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22nd of January 2018

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Naturkatastrophen: Rennen, wenn die Elefanten rennen?

Vielleicht deutete es sich erst an, als es bereits zu spät war. Durch ein Rauschen – ungewöhnlich laut, lauter als es normalerweise an den Küsten des Indischen Ozeans ist. Das Wasser zog sich in Sekundenschnelle zurück. Nur um dann mit einer zerstörerischen Wucht zurückzukehren. Vielleicht gab es aber auch schon viel früher erste Anzeichen: Ein unruhiger Elefant beispielsweise, der sich auf der Stelle hin und her bewegte, die Ohren ausbreitete, sich schließlich umdrehte und mit schnellen Schritten einen Hang hinauflief. Möglicherweise hätte man auch auf Vögel achten sollen, die verschreckt in die Luft stiegen und landeinwärts flogen. Alles Zufall oder Beispiele für einen tierischen sechsten Sinn, den Menschen nur nicht richtig deuten können?

Das Erdbeben vom 26. Dezember 2004 gilt als Jahrhundertkatastrophe. Mehrere Tsunamis im Indischen Ozean töteten an den Küsten zahlreicher Länder rund 230.000 Menschen und verwüsteten ganze Landstriche. Die meisten Tiere blieben aber wundersamerweise verschont. Medienberichten zufolge waren auf Luftaufnahmen, die etwa den Yala-Nationalpark in Sri Lanka kurz nach dem Naturereignis zeigten, keine toten Tiere zu sehen. Wohl aber die Leichen von rund 200 Menschen, die von den Wasser- und Geröllmassen überrascht worden sind. Später gab es auch zahlreiche Erzählungen, dass Tiere die Flutwellen vorausgeahnt hätten – wie eben Elefanten.

Solche Geschichten kursieren häufig nach Naturkatastrophen – meist nach Erdbeben oder Vulkanausbrüchen. Bären und Löwen im Zoo von Sarajevo hetzten beispielsweise am Ostermorgen des Jahres 1979 stundenlang durch ihre Gehege, wie damals schon das Magazin stern berichtete. Tierpfleger rätselten über ihr Verhalten – befürchteten sogar eine Tollwut-Erkrankung – bis kurz darauf die Erde zitterte. Oder im Jahr 2008: Damals hüpften Medienberichten zufolge Hunderttausende Kröten über die Straßen der chinesischen Stadt Mianyang. Wenig später tötete ein Beben in der Region mehr als 50.000 Menschen.

Tiere reagieren auf Gase, Vibration und Elektrizität

Wissenschaftler konnten in vielen Fällen nachweisen, dass Tiere Dinge spüren können, die weit über die Wahrnehmung von Menschen hinausgehen: Ein Beispiel dafür ist der innere Kompass, der Zugvögel jedes Jahr zuverlässig an ihren Platz zum Überwintern bringt. Mittlerweile sind Forscher sich ziemlich sicher: Die Vögel orientieren sich am Magnetfeld der Erde, wenn sie nach Süden fliegen. Für einen sechsten Sinn allerdings, der sie womöglich vor Naturkatastrophen warnt, konnten Wissenschaftler noch keine Belege finden.

Warnungen vor Naturkatastrophen Warnung vor Beben

Es gibt keine Möglichkeit, die Bevölkerung früher vor einem Erdbeben zu warnen als wenige Sekunden vorher. Seismologen wissen nicht, wann und wo genau sich Spannungen an den Erdplatten entladen werden – und auch nicht mit welcher Stärke. In Hochrisikogebieten für schwere Erdbeben, wie beispielsweise in Mexiko-Stadt, gibt es effiziente Warnsysteme, die die Bevölkerung innerhalb von Sekunden per App oder über Sirenen warnen können. Die Messgeräte müssen dafür aber sehr nahe an dem Ort platziert sein, an dem sich die Erdplatten aneinander reiben. Das funktioniert in Mexiko-Stadt sehr gut. Die Gegend ist mit vielen hochsensiblen Sensoren bestückt, die jede Vibration in der Erde wahrnehmen können.

Tsunami-Warnungen

Warnungen vor Tsunamis können meist früher herausgegeben werden als solche vor Beben auf dem Festland. Ursache für die Gefahr aus dem Meer sind ruckartige Verschiebungen unter dem Meeresboden, die Wassermassen in Wallung bringen können. Je nachdem, wie weit entfernt vom Festland diese Seebeben auftreten, erhöht sich die Zeit, um sich an der Küste vor ihnen in Sicherheit zu bringen und höher gelegene Landstriche zu erreichen. Mit dem deutsch-indonesischen Tsunami-Frühwarnsystem GITEWS, das nach der Katastrophe an Weihnachten 2004 aufgebaut wurde, wäre es heute bei einem Tsunami ähnlicher Größe wahrscheinlich möglich, Hunderttausende Menschen rechtzeitig zu warnen.

Doch worauf könnten Tiere vor einem Beben reagieren? Ehe es den Erdboden verrückt, stehen die tektonischen Platten tief unter der Oberfläche unter großer Spannung. Sie bewegen sich, reiben aneinander, verkeilen sich und die Erde beginnt anfangs kaum spürbar zu vibrieren. Auch Gase aus zuvor verschlossenen Hohlräumen können aufsteigen und an die Oberfläche gelangen – sogar elektrische Ladung wird aufgebaut. Die Risse in der Erdkruste sind häufig mit Quarz durchzogen. Gerät das Mineral unter Druck, baut sich Spannung auf, die sich durch einen Stromfluss wieder abbaut. Dabei können mehrere Tausend Volt pro Quadratzentimeter Spannung entstehen. Ähnlich sieht es vor einem Vulkanausbruch aus: Tief in der Erde baut das Magma einen immensen Druck auf das umliegende Gestein auf. Auch hier vibriert die Erde und Gase treten aus, ehe sich alles in einer gewaltigen Explosion entladen kann. All das können wir Menschen nicht spüren. Höchstens Messgeräte helfen dabei, solche Vorboten zu erkennen.

Tiere reagieren dagegen auf kleine Veränderungen deutlich sensibler und setzen dabei mehrere Sinne ein: So könnten die Elefanten, die vor dem Tsunami im Indischen Ozean flohen, vermutlich das Wasser gehört haben, als es sich von der Küste entfernte. Die Tiere sind zudem fähig, extrem niederfrequente Wellenbewegungen im Untergrund zu spüren, wie sie auch Erdbeben auslösen. Auch veränderte Gerüche, die durch das weichende Wasser entstanden, könnten eine Rolle gespielt haben, mutmaßen Forscher (The Open Conservation Biology Journal, Garstang 2009).

Der sechste Sinn könnte eine Teamleistung sein

Nicht nur Dickhäuter scheinen ein besonderes Gespür zu haben. Rote Waldameisen beispielsweise besitzen regelrechte tektonische Bruchzonen. Sie haben die Gewohnheit, ihre Hügel genau dort zu bauen, wo tief im Erdreich darunter große Bruchstücke der Erdkruste aufeinandertreffen und gegeneinander geschoben werden – also an Orten, unter denen das Potenzial für ein Erdbeben schlummert. Sie finden diese Orte durch ihre speziellen Sinnesorgane, mit denen sie aufsteigende Gase und vielleicht auch elektrische Spannung wahrnehmen können. Wissenschaftler vermuten, dass die Gase für wärmere und feuchtere Lebensbedingungen sorgen. So wie es die Ameisen mögen.

Der Geologe Ulrich Schreiber hat mit seiner Arbeitsgruppe Hinweise dafür gefunden, dass Ameisen möglicherweise auch auf ein kommendes Beben reagieren – und das mehrere Stunden im Voraus (Animals, Schreiber et al. 2013). Über drei Jahre hinweg beobachteten sie die Aktivität an zwei Ameisenhügeln, die an Orten mit hoher tektonischer Aktivität standen. "Ameisen haben normalerweise eine sehr strikte Tagesroutine. Sie sind vormittags und nachmittags besonders aktiv – dazwischen gibt es immer Ruhephasen. Wir konnten ein paar Mal deutlich sehen, dass die Ameisen ihren gesamten Tagesablauf änderten, als es Aktivität unter der Erde gab", sagt Schreiber.  "Um sicherzugehen, dass es keine Zufallserscheinungen waren, sind allerdings weitere Untersuchungen notwendig." Wie zuverlässig Ameisen auf Erdbeben hinweisen können und mit welchen Sinnen sie die Vorboten spüren können, ist noch ungewiss.

Der Schwarm könnte der Schlüssel sein

Es gibt noch weitere Lebewesen, die Forscher genauer im Blick haben. Einzelne Beobachtungen berichten etwa von Ziegen, die mehrere Stunden vor einem Ausbruch des Vulkans Ätna ungewöhnlich aktiv wurden. Mehr als zwei Jahre lang analysierte der Biologe Martin Wikelski mit seinem Team vom Max-Planck-Institut für Ornithologie dieses Verhalten. Recht zuverlässig wiesen sie auf nahende Erdstöße hin. Die Tiere schienen dabei den Messgeräten der Wissenschaftler einiges vorauszuhaben. Bis heute ist es mit moderner Technik beinahe unmöglich, vorherzusagen, wann ein Vulkan ausbrechen wird. Zwar gibt es zahlreiche Prozesse, die einen baldigen Vulkanausbruch ankündigen – wann und wie ein Vulkan tatsächlich ausbricht, lässt sich aber vorher nicht berechnen, zu komplex sind die physikalischen Prozesse dahinter.

Linda Fischer ist Volontärin im Ressort Wissen von ZEIT ONLINE zur Autorenseite

Aber was bemerken die Tiere, das modernen Messgeräten entgeht? Um dies zu verstehen, müssen wir "beobachten, wie sie miteinander interagieren. Wir wissen, dass Tiere häufig erst im Kollektiv das entfalten können, was wir gerne den sechsten Sinn nennen", sagt der Biologe Wikelski. Die Ursache liege wahrscheinlich nicht nur in der individuellen Wahrnehmung der Tiere – wie beispielsweise die der Elefanten, die vor den Tsunami flohen. "Der Schlüssel liegt darin, wie sie gemeinsam Reize verarbeiten. Daraus können sich nämlich ganz neue Eigenschaften ergeben, von denen wir gar nichts ahnen können", sagt Wikelski. "Ein gutes Beispiel dafür sind Fische: Ein einziger Fisch ist im Tümpel ziemlich orientierungslos. Eine Gruppe von 20 Fischen hingegen findet rascher gemeinsam Nahrung, einen Schattenplatz oder was sie sonst zum Leben brauchen. Sie bilden eine Art Algorithmus, der ihnen fast automatisch das Überleben sichert."

Ob eine solche kollektive Intelligenz tatsächlich für den sechsten Sinn der Tiere verantwortlich ist, wird Wikelski gemeinsam mit Wissenschaftlern auf der ganzen Welt weiter untersuchen: Mit dem ICARUS-Projekt (International Cooperation for Animal Research Using Space) können sie bald vom Schreibtisch aus Schwärme von Tieren beobachten. Kleine Sender, die mit einer Antenne auf der internationalen Raumstation ISS verbunden sind, zeigen hier regelmäßig den Aufenthaltsort Tausender Tiere – egal wo sie sich auf der Erde befinden. Die gemeinsamen Bewegungsprofile von Elefant, Vogel, Ziege und Ameise könnten der Schlüssel sein, um ihrem sechsten Sinn zu verstehen. Und um ihn zu nutzen, um eines Tages auch Menschenleben zu retten.

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