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23rd of July 2018

Wissen



Glücksversprechen - Philosophische Lebenshilfen | Wissen | SWR2

Entscheiden heißt, am Abgrund stehen

SENDETERMIN Fr, 6.7.2018 | 8:30 Uhr | SWR2

SWR2 Wissen. Von Sven Ahnert

Die Möglichkeiten das eigene Leben zu justieren, sich dem „Selbstoptimierungs-TÜV“ zu unterziehen, sind schier grenzenlos. Lebensglück scheint nur noch eine Frage der richtigen Optimierungsstrategie zu sein. Der Markt für philosophische Ratgeber und Tipps zur perfekten Lebensgestaltung boomt auf allen Kanälen: Partnersuche? Keine Frage des Glücks mehr! Wo wartet mein Traumjob? Er steckt in mir selbst! Solche und andere Lösungen verheißen Institute wie die "School of Life" oder "Life Trust". Charismatische Coaches haben die Sinnfrage zum Geschäftsprinzip gemacht.

Richard David Precht gilt als der Medien-Philosoph. Spätestens durch sein Buch mit dem Titel: „Wer bin ich? und wenn ja, wie viele?“ sitzt er immer in Talkshows und gibt Interviews am laufenden Band. Doch Precht sieht sich nicht vorrangig als Ratgeber in Sachen Lebensbewältigung:

Normalerweise erwarten Menschen von Ratgeberliteratur, dass am Ende zehn todsichere Tipps stehen, wie man Millionär wird oder wie man seine Ehe rettet oder wie man das Glück findet, und jemand der einem Menschen so etwas verspricht, der will ihn veralbern. Das geht alles nicht. Es ist auch gut, dass das nicht so geht. Das Leben wäre ja furchtbar langweilig, wenn man nur zehn Regeln befolgen müsste und dann wären alle in ihrer Liebe erfüllt und alle reich und glücklich. Sondern als Philosoph versucht man als Erstes den Menschen klarzumachen, dass es auf die großen Fragen des Lebens eben keine guten und keine einfachen Antworten gibt.

Fast alle Ratgeber der Neuzeit bedienen sich bei den antiken Moralphilosophen

Das bestätigt Richard David Precht.

Seiner Meinung nach waren fast alle wichtigen Einsichten, die wir über den Sinn des Lebens oder über das Glück haben, in der Antike schon bekannt:

Also dass man nicht irgendwelchen kleinen leichten Verlockungen im Leben hinterherlaufen soll, sondern dass man auf das gucken soll, was wirklich Substanz hat und was andauert und dass man nicht allein in den Sinn-Genüssen den Sinn des Lebens sehen soll, aber auch nicht völlig auf sie verzichten soll. Was heute an den antiken Weisheitslehren so interessant ist: Für die Griechen war Müßiggang -Kontemplation - Meditation, sich mit sich selbst zu beschäftigen, seinen Gedanken nachzugehen, ein ganz großes Ideal.

Auch Rolf Dobelli, Bestsellerautor von Ratgebern wie "Die Kunst des guten Lebens" setzt auf die Einsichten antiker Philosophen wie zum Beispiel Seneca. Von Seneca stammt die Erkenntnis: All jene, die dich zu sich rufen, zerren dich von dir selbst weg.

Der Rückgriff auf antike Klassiker ist sehr verbreitet im Ratgebergeschäft: Seneca, Mark Aurel und Epiktet, all' die vielen Vordenker der inneren Gelassenheit, werden häppchenweise adaptiert und dem Geist der Selbstoptimierung dienstbar gemacht.

Unsicherheit führt zum Boom der Coaches und Ratgeber zur Sinnstiftung und Selbstoptimierung

Rolf Dobelli, der selbst auf der Welle der Sinnstifter mitschwimmt, weiß genau, warum die Nachfrage derzeit so hoch ist:

..weil die Welt so kompliziert geworden ist. Sie verändert sich sehr schnell. Ein Job ist nicht mehr ein Job fürs Leben. Eine Beziehung ist vielleicht nicht mehr eine Beziehung für's Leben. Alles verändert sich, alles ist im Fluss und die Leute suchen Orientierung und die große Orientierung, die früher das Christentum lieferte, dass dieses Leben eigentlich nicht so wahnsinnig wichtig ist. Muss man ein guter Mensch sein? Das wichtige, schöne Leben kommt dann nach dem Tod. Und diese Orientierung fehlt, ist weggebrochen.

"School of Life "- eine philosophische Lebensschule?

Die deutsche Niederlassung der „School of Life“ ist seit 2016 im hippen Berliner Bezirk Prenzlauer Berg angesiedelt. "Kluge Ideen für ein gutes Leben" ist ihr Motto. Dabei ist die Lebensschule ein Lizenzgeschäft. Das Konzept wird in der Londoner Zentrale der „School of Life“ vorgegeben und zertifiziert.

Der geistige Vater und Gründer der philosophischen Geschäftsidee ist der Schweizer Philosoph Alain de Botton. Er hat die School of Life 2008 gegründet und mit Bonmots versehen wie:

Wenn wir erst mal angefangen haben, Ausschau nach ihnen zu halten, ist das Leben voller kleiner Freuden.

Insgesamt hat Alain de Botton 14 lebensphilosophische Breviere- also kurze Bücher praktisch zu allen Lebenslagen  - veröffentlicht. Die Themen lauten zum Beispiel  „Gelassenheit“, „Sex“, „Kleine Freuden“, „Partnerschaft“ und „Traumjob“ :

Wenn wir uns fragen, welcher Arbeit wir künftig nachgehen können, sollten wir darauf vertrauen, dass eine fundierte Antwort darauf bereits größtenteils in uns schlummert.

Ganz neu ist Alain de Bottons Idee einer von Philosophen entwickelten Leitkultur nicht, aber sie überzeugt in ihrer reduzierten Schlichtheit, die im Grunde jeden anspricht. Die philosophischen Anregungen haben ihren Preis: ein Tagesseminar in Berlin kostet rund 120 Euro, ein dreistündiger Abendkurs rund 40 Euro, Videos und der Blog dagegen sind umsonst.

Führt der Selbst-Optimierungstrend zur Normierung?

Rebecca Niazi Shahabi, die mit ihren nicht ganz ernst gemeinten Antioptimierungs-Ratgebern wie „Nett ist die kleine Schwester von Scheiße“, „Ich bleib so scheiße, wie ich bin: Lockerlassen und mehr vom Leben haben“ den grassierenden Selbstoptimierungstrend durch den Kakao zieht, hat auch einen Abend in der School of Life besucht. Sie kritisiert das Angebot:

Die Leute erwarten wirklich etwas, was sie einen Schritt nach vorne bringt. Und irgendwie ein Geheimnis, dass sie noch nicht kennen, das kann es nicht geben. Aber so sind diese Kurse angelegt.

Wer sich optimieren will, so die These von Rebecca Niazi Shahabi, wird zwangsläufig auch normiert. Jede Gemütsregung, jedes zwischenmenschliche Thema wird einem Check unterzogen: Darf ich dies oder das, selbst unsere Schwächen, unser Versagen, wie Übergewicht, Ungeduld, Jähzorn werden wohlwollend in das Optimierungsgefüge aufgenommen. Für die Optimierungskritikerin ein gesellschaftliches Ärgernis:

Und zwar finde ich es deswegen doof, weil ich das Gefühl habe, man hat keinen Raum mehr, in dem man so ist, wie man einfach ist oder indem man an sich etwas zur Kenntnis nehmen kann: Eine Schwäche oder etwas, was einen selbst unglücklich macht, und man in Ruhe herausfinden kann, wie man dazu steht. Eine Schwäche, die mich unglücklich macht.

Ein Rundum Sorglos Paket für das gelingende Leben

"Human Trust" nennt sich eine der Online-Plattformen, die Rundum-Motivationspakete für jeden schnüren. Mit knapp zehntausend Mitgliedern ist die Coaching- und „Selbstfindungs-Plattform ein Big Player unter den selbst ernannten „Lebensschulen“. Gründer und Star der Human-Trust Community, die über Videobotschaften, Onlinekurse, und Live-Seminare operiert, ist der Motivations-Coach Veit Lindau. Lindau bietet eine große Palette an Themen zu vielen Lebensfragen, zum Beispiel zum Thema emotionale Intelligenz, Zeitmanagement, Fasten, Beziehung und dem Finden der eigenen Berufung.

Begleitend zu seinen Online-Kursen und Seminaren hat Lindau viele Bücher verfasst, in denen er seine Ideen von Erfolg und Glück in knackig-provokante Botschaften verpackt. Er ist das niederschwellige Gegenstück zu Rolf Dobelli und Richard David Precht. In Lindaus Büchern mit den Titeln „SeelenGevögelt“, „Heirate dich selbst“ oder „Liebe Radikal“ stehen Sätze wie:

„Opfer erkennst du daran, dass sie über das Warum reden. Menschen, die Lust auf Leben haben, beschäftigen sich mit der Frage: "Wie bekomme ich, was ich wirklich will?”

Die eigene Geschichte, eine Kette aus Fehlern und Einsichten, münzt Veit Lindau als Erfolgsgeschichte um - sie bildet den Erzählfaden in vielen seiner Kurse. Lebenscoaches sind oft Menschen wie Lindau, die selbst eine Krise oder eine schwere Lebenssituation überstanden haben und mit dieser Erfahrung und einer entsprechenden Weiterbildung dann andere coachen wollen. Natürlich wollen sie damit auch Profit machen. Eine Mitgliedschaft im Human Trust Abo kostet derzeit 280 Euro im ersten Jahr. Plus Erfolgspaket insgesamt 600 Euro.

Coaching dient der Steigerung und dem Erhalt der Leistungsfähigkeit - nicht dazu, das eigene Glück zu steigern

Kritiker des Coaching-Wesens, wie der Politologe Gerg Steinmeyer, weisen darauf hin, dass Coaching-Techniken gerade nicht die Freiheit des Menschen im Auge haben, sondern das genaue Gegenteil. Steinmeyer betont:

Coachings, wie sie sich heute darstellen, sind entgegen ihrem Anspruch meist kein Instrument von Selbstbestimmung und Emanzipation, sondern forcieren im Gegenteil die Aufgabe selbständigen Denkens. Der „flexible“ und widerstandlose Mensch, der sich und seine Überzeugungen stets nach Maßgabe ökonomischer Verwertbarkeit anpasst und einer Gesellschaft oder eines Staates nicht mehr bedarf, ist das offensichtliche Ziel gängiger Coaching-Verfahren.

Viele der von Steinmeyer untersuchten Coaching-Techniken haben im Kern ideologischen Charakter und basieren eher auf dem Bild eines angepassten Menschen als dass sie die individuelle Freiheit des Klienten zum Maßstab nehmen würden.

Viele Coachings, das zeigen meine Recherchen, leisten diese Stärkung des Rückgrats gerade nicht, sondern leiten Menschen dazu an, bei Konflikten mit Mehrheiten über die Homogenisierung der eigenen Überzeugungen selbst Teil der Mehrheit zu werden. „Mit den Wölfen heulen“ nannte man das früher.

Blickt man auch nur ausschnittsweise in den Dschungel der Glücksschulen, Bestseller-, Erfolgs- und Motivationsseminare, bleibt eines gewiss: Die Beschäftigung mit dem verunsicherten „Ich“ in unübersichtlichen Zeiten ist ein lukratives Lifestyle-Phänomen geworden.

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