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14th of November 2018

Reise



Städtereise: Nikosia, die geteilte Hauptstadt der Insel Zypern - WELT

Von ihrem Haus in Nikosia aus kann Antje Papageorgiou bis in den abgetrennten türkischen Nordteil der zyprischen Hauptstadt schauen. Ihr Blick geht bis zum ehemaligen Flughafen Timbu, der seit der türkischen Invasion auf der Mittelmeerinsel im Jahre 1974 in der Pufferzone vor sich hin rostet.

Nahe der „Green Line“, der von den Vereinten Nationen geschaffenen Demarkationslinie zwischen dem griechischen und dem türkischen Teil von Nikosia, prangt sichtbar an einem Berghang die 165 Meter lange aufgemalte Fahne der international nicht anerkannten Türkischen Republik Nordzypern.

Als diese Linie 2003 nach 29 Jahren erstmals geöffnet wurde, war Antje Papageorgiou in der Menge der griechischen Zyprer, die in den von der Türkei besetzten Norden ihrer Hauptstadt strömten. Antje, geboren in Hamburg, lebt seit 1985 mit ihrer Familie in Nikosia und ist vorher nur ein einziges Mal im Norden der Insel gewesen. „Das fühlte sich komisch an – wie damals als Wessi in der DDR auf der Durchreise.“

Ganz anders 2003, als sie unterwegs im Radio von der Öffnung der Grenze erfuhr. „Wir sind dann ganz schnell nach Nikosia zum Ledra-Palast gefahren, wo sich Szenen abspielten, wie wir sie aus Deutschland 1989 kannten. Griechische und türkische Zyprer, die sich seit 1974 nicht gesehen hatten, kamen das erste Mal wieder zusammen und feierten.“

Massaker und Bürgerkrieg

Doch eine Wiedervereinigung wie in Deutschland hat auf Zypern bis heute nicht stattgefunden. Während es bei den Deutschen um ein Volk mit derselben Sprache, Kultur und Religion gegangen war, sind die ethnischen Probleme zwischen griechischen und türkischen Zyprern seit vielen Jahrzehnten ungelöst. Es scheint, als würde ein Ausweg immer schwieriger werden. Ohne einen Blick in die blutige Geschichte ist das heutige Zypern kaum zu verstehen.

In den 50er-Jahren träumten viele griechische Zyprer von der Enosis, dem Anschluss an Griechenland. Nationalistische Zyperntürken dagegen verlangten die Teilung der Insel. Nachdem die britische Kronkolonie Zypern 1960 von Großbritannien, der Türkei und Griechenland in die Unabhängigkeit geschickt worden war, brach kurz vor Weihnachten 1963 ein Bürgerkrieg aus.

Aus dem Strand wurde ein Sperrgebiet Aus dem Strand wurde ein Sperrgebiet

Quelle: Getty Images

Der Journalist George Koumoullis kann sich noch gut an die Ereignisse erinnern, als in einem Nachbarort seines Heimatdorfes Tochni im Südosten der Insel ein Massaker an zyperntürkischen Zivilisten verübt wurde. Es waren Terroristen, die für einen Anschluss Zyperns an Griechenland mordeten.

An diesem Morgen stand George mit seinen türkischen Freunden im Café und erlebte, wie diese in Panik aus dem Dorf flüchteten. „Wir waren sehr eng zusammen, wie Brüder“, sagt er mit Tränen in den Augen.

Wiedervereinigung nicht in Sicht

Noch schlimmer kam es im Sommer 1974. Nach einem Putsch des griechischen Militärregimes gegen den zyprischen Staatspräsidenten Makarios mit dem Ziel, Zypern an Griechenland anzuschließen, landete die türkische Armee am 20. Juli auf der Insel.

Als die Militärjunta in Griechenland drei Tage später stürzte, setzte die türkische Armee ihre Invasion am 14. August fort und besetzte im Norden 37 Prozent der Gesamtfläche Zyperns. Paramilitärische Zyperngriechen rächten sich für den Einmarsch noch am selben Tag mit einem Massaker an türkischen Zyprern in drei nördlichen Dörfern.

Bei Tag ist die riesige türkische Flagge (links) am Berg sichtbar, bei Dunkelheit brennen die Lampen Bei Tag ist die riesige türkische Flagge (links) am Berg sichtbar, bei Dunkelheit brennen die Lampen

Quelle: Getty Images

Seither sind 44 Jahre vergangen, aber eine Wiedervereinigung ist nicht in Sicht. Die Wunden, die Massenvertreibungen und Morde während der türkischen Invasion schlugen, sind nicht verheilt. 162.000 griechische Zyprer wurden aus ihren Häusern im Norden vertrieben, gut 30.000 türkische Zyprer verloren ihre Heimat, Tausende Menschen starben.

Mit der Gründung der „Türkischen Republik Nordzypern“ 1983 wurde die Okkupation des Nordens festgeschrieben. Die Türkei ist das einzige Land der Welt, das Nordzypern als Staat anerkennt.

Trendige Cafés und Barrikaden

Wer heute durch die letzte geteilte Hauptstadt der Welt spaziert, findet im griechischen Teil der Altstadt, umrandet von der mächtigen venezianischen Festungsmauer, viele trendige Läden, Restaurants wie das „D.O.T“ in der Athinas Avenue oder das Café „Berlin Wall“ in der Ledra Street, der Haupteinkaufsstraße von Nikosia. Über den Tischen des Cafés hängen Schilder mit der Aufschrift „Checkpoint Charlie“.

Ein Stückchen weiter endet die Fußgängerzone abrupt an einer Absperrung, gesäumt von Holzbuden, Ölfässern und niedrigen Betonmauern. Man passiert einen griechisch-zyprischen Grenzposten und geht ein paar Schritte durch die Pufferzone, bewacht von UN-Soldaten. Erst nach 50 Metern beginnt der türkische Teil der Stadt, Ausweiskontrolle. Danach findet man sich in einem orientalischen Basar wieder, vollgestopft mit bunten Tüchern, T-Shirts und kitschigen Souvenirs.

Die Häuserzeile ist durch Stacheldraht vom Betrachter getrennt Die Häuserzeile ist durch Stacheldraht vom Betrachter getrennt

Quelle: Getty Images

Die nordzyprische Hauptstadt nennt sich auf Türkisch Lefkosa. „Wenn ich gelegentlich hinüberfahre, habe ich schon das Gefühl, in eine andere Welt zu wechseln“, sagt Antje Papageorgiou. Sie erwähnt die starke Militärpräsenz, die türkische Sprache und das weniger europäische Straßenbild.

Auch die Musik, die Gerüche, die Getränke seien anders. Tagesausflügler dagegen wollen gern das eine oder andere Schmuckstück besichtigen, zum Beispiel die Karawanserei Büyük Han im restaurierten Arab-Ahmet-Viertel. Sie ist eine der ältesten türkischen Bauten auf Zypern und wurde 1572 als Herberge für Kaufleute errichtet.

Eine Stadt der Kunst

Auch die uralte gotische Sophienkathedrale, die seit dem 16. Jahrhundert als Hauptmoschee Zyperns den Namen Selimiye-Moschee trägt, zieht viele Grenzgänger an. Sie schlendern zum Atatürk-Platz mit der venezianischen Granitsäule im Mittelpunkt und landen schließlich in der Hauptgasse, wo sich Läden mit Imitationen internationaler Marken aneinanderreihen. Fake-Jeans von Giorgio Armani oder Calvin Klein zum Beispiel sind hier spottbillig.

Zurück in der lebendigen Altstadt von Nikosia zeigt Papageorgiou die neue Kreativszene, die in alten Läden, leer stehenden Treppenhäusern und halb offenen Durchgängen entstanden ist – eine Mischung aus provozierender Kunst und eigenwilliger Gastronomie.

Charakteristische Bauwerke: alte Kirche und Posten der UN-Truppen Charakteristische Bauwerke: alte Kirche und Posten der UN-Truppen

Quelle: Getty Images

Überhaupt wird die Kunst, gemessen an der Anzahl der Museen, in Nikosia großgeschrieben. Und spaziert man kreuz und quer durch die Altstadt, steht man plötzlich vor einer zugemauerten Gasse oder vor einer mit Stacheldraht verbarrikadierten Straße, hinter der sich von Unkraut überwuchertes Niemandsland ausbreitet. Ein schockierender, fast unwirklicher Anblick.

„Als die Grenze 2003 geöffnet wurde, waren wir alle so optimistisch und dachten, es würde nun schnell weitergehen mit einer Lösung“, sagt Papageorgiou. „Besonders 2004, nach dem Beitritt der Republik Zypern zur Europäischen Union, hofften wir auf eine Chance zur Wiedervereinigung.“

Getrennt in der Meinung zur Vereinigung

Wenig später jedoch, am 24. April 2004, scheiterte der Uno-Plan zur Wiedervereinigung Zyperns bei einer Volksabstimmung. Während die Bevölkerung Nordzyperns mit knapp zwei Dritteln der Stimmen dafür stimmte, lehnte die Bevölkerung der Republik Zypern den Plan mehrheitlich ab. Zu groß war die Angst der griechischen Zyprer vor der Unberechenbarkeit des von der Türkei gesteuerten nordzyprischen Quasistaates und vor dem Verbleib ihrer Armee. „Seitdem vergehen die Jahre“, sagt Papageorgiou. „Ich bin leider überhaupt nicht mehr optimistisch.“

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Zusammensetzung der Bevölkerung in Nordzypern stark verändert. Durch die massenhafte Ansiedlung von Festlandtürken samt ihren Familien fürchten die türkischen Zyprer, zu einer Minderheit in ihrer Heimat zu werden.

Es könnte schöner sein: In Nikosia steht man immer wieder unversehends vor den Spuren der Teilung Es könnte schöner sein: In Nikosia steht man immer wieder vor den Spuren der Teilung

Quelle: AFP/Getty Images

Ihr traditioneller Lebensstil unterscheidet sich deutlich von dem der Siedler und Soldaten, deren Frauen Kopftücher tragen. Während aus der Türkei entsandte Imame in den Moscheen predigen, sitzen türkische Zyprer lieber in Straßencafés, trinken ein Gläschen und diskutieren über Meinungsfreiheit und Demokratie.

Die wirtschaftliche Lage Nordzyperns ist desolat. Als nicht anerkannter Staat kann er seine Produkte nur in der Türkei absetzen, vorausgesetzt, es gäbe dort überhaupt einen Bedarf. Einzig das Geschäft mit einigen Tausend Studenten an den Universitäten, Söhne und Töchter wohlhabender Eltern aus der Türkei, dem nahen und mittleren Osten oder aus Afrika, spült einige Tausend US-Dollars in die leeren Kassen. Ohne die finanzielle Unterstützung aus Ankara könnte Nordzypern bis heute wirtschaftlich nicht überleben.

Die Angst vor Erdogan

„Es gibt Bürgerbewegungen von beiden Seiten, die sich für Gespräche und Kooperation mit den türkischen Zyprern einsetzen“, sagt Journalist Koumoullis. „Doch da ist auch eine große Angst, gegenüber den Siedlern ins Hintertreffen zu geraten und überwältigt zu werden. Nordzypern ist wie ein Puppenstaat – dahinter steht die Tyrannei der Türkei.“ Und nach einer Pause fügt er hinzu: „Vor der jetzigen Türkei Erdogans haben wir Angst.“

Früher, vor der gewaltsamen Teilung der Insel 1974, lagen die Touristenorte überwiegend im Norden. Heute reisen die allermeisten Urlauber in den Süden Zyperns und spüren auf der „Insel der Götter“ kaum etwas von den jahrzehntelangen Konflikten. Es gibt antike Sehenswürdigkeiten wie die Mosaiken in den Häusern von Dionysos und Theseus im Archäologischen Park von Paphos oder das berühmte Römische Theater von Kourion hoch über dem Meer.

Das ehemalige Fischerdorf Agia Napa, wunderschön an der äußersten Südostspitze Zyperns gelegen, hat sich zu einem viel besuchten Ort entwickelt. Während das jugendliche Partyvolk nachts unbekümmert feiert, haben Familien mit Kindern tagsüber viel Platz an den Sandstränden, überall mit freiem Zugang zum Meer. Die Probleme des geteilten Zyperns sind hier weit weg.

Quelle: Infografik WELT

Tipps und Informationen zu Zypern

Anreise Etwa mit TUIfly/Eurowings (tuifly.com) oder Condor (condor.com) von mehreren deutschen Flughäfen nach Larnaka oder Paphos in der Republik Zypern. Nordzyperns Flughafen Ercan ist nur über die Türkei erreichbar.

Einreise Die Republik Zypern verlangt einen Pass oder Personalausweis, der noch mindestens sechs Monate gültig ist. Über die „Grüne Linie“ können EU-Bürger mit gültigem Reisedokument an speziellen Übergängen grundsätzlich in beiden Richtungen wechseln. Allerdings betrachtet die Republik Zypern eine Einreise über einen von Nordzypern kontrollierten Flughafen oder Hafen als illegal und behält sich das Recht vor, diese zu bestrafen. Seit seinem EU-Beitritt hat Zypern jedoch von Verfahren gegen EU-Bürger abgesehen.

Zypern-Pauschalreisen In Paphos kosten fünf Nächte im TUI-Viersternehotel „Sensimar Pioneer Beach“ mit Halbpension und Flug ab rund 730 Euro pro Person im Doppelzimmer (tui.com). Bei Thomas Cook kosten im „Sentido Thalassa Coral Bay“ an der Westküste sieben Übernachtungen mit All-inclusive-Verpflegung und Flug samt Rail & Fly ab 870 Euro p.P. (thomascook.de).

Auskunft visitcyprus.com

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von TUI. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit

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