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14th of November 2018

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Reichen 100 Euro für ein Wochenende in Krakau?

08.11.2018, 11:08 UhrReisen mit kleinem Budget : Reichen 100 Euro für ein Wochenende in Krakau?

Wer ganz genau aufs Budget schauen muss, reist anders. Milchbars und Kirchen sind die Rettung.

Matthias Kirsch Spazieren. Im Viertel Kazimierz trifft man auf Spuren der jüdischen Gemeinde. Foto: Imago, iStockSpazieren. Im Viertel Kazimierz trifft man auf Spuren der jüdischen Gemeinde. Foto: Imago, iStockFoto: imago/ZUMA Press Ein bisschen Bammel

Die Fünf-Zloty-Münze wiegt nur 6,5 Gramm, trotzdem liegt sie schwer in meiner Hand. Mein letztes Geld, es muss reichen für die Stunden, die mir in Krakau noch bleiben. In meinem Rucksack liegen eine Flasche Wasser, ein Corny-Riegel und ein Ticket zum Flughafen. Schaffe ich es, mit Geld in der Tasche zurück nach Berlin zu kommen?

Damen ohne Pardon

Zwei Tage zuvor. Ich steige am Hauptbahnhof aus und stehe nach 20 Schritten in einem Einkaufszentrum. Geht ja gut los. Überall kleine Fressstände mit lokalen Spezialitäten, mein Magen knurrt, im Ryanair-Flieger gab es natürlich nichts, was ich mir hätte leisten können.

Ich bedanke mich innerlich kurz bei der Europäischen Kommission dafür, dass die Roaming-Gebühren abgeschafft wurden. Dank Google Maps weiß ich, wo meine Unterkunft ist. Erste Erkenntnis: Wer keine Kohle hat, muss in fremden Städten sehr viel laufen. Tram, Bus, Leihfahrrad – alles zu teuer. Eine knappe Stunde in Krakau, und schon habe ich einige Kalorien verbrannt.

Das Gepäck abgelegt, dann trippele ich Richtung Altstadt. Ich suche eine Bar mleczny, eine Milchbar. Im kommunistischen Polen waren diese preiswerten Restaurants beliebt, heute essen hier ärmere Menschen. Die Gerichte sind nach wie vor günstig, zum Beispiel in der „Milkbar Tomasza“ (Swietego Tomasza 24). Der Laden ist voll, Touristen, Einheimische, Schulkinder und Rentner drücken sich an den wenigen Tischen aneinander.

Zuerst muss ich das System dieses Orts verstehen. Man belegt einen Platz mit der Jacke, bestellt an der Theke, setzt sich hin und wartet – als Neuling habe ich keine Chance. In der Schlange drängelt sich eine Gruppe älterer Damen vor. Ihre Rädelsführerin, drei Köpfe kleiner als ich, gischtweiße Haare, belegt den letzten freien Platz mit ihrer Handtasche. Kassiere ich stellvertretend die Retourkutsche für alle Deutschen, die ihr am Pool mal die Liege wegreserviert haben?

Es ist ein Teufelskreis, ohne Platz kann ich nicht bestellen, ohne Essen lässt mich keiner sitzen. Dann: Neben einem spanischen Pärchen wird ein Stuhl frei. Ich drängle mich durch, bin schneller als die anderen polnischen Omas. Mein Platz! Stolz stelle ich mich zurück in die Schlange und bestelle Tomatensuppe, Schweineschnitzel mit Pellkartoffeln und Kraut, für umgerechnet vier Euro.

Beim Verdauungsspaziergang gehe ich am Slowacki-Theater vorbei, einem riesigen Barockbau. Ich hänge mich an eine amerikanische Touristengruppe an, will mehr über diesen Ort erfahren. Dieser Trick wird mir in den nächsten Tagen das Geld für Tourguides ersparen. Allerdings muss ich lernen, unauffälliger zu sein: Ich bekomme noch mit, dass während des Zweiten Weltkrieges eine deutsche Truppe hier auftrat und sechs Jahre lang kein Pole das Theater betrat, da fliege ich schon auf. Schnell weiter.

In Kazimierz, dem alten jüdischen Viertel der Stadt, komme ich an einem Biergarten vorbei. Ich setze mich hin, ohne zu überlegen. Urlaubsgewohnheit. Als Kind guckte ich auf Reisen immer auf die Preise, meist war ich geschockt von der Touri-Ausbeutung. Meine Eltern sagten dann: „Im Urlaub schauen wir nicht aufs Geld!“ Heute muss ich es. Selbst die neun Zloty, zwei Euro, die das Bier in Krakau kostet, tun weh. Ich kriege ein schlechtes Gewissen, mein kühles Zywiec schmeckt mir nicht mehr ganz so gut.

Pumpernickel und Freibier

Ein Blick in den Geldbeutel offenbart die unschöne Wahrheit. Ich besitze noch knapp 110 Zloty, etwa 30 Euro. Dabei hatte meine Planung für den Trip gut angefangen: 24 Euro für den Hin- und Rückflug von Berlin nach Krakau. Auch ich habe im Sommer die „Spiegel“-Titelgeschichte und das „Zeit“-Dossier gelesen, ich weiß, dass wir Billigflug-Touristen Mitschuld an Klimawandel, Ausbeutung, Umweltverschmutzung tragen. Diesen Flug zu buchen war nicht schön. Angesichts meiner Situation ist es mir egal: Eine Mitfahrgelegenheit wäre doppelt so teuer, der Zug acht Stunden gefahren. Mein Airbnb-Zimmer kostet 34 Euro für zwei Nächte, der Flughafen-Transport insgesamt knapp zehn Euro.

Am ersten Abend gibt es also Pumpernickel mit Scheibenkäse. Lecker. Der Plan für den Rest der Nacht steht: Zufällig spielen die Fußballmannschaften von Spanien und England gegeneinander – in einer Stadt, in der hunderte britische Anfangdreißiger ihre Junggesellenabschiede feiern. Ich steuere den „English Football Club“ an, eine Fußballkneipe, steige in den Keller und bingo: Zwei angesäuselte Briten stehen in Superwoman-Kostümen vor mir. Bei denen springen ein paar Freigetränke für mich heraus.

Die 100-Dollar-Chance

Krakau ist sogar für das erzkatholische Polen eine Stadt mit sehr vielen Kirchen. Immer wieder erwische ich mich dabei, wie ich die Glaubenshäuser ansteuere. Waren ja schon immer Anlaufstelle für die Armen und Hungrigen. Erst in die Marienkirche, zu viele Touristen. Dann in die Franziskanerkirche, wunderbar. Kurz vor dem Eingang zum jüdischen Viertel steht die Kirche der Heiligen Peter und Paul. Eine große Plakette am Eingang verrät: Hier ließen sich einst die Eltern von Papst Johannes Paul II. trauen.

Ich nehme in einer der hinteren Reihen Platz. Seltsam viele Leute da. Bevor ich verstehe, was um mich herum passiert, beginnt die Hochzeit. Nachzügler setzen sich links und rechts von mir auf die Kirchenbank, ich bin eingeklemmt, komme nicht mehr weg. Also erhebe ich mich, wenn es die anderen tun, bekreuzige mich, wenn es die anderen tun, die junge Dame neben mir lächelt mich an. Mit Händen und Füßen versuche ich ihr klarzumachen, dass ich nicht dazugehöre. Sie deutet auf den Bräutigam, na gut, dann gehöre ich zu dem.

Die Zeremonie von Magdalena und Filip dauert ein halbes Stündchen, dann versammelt sich die Hochzeitsgesellschaft vor der Kirche. Freunde werfen Blumen, Reis und Dollarscheine in die Luft, Braut und Bräutigam sammeln sie freudig auf. Ein Hunderter landet vor meinen Füßen, es kribbelt in den Fingern. Doppeltes Budget! Ich hätte keine Sorgen mehr, keinen Hunger, kein schlechtes Gewissen im Biergarten. Ich bücke mich, hebe den Schein hoch und drücke ihn der strahlenden Magda in die Hand. Sie sagt etwas, ich verstehe kein Wort.

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Magdas Freundlichkeit gibt mir Mut. Kann ich einfach wie Vince Vaughn im Film eine Hochzeit crashen? Ich dackele den Leuten hinterher, von der Kirche laufen sie einige Meter zum Restaurant. Ich sehe schon das Buffet, Türme von Essen, Suppentöpfe, ein Schokobrunnen, da tippt mir ein grimmig blickender Typ an die Schulter, er trägt einen weinroten Anzug über seiner imposanten Rückenmuskulatur. Er sagt etwas, ich verstehe kein Wort. Aber diesmal weiß ich genau, was gemeint ist. Im Abhauen bin ich geübt.

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