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23rd of July 2018

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Urteil gefährdet die Versorgung von Schlaganfallpatienten | SWR Wissen

Zeichnung: Blitz durch Gehirn

Ein Urteil des Bundessozialgerichts droht die Versorgung von Schlaganfallpatienten zu verschlechtern. Bislang galt: 30 Minuten darf die Übergabe eines Patienten an den Rettungswagen oder Hubschrauber bis zur Ankunft in der Großklinik dauern. Nun beginnt die Halbstundenfrist bereits, wenn klar ist, dass der Patient in eine Spezialklinik verlegt werden muss. Ärzte und Krankenhausgesellschaft warnen, das neue Zeitlimit für den Notfalltransport lasse sich nicht einhalten.

Um eine Zusatzvergütung für Schlaganfallpatienten abrechnen zu können, müssen Krankenhäuser die Patienten innerhalb von einer halben Stunde zu einer Spezialklinik bringen können. Dass schließt auch die Zeit für die Anforderung eines Hubschraubers ein. So hat das Bundessozialgericht jüngst entschieden.

Schlaganfall - jede Sekunde zählt

Diese Zeit ist viel zu kurz, meint die Neurologin Ulrike von der Osten-Sacken vom Gesundheitszentrum Glantal in Meisenheim. Dort werden auf der sogenannten "Stroke Unit" Schlaganfallpatienten mit der sogenannten Komplexbehandlung therapiert. Die beginnt mit einer schnellstmöglichen Diagnostik:

Innerhalb kürzester Zeit werden CT-Aufnahmen vom Kopf des  Patienten gemacht, damit die Therapie ohne Zeitverlust beginnen kann.

Wohnortnahe Versorgung von Schlaganfallpatienten

Auf der Schlaganfallstation werden dann die Körperfunktionen des Patienten durchgehend überwacht, alle 6 Stunden wird eine neurologische Kontrolluntersuchung vorgenommen. Zudem gibt es von Beginn an Logopädie, Physio- und Ergotherapie, damit die Schädigungen des Gehirns möglichst schnell überwunden werden. Über 90 Prozent der Schlaganfallpatienten in Deutschland können in solchen wohnortnahen Spezialstationen bestens versorgt werden.

Halbe Stunde Zeitfenster für Überweisung in Spezialklinik

In seltenen Fällen müssen die Patienten aber in eine größere Spezialklinik transportiert werden. Bislang galt: 30 Minuten darf das dauern – von der Übergabe etwa an den Rettungswagen oder Hubschrauber bis zur Ankunft in der Großklinik. Nach dem neuen Urteil des Bundessozialgerichts soll jetzt aber die Zeit schon ab der Entscheidung zum Transport zählen. Da liegt der Patient aber noch in der Untersuchungsröhre des CT-Geräts – von dort in 30 Minuten in ein anderes Krankenhaus? Ulrike von der Osten-Sacken sagt, das ist nicht machbar:

Jetzt kommt der Hubschrauber erst einmal hier hin geflogen: 12 Minuten. Der Patient wird umgelagert, es wird eine Übergabe gemacht, dann wieder zurück – das dauert länger als 30 Minuten, das ist nicht machbar, das in dieser Zeit zu schaffen.

Das ist nicht nur in Meisenheim so, versichert Gerald Gaß, der Präsident der Deutsche Krankenhausgesellschaft:

Im Ergebnis kann kein Krankenhaus ohne eigene Abteilung für Neurochirurgie und ohne Abteilung für Neuroradiologie diese 30 Minuten einhalten.

Schlaganfall - Patientenversorgung in Gefahr?

Und wer die Vorgabe nicht einhalten kann, darf nach dem Urteil keine Komplexbehandlung mehr abrechnen – für keinen Patienten, auch nicht für die über 90 Prozent der Patienten, die in den lokalen und regionalen Stroke Units bestens behandelt werden.

Michael Daffertshofer leitet eine regionale Stroke Unit im Rastatter Klinikum Mittelbaden. Er warnt:

Die große Last der ganz normalen Routineversorgung von Schlaganfällen ist natürlich in diesen regionalen, lokalen Schlaganfallstationen platziert. Und das wird mit einer solchen Auslegung einer 30minütigenVerlegungssituation nicht mehr aufrecht zu erhalten sein.

Kein Geld mehr für Schlaganfallerstversorgung?

Allein seiner Klinik in Rastatt drohen dadurch Verluste von rund 2 Millionen Euro pro Jahr. Und einige Krankenkassen wollen sogar Geld aus den letzten Jahren zurückfordern. Gerald Gaß von der Deutschen Krankenhausgesellschaft schätzt, dass durch die neue Regel drei Viertel der Stroke Units in Deutschland in ihrer Existenz bedroht sind:

Knapp 400 Schlaganfalleinheiten wären zukünftig nicht mehr in der Lage ein wichtiges Behandlungsangebot zu machen und dieses dann auch gegenüber den Krankenkassen abzurechnen. Das legt wirklich die Axt an das heutige System.

Schlaganfall - bald nur noch schlechte Versorgung in ländlichen Gebieten?

So sehen es auch die medizinischen Experten, wie Armin Grau, der Vorsitzende der Deutschen Schlaganfallgesellschaft Er fordert, dass die Krankenkassen trotz des umstrittenen Urteils die wichtige flächendeckende Versorgung mit der Komplexbehandlung weiter finanzieren sollen. Gerade in ländlichen Regionen sei das flächendeckende Versorgungsnetz in Gefahr.

Schlaganfall-Stationen im Südwesten Deutschlands

Schlaganfall-Stationen (Stroke Units) gibt es in Baden-Württemberg: 48 /in Rheinland-Pfalz:29 / im Saarland: 10Schlaganfall-Stationen mit Vollausstattung (Thrombektomie): gibt es in Baden-Württemberg: 14/ Rheinland-Pfalz: 6 /Saarland: 2

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