osten des Nordens bietet“, sagt er mit Stolz. Die Ruine von Schloss Sinclair Girnigoe erklärt er uns mit der gleichen Liebe zum Detail wie die Brochs, prähistorische Speichertürme, die den Ursprung aus Stein gebauter Behausungen hier im Norden darstellen.

Wer mit einem Morgan Roadster auf der NC500 durch Schottland reist, sollte idealerweise einen Gepäckträger montieren und eine Abdeckplane zur Hand haben Wer mit einem Morgan Roadster auf der NC500 durch Schottland reist, sollte idealerweise einen Gepäckträger montieren und eine Abdeckplane zur Hand haben

Quelle: Axel E. Catton

Einen schönen Kontrast hierzu bietet „Mary-Ann’s Cottage“. Die letzte Bewohnerin dieses Crofts, eines typischen schottischen Kleinbauernhofs, hat das seit den 1920er-Jahren weitgehend unveränderte Gebäude 1993 verlassen und an eine Stiftung verkauft. Heute ist dort zu sehen, wie vor 100 Jahren Land bewirtschaftet, Vieh gehalten, gelebt und gekocht wurde.

Kaum zu glauben, dass wir uns schon wieder auf dem Rückweg nach Inverness befinden. Der Osten ist dichter besiedelt als der Westen, an der belebten A9 reihen sich kleine Dörfer aneinander. In jedem könnten wir halten und die Wurzeln der schottischen Kultur erkunden. Wir zielen aber direkt auf Inverness und das „Rocpool Hotel“, eine luxuriöse Oase im ansonsten eher vernunftbetonten Nordosten.

In den letzten fünf Tagen haben wir im Schnelldurchlauf ein Gefühl für die Besonderheit des schottischen Nordens bekommen. Wer es richtig machen will, bringt doppelt soviel Zeit mit, aber mindestens sieben Tage. Ach ja, und wer mit einem Morgan unterwegs ist, braucht einen Gepäckträger und eine Abdeckplane. Zudem können wir nur raten, den winzigen 40-Liter Tank aufzufüllen, wann immer es geht, um nicht in der schottischen Wildnis liegen zu bleiben.

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