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22nd of January 2018

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Kriegsverbrechen: Die Klage der Totengräber

Normalerweise gleichen frühneuzeitliche Bevölkerungskurven Ebenen oder sanftem Hügelland. Alle paar Jahre jedoch reißt es die Linien, die vom Sterben berichten, nach oben: Da kamen Seuchen, Hunger, Krieg oder womöglich alles zusammen übers Land. Die schroffen Gebirge deuten an, dass massenhaft gestorben wurde: vielhundertfach, vieltausendfach.

Für die Stadt Augsburg lassen sich solche Statistiken dank zahlreicher Quellen schon vom Jahr 1500 an erstellen. Sie spiegeln zum Beispiel die furchtbare Hungersnot, die Deutschland 1570/71 heimsuchte, oder Nahrungsengpässe zu Beginn der 1590er Jahre und im ersten Jahrzehnt des 17. Jahrhunderts. Es sind für vorindustrielle Gesellschaften typische Verläufe, auch was die übrigen Indizes betrifft. Auf Zeiten des großen Sterbens folgten Hochzeits-Haussen, denn der Tod hatte massenhaft Ledige produziert. Wenig später lassen sich dann Geburtenhochs ablesen.

Im Herbst 1627 – der Dreißigjährige Krieg war fast ein Jahrzehnt alt – geht die Todeskurve steil nach oben. Nicht weniger als 9611 Tote zählte man 1628 in Augsburg, gegenüber rund 1500 in normalen Jahren. Sie waren Opfer einer Seuche geworden, die von fremden Söldnern eingeschleppt worden sein dürfte und in den folgenden Jahren Richtung Italien weiterkroch. Nach deren Abflauen war Augsburg nur eine kurze Phase der Erholung vergönnt. Von 1632 an starben die Menschen in der inzwischen von den Schweden besetzten Stadt wieder wie die Fliegen: 4664 Tote zählte man allein 1634, im Jahr darauf waren es 6243. Schuld am neuerlichen Massensterben war eine Belagerung durch bayerische und kaiserliche Truppen – die unmittelbare Folge der Niederlage der Schweden und ihrer Verbündeten in der Schlacht von Nördlingen am 6. September 1634.

Eine reiche Chronistik veranschaulicht, was die nüchternen Zahlen tatsächlich bedeuteten. Im Januar 1635, so schreibt der Kaufmann Jakob Wagner, weichten die Belagerten die Häute von Kühen ein und würgten sie herunter, nährten sich von geschlachteten Katzen, Hunden und Mäusen. Mehrere Quellen berichten von Kannibalismus. "So sind die Leiber der Lebendigen zu Gräbern der Toten geworden", kommentiert sarkastisch der Pfarrer Johann Georg Mayr in seinem Tagebuch.

Die Chronisten liefern apokalyptische Bilder. Einer schreibt von durch die Straßen wankenden lebenden Toten, armem Volk, "wie eingeschrumpft, dürres Holz ohne Farb’". Mit "erbärmlichem Heulen und Klagen" hätten sie um "nur einen Brosamen" gebettelt. An allen Orten seien sie "dahin gefallen, verschmachtet" und hätten "den elenden Geist aufgegeben". Die Totengräber wussten nicht mehr, wo sie die Leichen bestatten sollen. Als man ihnen den Lohn kürzen wollte, weil die Begräbnisse für den ohnehin klammen Stadtsäckel zu kostspielig wurden, klagten sie über die Gefahren, die ihre Arbeit mit sich bringe: Wo immer man neue Gräber schaufle, quöllen die Leiber halb Verwester hervor. Der Anblick sei schrecklich, ebenso der Gestank.

ZEIT-Geschichte 5/2017

Im März 1635 war Augsburg am Ende und öffnete den Kaiserlichen die Tore. Eine Volkszählung ergab, dass sich nur noch 16.000 Menschen innerhalb des Mauerrings der einst 40.000 Seelen zählenden Stadt verloren. Solchen Berichten ließen sich zahllose weitere an die Seite stellen. Im schwäbischen Land, im elsässischen Rufach oder in der 1638 belagerten Festung Breisach soll es ebenfalls zu Kannibalismus gekommen sein. Andere Überlieferungen bezeugen die Verheerungen, die das Bauernland erfuhr. Von seinem Andechser Berg aus sah der Benediktinerpater Maurus Friesenegger zur Nacht die Feuer brennender Dörfer flackern. Wer konnte, ergriff die Flucht: "Der eine trug ein Brot, der andere ein Bett, die mehreren nichts als weinende Kinder."

Wer sich weigerte, Plünderern zu verraten, wo er seine Habseligkeiten verborgen hatte, musste Schlimmes befürchten. Die Soldaten Tillys hätten in einer Weise geprügelt und gedroht, "daß, wenn’s gleich unter der Erde vergraben oder in tausend Schlössern verschlossen gewesen, die Leute dennoch hervorsuchen und herausgeben müssen", schrieb der Magdeburger Ratsherr Otto Guericke in seinem Bericht über die Erstürmung der Stadt im Mai 1631. Eine besonders perfide Methode, die Preisgabe von Verstecken zu erzwingen, war der berüchtigte "Schwedentrunk", eine frühneuzeitliche Variante des Waterboardings: Den Opfern wurde kochendes Wasser oder Jauche in den Schlund gegossen. Ansonsten hatte die Bevölkerung die zu dieser Zeit üblichen Kriegsgräuel zu erleiden: Kontributionen, Zwangsarbeit, um Schanzen aufzuwerfen, oder die Einquartierung grober Söldner in Bürger- und Bauernhäuser. Einem kleinen bayerischen Dorf, Utting am Ammersee, wurden einmal nicht weniger als 4000 Söldner aufgeladen. Wo Armeen durchzogen, kam es zu Vergewaltigungen, Mord und Zerstörung. Die Quellen geben ein düsteres Drama, das dem Dichter Grimmelshausen die Feder führte und noch Bertolt Brecht inspirierte.

Historiker diskutieren den Grad der Grausamkeiten

Und doch war unter Historikern zeitweise umstritten, wie grausam der Dreißigjährige Krieg wirklich war. Sigfrid Henry Steinberg veröffentlichte 1947 einen Aufsatz, der eine andere Wirklichkeit zeichnete. Steinberg wollte mit der Vorstellung vom mörderischen Dreißigjährigen Krieg gründlich aufräumen: Die alte Gewissheit erschien plötzlich als Mythos, gestrickt von leichtgläubigen Historikern, Dramatikern, Romanciers und Dichtern – als Ausfluss "unbewußt einseitiger" privater Aufzeichnungen und politisch interessengeleiteter "Greuelpropaganda" des 17. Jahrhunderts. Alles war nicht einmal halb so schlimm, lautete Steinbergs Fazit. Die Feldzüge seien nur von kurzer Dauer gewesen, die Heere klein und die wirtschaftlichen Folgen unbedeutend – im Gegenteil: Nationaleinkommen, Produktivität und Lebensstandard seien 1650 höher als vor dem Krieg gewesen. Zahlen, die auf hohe Bevölkerungsverluste hindeuteten, kanzelte er als "reine Phantasie" ab.

Steinbergs Thesen, die er in einem Buch vertiefte, hinterließen in der Forschung tiefe Spuren. Sogar Hans-Ulrich Wehler stützte sich 1987 in seiner Deutschen Gesellschaftsgeschichte auf sie. Für den Bielefelder Historiker wiederholte die Vorstellung, der Dreißigjährige Krieg sei die schlimmste Katastrophe gewesen, die Deutschland im Lauf seiner Geschichte erlebt habe, nur Legenden, die durch ihr Pathos nicht glaubwürdiger würden.

Unausgesprochen richtete sich Steinbergs Polemik gegen ein nationalsozialistisches Deutungsmuster, das den Dreißigjährigen Krieg zum Tiefpunkt der deutschen Geschichte erklärte, um den Ersten und Zweiten Weltkrieg als überfällige Revision des Westfälischen Friedens und historisch folgerichtigen Kampf um den Wiederaufstieg des Reiches zu rechtfertigen. Ein Vertreter dieser abstrusen Sicht war der Agrarhistoriker Günther Franz, ein überzeugter Nationalsozialist, Rassist und Antisemit, eine der übelsten Figuren der deutschen Geschichtswissenschaft. Geht es allerdings um die Schilderung der demografischen Folgen des Krieges, zählt dessen 1940 erstmals erschienenes Buch Der Dreißigjährige Krieg und das deutsche Volk bis heute zu den meistzitierten Referenzwerken. Franz widersprach der Mythos-These in einer späteren Neuauflage seines Buches von 1979 vehement: Steinberg liefere keine Begründung für sein Urteil und verzichte auf eine nähere Ausführung. Das Unangenehme ist, dass der ehemalige SS-Mann in der Sache eher recht hatte als der deutsch-jüdische Emigrant Steinberg.

Franz betrieb zwar keine Quellenforschung, stützte sich aber auf zahlreiche lokal- und regionalgeschichtliche Studien. Er hatte zum Beispiel erkannt, dass sich in den hohen Opferzahlen weniger unmittelbare Kriegseinwirkungen, sondern eher die Folgen von Seuchen und Hunger spiegeln, den mörderischen Begleitern der großen Heere. Auch sah er, dass der Krieg keineswegs alle Gebiete Deutschlands und niemals das gesamte Heilige Römische Reich gleichzeitig erfasst hatte. Eine Karte in seinem Buch, die durch unterschiedliche Schraffuren regionale Bevölkerungsverluste im Reich anzeigt, gibt den groben Trend noch immer zutreffend wieder: Sie verdeutlicht, dass große Gebiete im Norden des Reichs – darunter Hamburg, nicht aber Mecklenburg, Brandenburg und Pommern – weitgehend verschont geblieben waren. Dasselbe gilt für die habsburgischen Lande im Süden: Wiens Einwohnerzahl stieg zwischen 1600 und 1650 von etwa 35.000 auf 50.000 Menschen. Am härtesten getroffen wurden die Mitte und der Süden Deutschlands: das Herzogtum Bayern, Schwaben und Franken, die Pfalz, Hessen und Thüringen. Manche Regionen dürften mehr als die Hälfte ihrer Bewohner eingebüßt haben, Deutschland insgesamt vielleicht ein Drittel. Der Krieg forderte also über fünf Millionen Tote, schätzt man die Vorkriegsbevölkerung auf 15 bis 16 Millionen.

Natürlich ließe sich inzwischen eine genauere "Karte des Sterbens" anfertigen, als Franz sie geliefert hat. Sie müsste zum Beispiel nicht nur Niederösterreich – das bei Franz noch unbehelligt erschien – dunkel einfärben, sondern auch Ostschwaben. Die Schwierigkeiten, die sich einer Gesamtschau entgegenstellen, sind freilich außerordentlich. Gerade jene Bevölkerungsschichten, die Hunger und Krankheit nahezu schutzlos ausgeliefert waren, werden von Quellen wie Steuerlisten oder Kirchenbüchern nicht erfasst. Im Dunkel bleiben Arme und Außenseiter, Vaganten und das Volk, das den gewöhnlich riesigen Tross der Heere – Heimat der Mutter Courage – bildete. Hochrechnungen, die auf Geburts- und Sterbestatistiken gründen, bleiben daher lückenhaft und unsicher. Zudem ist oftmals schwer zu entscheiden, ob ein Bevölkerungsschwund auf Abwanderung oder Tod zurückzuführen ist und ob Zuwachs durch Zuwanderung oder natürliche Reproduktion entstand.

Dass eine Klimakatastrophe globalen Ausmaßes die Auswirkungen des Krieges noch verschärft hat, zu dieser Erkenntnis ist erst die neuere Forschung gelangt. In den 1560er Jahren setzte eine besonders kalte Phase der sogenannten Kleinen Eiszeit ein, die während des gesamten 17. Jahrhunderts andauerte. Wiederholt froren selbst große Seen wie der Zürichsee oder der Bodensee zu. Eisige Winter und verregnete Sommer häuften sich. Die schlimmste Folge war, dass es unmöglich wurde, Vorräte anzulegen. War ein Krisenwinter gerade so überstanden, war die Not im darauffolgenden Jahr noch größer.

Selbst das Vieh fand kaum noch Nahrung, Wölfe durchstreiften Dörfer und Städte. "Im Anfang dieses Jahrs", notiert der nahe Ulm lebende Schuster Hans Heberle im Januar 1640, "da wir ein wenig Ruh’ und Frieden haben vor dem Krieg, ist fast unsere größte Arbeit in diesem Winter Wölf jagen." Verzweifelt versuchten die Menschen, das Unerklärliche zu erklären. "Gott schickt uns zur Strafe böse Tiere ins Land", meinte Heberle. Andere glaubten, das schlechte Wetter sei von Hexen gemacht worden: Die großen europäischen Hexenpaniken um 1570, 1590, 1630 und 1660 brachen auch vor dem Hintergrund der Kleinen Eiszeit aus. Tausende Frauen und Männer wurden damals gehenkt oder verbrannt.

Der Krieg erstickte am Ende an sich selbst

Der überwiegende Teil der Bevölkerung hatte in Zeiten des Mangels wenig zuzusetzen. Was in den Sparhäfen gelagert hatte, war oft schon vom Krieg geraubt und von der Inflation verbrannt worden. In größeren Städten dürfte über die Hälfte der Einwohner akut durch Hunger bedroht gewesen sein. So vollzogen die Mortalitätsstatistiken gewöhnlich den Anstieg der Getreidepreise nach: je teurer das Korn, desto mehr Hungertote. Da die Ernten selbst in wärmeren Jahren mager ausfielen – bestenfalls erzielte man ein Verhältnis von Aussaat zu Ertrag von eins zu vier, vielleicht eins zu fünf –, bedurfte es riesiger Flächen, um das Volk zu versorgen. Für die Produktion eines Doppelzentners Korn, von dem noch ein Drittel als Schwund und Saatgetreide abzurechnen war, musste ungefähr ein Hektar Ackerland bebaut werden. Man kann sich vorstellen, welche Folgen es hatte, wenn plötzlich ein Heer von 20.000 Mann ins Land einfiel, den Einheimischen das Korn von den Halmen fraß oder, um dem Feind das Überleben schwer zu machen, die Getreidefelder abfackelte. Der Dichter Johann Rist hatte wohl recht, als er 1653 schrieb: "Teutschland, ach ja, Teutschland [...] ist nun mehr auff den Grund ausgemergelt, verheeret und verderbet!"

Für die Menschen war es längst gleichgültig, welcher Konfession die Heere angehörten, die sie gerade heimsuchten. Nicht Einsicht, ja nicht einmal militärische Niederlagen hatten die "blutigen Hähne" in Europas Residenzen zwischen Wien, München und Paris am Ende zum Einlenken gezwungen, sondern die Schwierigkeit, die Söldner in einem verbrannten Land zu versorgen. Dazu kam der Mangel an der wichtigsten Nahrung des Kriegsgottes: Geld, Geld und nochmals Geld. So erstickte der Krieg am Ende an sich selbst.

Dichter verschafften ihm einen Platz im kollektiven Gedächtnis. Anekdoten – von denen viele freilich im Nachhinein erfunden worden sein dürften – hielten das Andenken an ihn wach. Auch die Künste nahmen sich des Geschehens an. Sucht man nach Bildern, die Krieg nicht als heroisches Schauspiel oder bloße Kulisse für den Triumph des Siegers zeigen, sondern ihn in seiner grausamen Realität vorführen, wird man, was die Zeit vor dem 19. Jahrhundert betrifft, fast nur im Umfeld des Dreißigjährigen Krieges fündig. Die Radierungen Hans Ulrich Francks und Jacques Callots bieten die berühmtesten Beispiele. Erst Goyas zwischen 1810 und 1814 entstandene Desastres de la Guerra übertreffen die Bilderzählungen, die Franck "vom Kriege" gibt, noch an Drastik.

Als das Schlachten 1648 endlich vorbei war, jubelte man landauf, landab. Eine Flugschrift brachte es mit einem derben Spruch auf den Punkt: "Der Mars ist nun im Ars!" Der Westfälische Frieden war für die Deutschen für lange Zeit der Frieden aller Frieden. Und der Krieg, den Zeitgenossen schon unmittelbar nach seinem Ende den "Dreißigjährigen" nannten, blieb für sie der Krieg aller Kriege.

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