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20th of October 2018

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Psychisch kranke Ärzte | Wissen | SWR2

Auch Ärzte und Ärztinnen können psychisch krank sein. Viele verschweigen es, weil auch ihre Zulassung dabei auf dem Spiel stehen kann. So gibt es bislang wenig Hilfsangebote für betroffene Ärzte.

Eine Ärztin spricht über ihre psychische Erkrankung

Dr. Astrid Freisen ist Fachärztin für Psychiatrie – und leidet selbst seit Jahren an einer bipolaren Störung. Trotz ihrer Diagnose arbeitet sie an einer großen psychosomatischen Klinik – und kann wirklich nachvollziehen, wovon ihre depressiven Patienten sprechen. Astrid Freisen weiß, was es bedeutet, wenn Patienten erzählen, dass sie kaum aus dem Bett kommen, als ob das Bett einen festhält. Sie kennt das Gefühl, weiß, wie das ist, wenn es nicht mehr möglich ist, Dinge anzugehen, weil da nur noch Grübeln und Selbstzweifel sind. Sie selbst sieht das dann allerdings auch als Vorteil, dass sie die Patienten dort abholen kann, wo sie gerade stehen.

Die Angst: Wie würden die eigenen Patienten reagieren?

Mit ihrer Krankheit geht sie trotzdem nicht hausieren, spricht aber offen darüber, wenn ihre Patienten sie darauf ansprechen. Eine Ärztin mit bipolarer Störung, das passt eben nicht ins Bild der Halbgötter in weiß – und schürt auch Ängste. Wenn Astrid Freisen akut in einer Krankheitsphase und krankgeschrieben ist, behandelt sie auch keine Patienten. Manche Patienten haben Angst, dass sie falsch behandelt werden, wenn die Ärztin gerade in einer psychisch labilen Phase ist.

Professioneller Umgang mit psychischen Erkrankungen bei Ärzten

Natürlich wünschen sich auch Arbeitgeber einen Arzt, der immer belastbar und stabil ist. Das ist nach Einschätzung von Astrid Freisen bei den meisten psychischen Krankheiten gegeben. Da sollten Arbeitgeber ein entsprechendes Klima schaffen, das ein stabiles Arbeiten auch ermöglicht.

Ihr jetziger Arbeitgeber macht das: Astrid Freisen kann jederzeit Pause machen, außerdem ist sie vom Nachtdienst befreit, wichtig für Menschen mit bipolarer Störung. Doch so viel Akzeptanz unter Kollegen ist lange nicht die Regel. Und das, obwohl man meinen sollte, dass gerade Profis auch einen professionellen Umgang mit psychischen Erkrankungen pflegen – ob nun ein Kollege betroffen ist oder nicht.

Hohes Burnoutrisiko in Gesundheitsberufen

Psychische Krankheiten machen eben nicht vor einem Doktortitel halt – im Gegenteil: Studien belegen, dass das Burnoutrisiko bei Menschen in Gesundheitsberufen höher ist als bei anderen Berufsgruppen. 40 Prozent der Psychotherapeuten hatten selbst bereits depressive Phasen, die sie selbst auch so diagnostizieren würden.

Außerdem sind die Selbstmordraten unter männlichen Medizinern 40 Prozent, unter Ärztinnen sogar 130 Prozent höher, als beim Rest der Bevölkerung. Denn bei Profis ist die Hemmschwelle besonders groß, sich Hilfe zu suchen. In „normalen“ Selbsthilfegruppen sind sie oft nicht willkommen, werden dort nur als der Behandler, nicht als Betroffener gesehen.

Nur wenige Selbsthilfegruppen für psychisch kranke Ärzte

Selbsthilfegruppen nur für betroffene Profis sind also wichtig – und trotzdem gibt es sie kaum. Auch Astrid Freisen fand, als sie nach Hilfe suchte, nichts – und gründete deshalb 2014 mit zwei Kolleginnen kurzerhand ein eigenes, kleines Netzwerk. Wer nach „selbst betroffene Profis“ im Netz sucht, kann sich an Astrid Freisen und ihre Mitstreiterinnen wenden. Sie werden von Anfragen verzweifelter Kollegen überrannt.

Was die Betreiber des Netzwerkes dort zu hören bekommen ist wirklich zum Teil erschreckend. Von Mobbing, von Isolation, von Kündigung aufgrund von Krankheitssymptomen – und im allerschlimmsten Fall tatsächlich auch der Verlust der Approbation. Darüber entscheiden die Ärztekammern – und genau deshalb haben viele psychisch kranke Ärzte Angst, dort Hilfe zu suchen.

Netzwerk für Gesundheitsberufler mit psychischen Leiden

Die Ängste wollen wir aufgreifen, und sagen: Okay, bei diesen Punkten braucht man keine Angst haben. Es wird nicht die Approbation entzogen, sondern man versucht denjenigen zurück ins Arbeitsleben zu bringen als gesundeter Behandler.

sagt Felix Radtke. Er ist einer von einer Handvoll Medizinstudenten, die sich im Verein „Blaupause“ engagieren. Das Netzwerk für Gesundheitsberufler mit psychischen Leiden bietet Betroffenen ein Internetforum zum Austausch, einen Blog mit wissenschaftlichen Beiträgen und will informieren: Vor allem unter ihresgleichen, Medizinstudenten oder anderen jungen Menschen in einer medizinischen Ausbildung. Denn im Medizinstudium, weiß Felix Radtke aus eigener Erfahrung, ist die eigene Fehlbarkeit tabu.

Ab dem dem ersten Tag verorten Mediziner, andere Menschen auf einer Art Landkarte: krank, gesund, somatisch, also physische Leiden, aber eben auch psychische Leiden. Sich selbst verorten Mediziner nie auf dieser Karte, denn sie müssen sowieso gesund sein.

Hoher Druck, gesund zu sein

Der Druck, gesund zu sein, ist enorm. Deshalb ist der erste wichtige Schritt für betroffene Profis: Das, was sie ihren Patienten predigen, selbst zu verinnerlichen: Es ist keine Schande, psychisch krank zu sein. Und es braucht nach der Einschätzung von Astrid Freisen noch mehr.

Es müsste anonyme Anlaufstellen geben, denn Anonymität ist für betroffene Kollegen sehr wichtig.Es müsste Listen geben von gesunden Kollegen, die überhaupt bereit sind, betroffene Kollegen zu behandeln. Denn auch das kann schwierig werden, entsprechende Ärzte zu finden.

Im staatlichen britischen Gesundheitsdienst National Health Service, NHS, hat man das Problem erkannt. Seit Jahren gibt es dort das „Practitioner Health Programme". Dort können sich Ärzte mit ihren psychischen Problemen, Ängsten oder Depressionen vertraulich an Spezialisten wenden, um dort fachärztliche Hilfe zu erhalten. Obwohl der Bedarf hierzulande ebenfalls da ist, scheint der politische Wille zu fehlen.

Zwar gibt es Ärztekammern, die Suchtpräventionsprogramme für Ärztinnen und Ärzte anbieten, aber Angebote für andere psychische Erkrankungen gibt es - trotz aller Statistik - nicht. Auch deshalb kämpft Astrid Freisen weiter dafür. Eines ist ihr besonders wichtig als betroffener Profi:

Genau so gesehen zu werden – als betroffene Professionelle. Viele Profis können damit schlecht umgehen, sehen nur noch die Krankheit und sehen nicht die Professionalität, die ich ja auch mitbringe – da auf Augenhöhe behandelt zu werden und auch zu sehen, dass man davon auch profitieren kann, das wünsche ich mir für die Zukunft.

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