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23rd of January 2018

Musik



Klassik-Entdeckungen Lassen Sie mal die Fantasie spielen!

Komponisten wie Weinberg, Kabalewsky oder Ehrenfellner gehören nicht zu den Hits im aktuellen Konzertzirkus. Schade, denn was abenteuerlustige Virtuosen bei Ihnen entdecken, verströmt pure Wonne.

Klassik-Entdeckungen: Fantasie mit Schmid, Huangci & Co. Gregor Hohenberg Sonntag, 14.01.2018   09:11 Uhr

Franz Schubert regt seit fast 200 Jahren die Fantasie von Interpreten und Komponisten an. Was sich jedoch der russische Komponisten-Kollege Dmitri Kabalewsky (1904-1987) zu Schuberts später f-moll-Klavier-Fantasie für vier Hände einfallen ließ, geriet besonders spannend. Der an Prokofjews Stil geschulte Kabalewsky legte Spuren von Schuberts "Unvollendeter" darin frei und führte die entsprechenden Ideen dezent bis aufbrausend im Orchestersatz fort.

Schubert plus russisch emotionale Weite, das ergab 1961, als Kabalewsky seine Fantasie schrieb, eine zwingende Vereinigung. Jetzt hat die als Chopin-Expertin gestartete Claire Huangci am Klavier zusammen mit dem ORF Radio-Symphonieorchester aus Wien unter ihrem neuen Chef Cornelius Meister eine sensible, zurückhaltende Version realisiert, die sehr viel vom gebrochenen Romantiker/Spätklassiker Schubert in sich trägt und die russischen Kabalewsky-Einflüsse wie starkes Gewürz sparsam einstreut. Die Gary-Graffman-Schülerin Huangci hat inzwischen gelernt, ihre überragende Technik auch mal zu zügeln.

In wildem Tanzrhythmus

Ganz anders langt der polnische Komponist und Zeitgenosse Kabalewskys, Mieczyslaw Weinberg (1919-1996) zu, der in seinem Violinkonzert op.67 für die Geige einen überaus knalligen Part geschrieben hat, in dem der Solist hochvirtuos und mitunter spröde seine Eruptionen gegen das immer wieder in Einzelstimmen aufgesprengte Orchester setzt. Vier eher knappe Sätze, oft in wildem Tanzrhythmus gehalten, jagen beide Widersacher - so darf man es hier nennen - über den gegensätzlichen Parcours, der immer wieder überraschende Wendepunkte und romantisches Durchatmen ermöglicht, bevor die wilde Jagd weitergeht.

Der österreichische Geiger Benjamin Schmid zeichnet den zerklüfteten Charakter des vielschichtigen Konzertes nicht nur mit Genauigkeit nach, er gestaltet auch die Gegensätze mit Sicherheit und spielerischem Witz. Natürlich kann man Ironie kaum "hören", aber ein stets mitschwingendes, wehmütiges Lächeln als Kontrast zur aufschäumenden Emotionalität, das gelingt dem Wiener Virtuosen mit leichten, aber entschlossenen Händen. Auch hier musizieren Cornelius Meister und sein Orchester einfühlsam, prägnant, aber jederzeit im einvernehmlichen Dialog mit dem fabelhaften Herrn Schmid an der Violine.

Mit spielerischem Witz und wehmütigem Lächeln

Ganz anders brilliert die junge niederländische Cellistin Harriet Krijgh im abschließenden Kabalewsky-Konzert für ihr Instrument, das überschwänglich die sentimental gefärbte Sanglichkeit des Violoncellos feiert. Mit 20 Minuten eher knapp gefasst, durchmisst Kabalewskys g-moll-Werk doch viel an russischer Melodienseligkeit und wieder einmal romantischer Seelenlage, die der Virtuosin bestes Material für Klangentfaltung und sanft parlierender Phrasierung liefern. Ein feines Dessert im Rahmen dieses russischen Drei-Gänge-Menüs der eleganten, nicht zu leichten musikalischen Küche.

Ein Menü, das vielen Geigen-Aficionados munden dürfte, serviert der immens talentierte in Wien geborene Newcomer Emmanuel Tjeknavorian auf seiner Debut-CD: Erwartbare Teststücke gepaart mit unerhörtem Neuen, cleverer kann man es nicht kombinieren. Natürlich Bachs d-moll-Chaconne, Solo-Sonaten von Ysaye und Prokofjew, aber auch eine Suite von Christoph Ehrenfellner plus eine Studie in Polyphonie von Heinrich Wilhelm Ernst (1814-1865). Das kann sich als programmatische Visitenkarte sehen lassen.

Ein Hauch Heavy Metal

Wie gut es sich auch anhört, dass verblüfft neben aller selbstverständlichen technischen Brillanz dann doch. Ein raffiniert sensibler Swing - oft versucht, selten gelungen - mischt sich beim Bach in die zuweilen brachialen Parts der Chaconne. Als hätte Bach irgendeine sanfte Vorahnung von Heavy Metal besessen, so knallbrettig holt Tjeknavorian dunklere Teile der Chaconne hervor, um Sekunden später wieder elastisch und scheinbar naiv melodischen Linien zu folgen. Stets werkdienlich, nur minimal solistisch eitel. Ein lächelnder Virtuose, dem man auch beim brillanten Ysaye ebenso gern folgt wie beim packend erregendem Prokofjew.

Virtuosen unter sich

Dankenswerterweise hat sich der Sibelius-Preisgewinner Tjeknavorian fürs Finale seines CD-Recitals Werke vom Salzburger Dirigenten und Komponisten Christoph Ehrenfellner (geboren 1975) sowie vom österreichischen Geigenvirtuosen und Komponisten Heinrich Wilhelm Ernst (1812-1865) ausgewählt. Virtuosität ganz anderer Art verlangt Ehrenfellner: Zwischen breitflächiger Klangmalerei und zartesten Klangtupfern ist Flexibilität und Geschmack gefragt, die "Alpensuite" hat viele Täler und Höhen zu bieten. Gegensätze drängen sich auf eng bemessenem Raum, bevor der Schmelz wieder große Klangleinwand erobern darf.

Es darf auch vorsichtig gejodelt werden: Idyllen spiegelt Komponist Ehrenfellner mit exzenterischen "Doubles". Extrem genussvoll und unterhaltsam fächert Emmanuel Tjeknavorian diese Kontraste auf. Glänzend darf er mit Herrn Ernst in die Zielgerade einbiegen: Als einer der besten und meistbewunderten Geigenzauberer des 19. Jahrhunderts servierte Heinrich Wilhelm Ernst in seinen Werken beste Virtuosenkost. Auch diese eine Wiederentdeckung wert.

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