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13th of November 2018

Auto



24-Stunden-Rennen auf der Carrera-Bahn – Eine Reportage aus Hamburg - WELT

Nach einer Stunde vermisst man ein typisches Geräusch: Die Autos fliegen nicht mehr so oft von der Strecke, um dann krachend in die Plexiglaswand einzuschlagen. Das Rennen auf der Carrera-Bahn bekommt seinen eigenen Rhythmus, und das sieht man auch den Fahrern an.

Schweigend und konzentriert stehen sie da, den Geschwindigkeitsregler in beiden Händen haltend, ein jeder hat nur sein rasendes Rennauto im Blick. Bei manchen schwankt der Körper leicht hin und her und folgt so dem Verlauf der Strecke.

Willkommen im Sawhill Racing Center, 45 Minuten nördlich von Hamburg. Hier wird regelmäßig im kleinen Maßstab Gas gegeben, Höhepunkt der Saison ist das 24-Stunden-Rennen. Für sechs Autos bietet die 39 Meter lange Bahn Platz, jedes Team besteht aus vier bis fünf Fahrern, Fahrerinnen sind nicht zu sehen. Ab und zu schauen eine Ehefrau oder eine Handvoll Freunde herein, aber eigentlich gibt es bei diesem Sport keine Zuschauer.

Einsetzen des Autos in der Boxengasse Einsetzen des Autos in der Boxengasse

Quelle: Stefan Anker

„Na, sind wir alle verrückt?“, fragt Stephan Zilch, einer der Organisatoren, als das Rennen vier, fünf Stunden alt ist; aber die Antwort ist ihm egal. In seinem eigenen Keller steht auch so eine Bahn, kleiner zwar, dafür aber voll ausgestattet mit Tribünen, Menschen, Landschaft – und Zilch kann aus deutlich über 400 Autos wählen, die er teilweise auch selbst gestaltet und lackiert. Die Carrera-Bahn, eigentlich als Kinderspielzeug erfunden, ist längst bei den Erwachsenen angekommen, und deswegen ist das Rennen auch so nah an der Realität.

Auch das Nachtanken wird simuliert

Es gibt ein Reglement für den technischen Zustand der Autos, es gibt Regeln für die Einsatzzeiten der Fahrer (mindestens 30, höchstens 120 Minuten ohne Pause), es gibt in jedem Team mindestens einen, der schnell schrauben kann, um beschädigte Autos zu reparieren. Es gibt eine Boxengasse, die etwa alle 80 Runden angefahren werden muss, um dort zwölf Sekunden zu halten – so wird das Nachtanken simuliert.

„Ich fahre selbst oft so, als wäre ich lieber tot als Zweiter“, sagt Tim Busch, ebenfalls Organisator. „Aber wir wollen auch, dass alle ihren Spaß haben.“ Einmal sei ein Team dabei gewesen, das kaum mit den Konkurrenten gesprochen, geschweige denn geholfen habe. „Die haben wir nie wieder eingeladen.“

Denn ohne Gemeinschaftssinn geht es beim Slotcar-Racing nicht. Wenn ein Auto aus der Kurve fliegt, muss jemand helfen. Darum stellt jedes Team permanent einen Einsetzer. Brächten die Einsetzer nun die Autos der gegnerischen Teams absichtlich sehr langsam wieder auf die Strecke, wäre das Rennen zerstört. „Jeder hat die Pflicht, die Autos so schnell wie möglich wieder einzusetzen“, sagt Busch. „Und es halten sich auch alle daran.“

Natürlich bietet das „echte“ 24-Stunden-Rennen am Nürburgring oder in Le Mans mehr Abwechslung. Man kann als Zuschauer zu verschiedenen Kurven der Strecke fahren, Boxengasse und Fahrerlager besuchen, oft gibt es Volksfeste.

Die Bahn misst 39 Meter und hat 16 Kurven Die Bahn misst 39 Meter und hat 16 Kurven

Quelle: Stefan Anker

Das entfällt beim Slotcar-Racing, alle sind die ganze Zeit in der Halle, der Sawhill-Chef bekocht sie, zwischendurch schlafen sie auf einer Couch. Tim Busch hat sich ein Luftbett aufgepumpt, zwei Teilnehmer sind mit dem Wohnmobil da. Besonders gut und lange schläft aber fast keiner, und die meisten werden ein, zwei Tage brauchen, um ihren Biorhythmus wieder zu finden.

Auch weil sie von den Nachtfahrten gestresst sind. Punkt 22 Uhr geht in der Halle das Licht aus, dann schimmert es zwar noch ein wenig von den Wänden, aber Orientierung geben jetzt nur die Scheinwerfer der Autos. Das krachende Geräusch der herausfliegenden Wagen ist jetzt wieder häufiger zu hören.

Sieger mit 100 Sekunden Vorsprung

Dafür haben Carrera-Piloten kaum technische Ausfälle zu fürchten, denn die winzigen Elektromotoren halten klaglos durch. Nur die Hinterachse muss wenigstens einmal im Rennen gewechselt werden, was etwa drei Minuten dauert.

Grundsätzlich entsprechen die Autos dem Auslieferungszustand, allerdings fährt man ohne den serienmäßigen Magneten im Unterboden. Der Magnet hält das Auto sicherer in der Spur, damit Kinder nicht die Lust am Fahren verlieren. Erwachsene Sportler wollen es schwieriger haben, und so sieht man ihre Autos häufig durch die Kurven driften.

Als um sechs Uhr das Licht wieder angeht, liegen noch acht Stunden vor den Fahrern. Team Grün behauptet die Führung und wird am Ende gewinnen, die Teams Gelb und Blau kämpfen noch um Platz zwei, die anderen haben schon zu viel Rückstand für einen Podiumsplatz.

Jedes Team braucht auch einen Mechaniker Jedes Team braucht auch einen Mechaniker

Quelle: Stefan Anker

Entscheidend für den Erfolg sind Kondition, Hand-Auge-Koordination und die beste Strategie beim Umschalten der sechs über die Strecke verteilten Weichen – man nutzt den Spurwechsel zum Überholen oder auch, um einen Gegner zu blockieren. Am Ende haben die Sieger acht Runden Vorsprung auf die Zweitplatzierten, etwa 100 Sekunden sind das, ein Wimpernschlag auf die 24-Stunden-Distanz.

Alle sind erschöpft, aber zufrieden. Ralf Rieger ist mit 60 Jahren der älteste Teilnehmer, er hat 30 Jahre Carrera-Erfahrung, war aber zum ersten Mal auf einer Bahn mit Weichen unterwegs. Und Rieger sagt auch den Satz, der das ganze Rennen erklärt: „Es ist ein Hobby, und ein Hobby zeichnet sich dadurch aus, dass man für den geringstmöglichen Nutzen den größtmöglichen Aufwand treibt.“

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