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24th of January 2018

Musik



Abgehört - neue Musik Taka-taka-taka, blingblingbling!

Neues Jahr, neue Pop-Heldinnen: Haiyti aus Hamburg macht aus Trap-Rap Gold, Charli XCX kuratiert den Charts-Sound der Zukunft. Außerdem: Neue Indierocker aus England und ein EBM-Nostalgiker.

Dienstag, 09.01.2018   16:33 Uhr

Haiyti - "Montenegro Zero" (Vertigo/Universal, ab 12. Januar)

Ob ihr Onkel wirklich "Mafioso" war, wie sie sich in ihrem gleichnamigen Track brüstet? Weiß man nicht. Haiytis Vater jedenfalls war als Vitale ein One-Hit-Wonder der Neuen Deutschen Welle ("Komm doch nochmal (Gefühl ohne Ende)"). Insofern muss es nicht verwundern, wenn sich Ronja Zschoche auf ihrem zweiten Album nicht mehr nur als erste und einzig kompetente Cloud-Rapperin aus Deutschland betätigt, sondern vehementer als zuvor auch ihr Pop-Potenzial offenbart.

In der notorisch missgünstigen Rap-Szene, in der es Frauen ohnehin schon schwer haben, wird ihr das kaum Sympathien einbringen. Andererseits kam die junge Hamburgerin mit der heiseren Meckerstimme bisher mit so ziemlich allem durch, auch mit ihrem neben der Musik betriebenen Kunststudium - wie bürgerlich! Was deutschen HipHop betrifft, darf man das aber fast schon traditionell nennen, also real genug. Mit frühen, betrunken staksenden Tracks wie "Messer" oder "Speedleiche" und - wie man hört - durchaus prekären Lebensverhältnissen (30 Quadratmeter aufm Kiez ohne Heizung) verkörpert sie die Straßen-Mentalität jedoch glaubhafter als so mancher selbsternannter Gangsta-Rapper, auch wenn die Credibility-Queen in diesem Genre natürlich Schwesta Ewa bleibt. "Hafenlieder im Ghetto-Update" nannte der deutsche "Rolling Stone" Haiytis DIY-Stil einmal. Zu ihren Fans gehören Haftbefehl ("Die hat Eier") ebenso wie Trettmann, der mit Hayiti bereits kooperierte. Applaus kommt inzwischen auch aus dem Hamburger Bürgertum: "Eine Pop-Revolution bahnt sich an", ahnte "Die Zeit" letzte Woche.

Mit "Montenegro Zero", einer Reverenz an ihr kroatisches Erbe väterlicherseits, und einem Majorlabel-Vertrag will sich Zschoche nun ganz offenbar von ihrem Underground-Image emanzipieren - und damit auch von der atemlosen Roughness ihrer seit 2016 zahlreich veröffentlichten Singles, Mixtapes und EPs. "Ich hab' 100.000 Fans/ Die mich alle noch nicht kennen", quäkt sie im - großartigen - ersten Track des Albums, der noch einmal das ganze Register der aus den US-Südstaaten stammenden Trap- und Cloud-Rap-Genres abspielt: Die hypnotischen Wort-Wiederholungen ("Taka-taka-taka", "Blingblingbling") im Stile Lil Pumps "Gucci Gang", die lautmalerischen Vokal-Füllsel, die "Frrritt" oder "Trrrittt" machen, finden sich hier einerseits. Haiyti ergänzt das animalische Grollen oder artifizielle Bellen, das schon ein wenig zu ihrem Markenzeichen geworden ist, und einen Tropical-Beat, der wie ein Seeed-Skelett wirkt.

Borcholtes Playlist KW 2 SPIEGEL ONLINE 01 Haiyti: 100.000 Fans02 Justin Timberlake: Filthy03 Charli XCX feat Tove Lo & Alma: Out Of My Head04 N.E.R.D. feat. Kendrick Lamar: Don't Don't Do It!05 Tove Lo: Disco Tits06 Ravyn Lenae: Sticky07 Kendrick Lamar & SZA: All The Stars08 Faka: Uyang'khumbula09 Joan As Policewoman: Tell Me10 Shame: The Lick

Gleich danach geht es mit "Sunny Driveby" und der Ballade "Gold" gleich in überraschend zahme, popaffine Gefilde. Emo-Rap nennt man das wohl. "Berghain" (will sie nicht hin, alles Fake) marschiert mit elektronischem Stampfen direkt Richtung NDW-Nostalgie, dazu gibt Haiyti stimmlich eine Schimäre aus Nina Hagen und Annette Humpe zu Ideal-Zeiten.

"Bahama Mama" spielt dann schon ziemlich schamlos mit dem "Despacito"- und "Senorita"-Reggaeton-Sound des vergangenen Sommers. Gespiegelt wird das mit feinen und cleanen Cloud-Vignetten wie "Kate Moss" oder der Bahnhofsviertel-Elendshommage "Haubi". Zum Schluss, mit "Monacco" und "American Dream", hat der Pop (produziert vom Berliner KitschKrieg-Team) den Trap beinahe komplett abgelöst. Insofern enthält die in Autotune geflötete Zeile aus dem Song "Serienmodell" eine durchaus kluge Dialektik: "Ich bin ganz anders und speziell/ Ich bin ein Serienmodell". Für Puristen mag das tragisch sein, für die deutsche Popszene ein Glücksfall. Oder um es mit der nur 1,55 Meter großen Haiyti zu sagen: Die Kleine macht jetzt Kasse, sie hat keine Zeit für euch Bitches! Jetzt nur noch diesen verflixten Namen richtig schreiben, dann läuft's. (8.7) Andreas Borcholte

Charli XCX - "Pop 2" (Asylum/Warner, seit 15. Dezember)

"Go fuck your prototype/ I'm an upgrade on your stereotype", singt Charli XCX in "Femmebot". Futuristisch und exklamatorisch geht es allemal zu bei Charli XCX, zumal wenn sich die 25-jährige Britin abseits ihres Majorlabel-Vertrags betätigt. Nach "Number One Angel" ist "Pop 2" bereits das zweite Quasi-Mixtape, das Charlotte Aitchison einfach mal so raushaut, während ihre Plattenfirma Warner mehr oder minder geduldig auf den Nachfolger ihres letzten Studioalbums "Sucker" von 2015 wartet.

Abgehört im Radio Mittwochs um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.)

Aber Charli XCX scheint die Zwänge, Regeln (und Stereotypen), denen junge Popsängerinnen in der Industrie gemeinhin folgen müssen, längst überwunden zu haben. Die Tracks auf "Pop 2", darunter Instant-Pophits wie "Out of my Head", "I Got It" und die düstere Ballade "Lucky", beweisen erneut Aitchisons überdurchschnittliche Qualitäten als Songwriterin (sie schrieb einst an "I Love It" von Icona Pop mit). Zudem entwickelt sie sich mehr und mehr zu einer geschmackssicheren Kuratorin für zukunftsweisende Talente. "Pop 2" ist vor allem Schaufenster für ihre zahlreichen Gäste, darunter die schwedische Pop-Feministin Tove Lo, die finnische Sängerin Alma, die ehemalige Chairlift-Frontfrau Caroline Polachek (alias CEP), die US-Rapperin CupcakKe, der K-Pop-Star Jay Park und der estnische HipHopper Tommy Cash.

Vor allem queere Künstler versammelt Aitchison in ihren an Britney Spears geschulten Post-Pop-Kompositionen, in denen wie stets Rotzgören-Attitüde mit romantischer Goth-Melancholie und emanzipatorischen Botschaften verquickt wird. Die brasilianische Drag Queen Pabllo Vitar wird ebenso mit einem Feature bedacht wie die kalifornische Ex-Stripperin Brooke Candy und die deutsche Transgender-Künstlerin Kim Petras. Die Gastvocals von "Femmebot", einem der expressivsten Stücke des Mixtapes, werden von den genderfluiden Künstlern Mykki Blanco und Dorian Electra bestritten. Es geht bei Charli XCX also schon gar nicht mehr nur um Feminismus, sondern um Geschlechter-Diversität und -Transzendenz per se.

Den Soundtrack dazu, zwischen Trap-Rap, Neunzigerjahre-Europop und Post-R&B angesiedelt, liefert A.G. Cook vom britischen Futuristen-Label PC Music. Charli XCX überführt diesen kühlen, hyperbeschleunigten Synthetik-Sound kompetent in wegweisende, chartskompatible Zukunftsmusik. (8.0) Andreas Borcholte

Profligate - "Somewhere Else" (Wharf Cat Records, seit 5. Januar)

Noah Anthony macht ganz schön paradoxe Musik: Sein neues Album "Somewhere Else" möchte sieben Songs lang absolut kein Spaß sein - und macht gerade deshalb Spaß. Wie das funktioniert? Indem man den vermeintlichen Gegensatz zur Maxime des eigenen Sounds erklärt. Schon mit seinem früheren Noise-Projekt namens Social Junk oder unter dem Namen Night Burger arbeitete sich der Musiker aus Philadelphia an den scharfkantigeren Winkelzügen des Pop ab: Throbbing Gristle, DAF, Nitzer Ebb und Cabaret Voltaire, jede Menge Industrial, Proto-Techno und, ganz wichtig, natürlich: Suicide.

Anthonys Clou: Diesen unterkühlt-statischen Sound mit einer hitzigen Funkyness und frecher Melodie-Seligkeit auszustaffieren: unerhört! "Somewhere Else" treibt das nun auf die Spitze. Die Zutaten sind natürlich bekannt: 39 Minuten lang zischen staubtrockene Drums, Synthesizer gleiten verlässlich über glatte Flächen, und ein pulsierender Bass hält den Totentanz auf Kurs. Die wichtigste Neuerung hat indes nur peripher mit Noah Anthony zu tun, sondern vielmehr mit Elaine Kahn.

Die kalifornische Lyrikerin und Musikerin hat "Somewhere Else" nämlich co-produziert - und dessen Sound dabei augenscheinlich auf eine neue Stufe gehoben. Kahn hält sich zwar meist dezent im Hintergrund und steuert lediglich Texte und Harmonien zu Anthonys im besten Sinne kraftlos nölender Stimme bei. Wenn sie jedoch, wie bei "Lose a Little", ins Zentrum der Songs rückt, wird "Somewhere Else" von einer EBM-Revitalistennummer zum wirklich berührenden Album.

So auch im starken, komplett von Kahn gesungenen "Black Plate", das zwischen Peitschen-Drums und Trauer-Piano ein bisschen wie Fleetwood Mac auf Tranquilizer klingt. Neu oder bahnbrechend ist das alles nicht. Aber genau der richtige Sound, um die saisonal bedingte Depression in warme Melancholie umzudeuten. (7.0) Dennis Pohl

Shame - "Songs Of Praise" (Dead Oceans/Cargo, ab 12. Januar)

Man muss ja immer schon ein bisschen müde lächeln, wenn man die Phrase "Eine der heißesten neuen Live-Bands aus UK" liest. Aber vielleicht ist das nur der Zynismus des Popkritikers, der im Verlauf des letzten Vierteljahrhunderts zu viel hyperbolische PR-Prosa gelesen hat. Shame ist es allemal zu wünschen, dass sie den Status des next big thing schadlos überstehen. Die fünf jungen Männer aus Brixton haben erst vor drei Jahren angefangen, Musik zu machen, angeblich nur so aus Witz, und begeisterten jetzt sogar schon in Brooklyn ein rockhungriges Publikum.

Zu verdanken haben Shame ihren Ruf als Hoffnungsträger offenbar ihrem charismatischen, auf der Bühne höchst energischen Frontman mit dem phantastischen Namen Charlie Steen. Machen wir uns nichts vor: Auf so eine expressiv-explosive Persönlichkeit kommt es heutzutage an, wenn man mit Rockmusik noch irgendwas reißen will.

Musikalisch herrscht nämlich das erwartbare Innovationsdefizit: Television, Gang of Four und Joy Division und bilden das gewohnt stabile Post-Punk-Rückgrat des hinreichend rauen und dröhnenden Shame-Sounds. Dazu kommen ein paar erdigere, blues-beschwerte Töne, die an Black Rebel Motorcycle Club (die früheren, nicht die aktuellen) und Verwandte erinnern und für metallene Schwere sorgen. "Donk" wildert überraschend im Hardcore-Genre; "One Rizla" lässt die Gitarren hochklirren wie in seligsten Indie-Rock-Zeiten, also anno 2005.

"Well I'm not much to look at/ And I ain't much to hear", singt Steen trotzig. Die (Anti-)Haltung stimmt, Dringlichkeit und dilettantische Chuzpe ist reichlich vorhanden, und mit "Tasteless" haben die Südlondoner mit den lustigen kleinen Schweinchen im Arm (siehe Cover) sogar eine wütende Brexiteer-Hass-Hymne parat. Vielleicht kommt das Rock-Revival ja doch noch. (6.9) Andreas Borcholte

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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