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24th of January 2018

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Deshalb stellt ein Schwarm diesen riesigen Vogel nach - WELT

Das letzte Tageslicht färbte schon den Horizont rot, fast wäre es wieder kein erfolgreicher Tag für Daniel Biber geworden. Der Fotograf aus dem baden-württembergischen Hilzingen war extra an die Costa Brava im Nordosten Spaniens gefahren, um hier Vögel zu fotografieren.

Besonders auf Stare hatte er es abgesehen, kleine schwarze Vögel, die in ganz Europa vorkommen. Biber wollte hier jedoch keine einzelnen Exemplare fotografieren, die tagsüber auf Wiesen und Feldern nach Nahrung suchen.

Er wollte die imposanten Starenschwärme beobachten, die regelmäßig zur Dämmerung am Himmel auftauchen. Tausende Tiere, die sich in einer wabernden Wolke durch die Luft bewegen.

European Starling (Sturnus vulgaris) (Photo by: Andia/UIG via Getty Images) Männliche Stare erkennt man im Frühjahr an ihrem metallisch glänzenden Federkleid

Quelle: Andia/UIG via Getty Images

Vier Tage hintereinander war er immer wieder zur gleichen Stelle gefahren, um zu schauen, ob ein Schwarm auftauchen würde. Am vierten Tag schließlich hatte er Glück. Eine riesige Wolke der Tiere zog über den Himmel, wechselte ständig ihre Form, wurde größer und kleiner. Biber zückte die Kamera und drückte auf den Auslöser, immer wieder, zehn Sekunden lang.

Erst daheim, so berichtete er es der britischen Internetzeitung „The Independent“, entdeckte er, was für einen Schatz er gehoben hatte. Unter all den Aufnahmen zeigte ein Foto, dass der Schwarm aus Tausenden von Vögeln ausgerechnet die Form eines einzelnen riesigen Vogels angenommen hatte.

Schutz in der Menge

Stare sind nicht die einzigen Vögel, die im Schwarm fliegen. Auch andere Vögel sammeln sich kurzzeitig, um gemeinsam in großen Gruppen über das Land zu ziehen, zum Beispiel Rauchschwalben, Bachstelzen, Feldsperlinge oder Rohrammern. Sogar größere Vögel wie Krähen und Dohlen bilden manchmal große Schwärme.

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Die Masse ihrer Artgenossen schützt sie in zweierlei Hinsicht vor Raubvögeln, denen sie als einzelne Tiere leicht ausgesetzt sind: Einerseits wird dem Räuber die Jagd erschwert, er kann sich nicht auf einzelne Tiere konzentrieren. Andererseits können die Schwarmtiere ein Gebiet wesentlich effektiver nach Gefahren absuchen – tausend Augen sehen mehr als zwei.

Ein Vogelschwarm bewegt sich dabei, als wäre er ein einzelner Organismus. Die Tiere fliegen eng nebeneinander, manchmal Flügel an Flügel, ohne sich natürlich zu berühren oder zu behindern. Dabei können sie Geschwindigkeiten von bis zu 90 Kilometer pro Stunde erreichen. Unter diesen Bedingungen vollführen sie auch noch geschickte Wendungen. Trotzdem passiert es nicht, dass zwei Tiere miteinander kollidieren.

Schon studieren Forscher das Verhalten der Starenschwärme, um herauszufinden, wie das überhaupt möglich ist. Wenn man weiß, wie die Stare kollisionsfrei fliegen, könnte das unter anderem dabei helfen, Roboter so zu koordinieren, dass sie sich ebenfalls geschmeidig in Massen bewegen können.

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Auch Peter Berthold hat schon viele Starenschwärme gesehen. Mehr als 10.000 waren es bisher, schätzt der Vogelforscher. Berthold war viele Jahre lang Leiter der Vogelwarte Radolfzell am Bodensee, die dem Max-Planck-Institut für Ornithologie angehört. Stare gehören zu seinen absoluten Favoriten unter den Vögeln. Schon seine Doktorarbeit hat der heute 78-jährige über Stare geschrieben.

Die Tiere kommen im Sommer überall in Europa vor. Für die Wintermonate verlassen sie ihre Nistplätze im Norden und ziehen bis zu 2000 Kilometer weit in südlichere Gebiete, wo es wärmer ist und sie mehr Nahrung finden – zum Beispiel ins nördliche Spanien. Hier liegt an der Costa Brava eines ihrer zahlreichen Winterquartiere.

Starling murmuration. Starlings in the sky over Gretna on the Scottish Borders, flying and swooping before the sun goes down in what is known as a murmuration. Picture date: Sunday November 12, 2017. Photo credit should read: Owen Humphreys/PA Wire URN:33702745 | Die großen Starenschwärme bilden sich zur Dämmerung

Quelle: picture alliance/Owen Humphreys/PA Wire

Sie fliegen dazu nicht in festgelegten Positionen, wie man es von Zugvögeln wie Kranichen oder Wildgänsen kennt, die in riesigen V-Formationen am Himmel entlangziehen. Dort gibt es immer eine Spitze, die von einem Vogel besetzt sein muss. Nur ein einzelner Vogel im Schwarm muss dann gegen den vollen Widerstand der Luft anfliegen. Alle anderen Schwarmmitglieder hinter ihm haben ein wenig Windschatten und können so ihre Kräfte schonen. Deshalb wird die Position an der Spitze regelmäßig getauscht.

Ein Starenschwarm ist hingegen nicht für die Langstrecke angelegt. Er ist nicht viele Wochen lang unterwegs. Für diese Vögel ist es daher nicht nötig, im Schwarm besonders kräftesparend zu fliegen. Deshalb hat ihr Schwarm keine gleichbleibende Form mit festgelegten Positionen. Ihre Flugweise ist eher chaotisch: Ein Vogel fliegt voran, die anderen folgen ihm. Zieht sich der Vogel in einen hinteren Teil des Schwarms zurück, bildet sich der Schwarm zu einem Ring, in dem die Vögel fliegen, bis andere erneut eine Richtung vorgeben.

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Tagsüber fliegen Stare auf ihrem Zug in den Süden einzeln oder in kleinen Grüppchen. So suchen sie auf Feldern und Wiesen nach Nahrung, zum Beispiel Insekten und kleine Würmer. Erst wenn das Tageslicht schwindet, schließen sie sich zu den imposanten Schwärmen zusammen. Zunächst fliegen einzelne Gruppen auf und Richtung Gewässer.

„Wie ein kriechendes Reptil“

Andere schließen sich ihnen an, wieder neue kommen hinzu, große Gruppen stoßen aufeinander und schließlich bilden sich große Wolken von Tieren, die in scheinbar willkürlichen Formen durch die Luft wabern. Sie nutzen Korridore, die ihnen die Landschaft vorgibt, vorbei an Hügeln und Masten, wie ein lang gezogenes Reptil, sagt Berthold, das über den Boden kriecht.

Gemeinsam suchen die Vögel ihre Schlafplätze auf, die im Schilfgürtel von Gewässern liegen. Dafür warten sie bis zum Einbruch der Dunkelheit, sagt Berthold, wenn die Stare selbst kaum noch etwas sehen.

Sie nutzen das letzte Licht zur Futtersuche und dann die Dämmerung, um ihre Schlafplätze vor anderen Raubvögeln zu verstecken. Denn die sind für die Jagd ebenfalls auf das Tageslicht angewiesen. Ein bis zwei Stunden lang fliegen sie im Schwarm, bevor sie im sicheren Schilf verschwinden.

Wildgänse und andere Zugvögel, die viele Wochen unterwegs sind, fliegen in festen Formationen Wildgänse und andere Zugvögel, die viele Wochen unterwegs sind, fliegen in festen Formationen

Quelle: dpa

Es klingt paradox, aber im Schwarm, der großen und weit sichtbaren Masse von Tieren, ist ein einzelner Star besonders gut vor seinen Feinden versteckt. Greifvögel wie Wanderfalken, Habichte oder Sperber können sich einen einzeln fliegenden Vogel leicht aus der Luft schnappen. Doch je größer die Starengruppe ist, aus der er wählen muss, desto schwerer wird es für ihn, ein einzelnes Opfer herauszupicken.

Zum einen muss sich der Jäger für ein bestimmtes Exemplar entscheiden, auf das er seine Flugbahn abzielt. Das ist nicht leicht, wenn ständig Vögel durcheinanderfliegen – das Ziel gerät dann schnell aus dem Blick.

Zu wenig Platz für Angreifer

Zum anderen haben die Stare in der Wolke ein effektives System, um einen Jäger gemeinsam abzuwehren. Fliegt ein Raubvogel in die Starenwolke, rücken die kleinen Vögel enger zusammen. So eng, dass der große Räuber schließlich keinen Platz mehr hat, um mit den Flügeln zu schlagen – und sich nicht mehr in der Luft halten kann. Er stürzt dann regelrecht aus dem Schwarm heraus. Erst darunter kann er seine Flügel dann wieder aufspannen und einen neuen Angriff starten.

Richtig große Starenschwärme sind in Europa selten geworden, sagt Peter Berthold. In den 50er- und 60er-Jahren gab es am Bodensee noch drei Starenwinterquartiere, erinnert er sich, die insgesamt bis zu einer Million Tiere beheimatet haben.

In den Monaten September und Oktober, wenn die Vögel in das Gebiet kamen und ihre Schlafplätze aufsuchten, gab das Wolken, die sich über mehr als einen Kilometer Länge erstreckten. Leider gebe es solche Spektakel nicht mehr häufig, sagt der Vogelforscher.

A picture taken on January 4, 2016 shows a murmuration of starlings performing their traditional dance fly before landing to sleep near the southern Arab Israeli city of Rahat, in the northern Israeli Negev desert. AFP PHOTO / MENAHEM KAHANA / AFP / MENAHEM KAHANA (Photo credit should read MENAHEM KAHANA/AFP/Getty Images) Raubvögel versuchen, Stare abzufangen, die den Anschluss an den Schwarm verlieren

Quelle: MENAHEM KAHANA/AFP/Getty Images

Die Zahl der Stare in Europa ist seit den 50er-Jahren um rund 80 Prozent zurückgegangen, sie gelten mittlerweile als gefährdet. In Deutschland gibt es jährlich zwischen drei und 4,5 Millionen Brutpaare, in ganz Europa sind es 23 bis 56 Millionen. Heute umfassen Starenschwärme meist mehrere Hundert Tiere, in seltenen Fällen mehrere Tausend.

Früher konnte der Forscher noch große Schwärme auf dem Stachus in München beobachten. Doch hier wie auch in anderen Städten versucht man, die Tiere zu vertreiben. Nicht die Vögel selbst, sondern der Dreck, den sie hinterlassen, war für die Innenstadt zum Problem geworden.

Denn wenn ein Star erschrickt, flieg er auf und lässt dabei Kot ab. Wird ein ganzer Schwarm aufgescheucht, bleiben viele Kleckse zurück. „Heute findet man nur noch in Rom wirklich große Ansammlungen der Tiere“, sagt Berthold.

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Hier forscht der Biophysiker Andrea Cavagna am Nationalen Forschungsinstitut für komplexe Systeme mit den Tieren. Er will wissen, welchen Regeln die Schwärme folgen, die sie zu so effektiven und geschickten Verbünden machen.

Cavagna und seine Kollegen installieren dafür Hochleistungskameras auf den Dächern der italienischen Hauptstadt, mit denen sie die Starenschwärme aus mehreren Winkeln fotografieren. Aus den Aufnahmen bilden sie die Schwärme als Computermodelle nach, um das Verhalten des Vogelkollektivs nachvollziehen zu können.

Sieben Nachbarn im Blick

Für den Flug im Schwarm gibt es keinen Plan, keine Absprachen zwischen den Vögeln. Kein Star hat zu irgendeiner Zeit einen Überblick über das, was im gesamten Schwarm passiert.

Doch Cavagna und seine Kollegen konnten zeigen, dass jeder Vogel sich während des Flugs an seinen sieben engsten Nachbarn orientiert. Diese Anzahl der Orientierungspunkte scheint für die Vögel optimal zu sein, wenn sie einen stabilen Schwarm aufrechterhalten wollen.

UNITED KINGDOM - DECEMBER 03: Spectacular murmuration of starlings display thousands of birds in flight cloud pattern before sunset roosting in marshland UK (Photo by Tim Graham/Getty Images) Es sieht chaotisch aus, doch im Schwarm achtet jeder Vogel genau auf das, was seine Nachbarn machen

Quelle: im Graham/Getty Images

Die wichtigsten Orientierungspunkte sind dabei seine Nachbarn zur linken und rechten Seite, nicht unbedingt die vorderen, denn Stare haben aufgrund der seitlichen Lage ihrer Augen das Hauptblickfeld links und rechts. Nach diesen Nachbarn richtet jeder einzelne Schwarmvogel seine Bewegungen aus: Weichen sie zur Seite, folgt er ihnen. Steigen sie auf, kommt er hinterher. Man kann sich das vorstellen, als wenn man in einer großen Gruppe schnell mit dem Fahrrad fährt.

Eine Gruppe britischer Forscher stellte zudem fest, dass jeder Schwarmvogel ständig seine Position ändert, um möglichst viele Informationen aus seiner Umgebung wahrnehmen zu können. Es ist ein ständiges Gleichgewicht von „eng zusammenbleiben“ und „möglichst viel von der Umgebung sehen“, das für die fließenden Bewegungen der Vogelwolke sorgt.

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Die Aufnahme von Daniel Biber kam zustande, als ein Räuber die Starenwolke angriff, berichtet der Fotograf. Die Tiere in dem Schwarm wichen ihm aus, rückten zusammen und bildeten schließlich den Riesenvogel ab. Mit dem Bild gewann der Fotograf den Fotowettbewerb der Schweizerischen Vogelwarte Sempach. Auch Peter Berthold findet die Aufnahme beeindruckend.

Dass dieser Schwarm die Form eines Vogels abbildet, ist aber ein absoluter Zufall, kein Zeichen des Himmels, sagt er. Bei all den Schwärmen von Staren, die seit Tausenden von Jahren durch die Luft fliegen, sei es nur wahrscheinlich, dass sie dabei irgendwann auch die Form eines Vogels abbilden würden.

Tatsächlich zeigen die Aufnahmen, die Biber nur wenige Sekunden später gelungen sind, keinen Vogel mehr. Der Starenschwarm erscheint dann eher als Delfin, der ins Wasser taucht.

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