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14th of November 2018

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Ins eigene Fleisch

08.11.2018, 09:23 UhrWissenschaftliche Selbstversuche : Ins eigene Fleisch

Einer schiebt sich Schläuche in die Vene, der andere schluckt Bakterien. Forscher wollen ihre Theorien beweisen – manche mit allen Mitteln.

Helena Wittlich Chemiker Humphry Davy (rechts) hat mit der Wirkung von Lachgas experimentiert.Chemiker Humphry Davy (rechts) hat mit der Wirkung von Lachgas experimentiert.Foto: imago/United Archives International Der elektrisierte Naturforscher: Alexander von Humboldt (1769 – 1859)

Ob Alexander von Humboldt wohl nervös ist, als er dort im Hörsaal in Jena steht? Unter den Zuschauern des jungen Forschers befinden sich an diesem Tag im April 1795 prominente Gäste, Johann Wolfgang von Goethe sowie der Herzog Carl August von Weimar, auch Humboldts älterer Bruder Wilhelm ist gekommen. Alexander spricht über seine Forschungen zum Galvanismus. Etwa 15 Jahre zuvor hat der italienische Wissenschaftler Luigi Galvani entdeckt, dass Muskeln sich durch elektrischen Strom zusammenziehen, womit er das Lebensbild der damaligen Zeit ins Wanken bringt.

Ist man im 16. Jahrhundert noch davon ausgegangen, dass die „anima“, die Seele, den Menschen bewegt, so bezeugen Galvanis Experimente das Gegenteil. Die tierischen Muskelfasern zucken, wenn er zwei unterschiedliche Metallstücke daranhält. Alexander von Humboldt will noch mehr erfahren. 1792 hat er zum ersten Mal in Wien von Galvanis Versuchen gehört und beginnt, seine eigenen Experimente durchzuführen. Dabei nutzt er seinen Körper als Versuchsobjekt, wie viele Forscher in der Geschichte der Wissenschaft: von Robert Koch über Marie Curie bis zu Sigmund Freud. Humboldt klebt sich Cantharidenpflaster auf die Schultern – deren Wirkstoff bildet Blasen auf der Haut –, sticht die mit Flüssigkeit gefüllten Beulen auf. Er experimentiert mit verschiedenen Metallen in den Wunden, auch in ähnlichen Verletzungen an der Hand und im Mund. Und schafft es nicht, das Phänomen ganz zu erklären.

Als 1796 seine Mutter stirbt und der 27-Jährige ein Vermögen erbt, bricht er auf zu seinen Forschungsreisen durch die ganze Welt. Die Experimente zum Galvanismus betreibt er dort weiter, sie stehen jedoch nicht mehr im Fokus. Die Forschung übernehmen nun andere. Der Mediziner Emil du Bois-Reymond experimentiert mit der elektrochemischen Signalübertragung im Nervensystem und begründet rund 50 Jahre später den Fachbereich Elektrophysiologie. Alexander von Humboldt fördert den jungen Wissenschaftler, er sieht dessen Forschungen als die Weiterführung seiner Arbeit.

Der lachende Chemiker: Humphry Davy (1778 – 1829)

Davy habe ein Vergnügen gefunden, für das es noch keine Worte gebe, schreibt der englische Dichter Robert Southey im April 1799 an seinen Bruder. „Es brachte mich zum Lachen und kitzelte in jedem Zeh und jeder Fingerspitze.“ Sein Freund, der Chemiker Humphry Davy, hat in den Wochen zuvor mit der Wirkung von Distickstoffmonoxid, besser bekannt als Lachgas, experimentiert. Nachdem er das Gas an sich selbst mehrfach getestet hat, bietet er es auch seinen Freunden an, die begeistert von dessen Wirkung sind. Am Abend treffen sich am pneumatischen Institut in Bristol nun Ärzte, Patienten, Dramatiker und Poeten der Zeit, um aneinander und an sich selbst zu experimentieren. Humphry Davy ist der Zeremonienmeister dieser Treffen. Die Versuche beginnen mit medizinischer Intention, immer öfter schweifen sie jedoch ab zu Gedanken über die Grenzen der Sprache. Davy selbst inhaliert während seiner eigenen Studien teilweise bis zu vier Mal am Tag Lachgas und dokumentiert die genaue Dosierung und anschließende Effekte. So entdeckt er die betäubende Wirkung und empfiehlt deswegen Distickstoffmonoxid in Operationen als Narkosemittel einzusetzen. Doch niemand nimmt ihn ernst, Lachgas gilt als Partydroge und hat in der Medizin nichts zu suchen. Davy wendet sich neuen Themen zu und wird 1802 Professor für Chemie an der Royal Institution in London. Erst 39 Jahre nach seinem Tod setzt man Lachgas als Anästhetikum bei klinischen Operationen ein. Noch heute nutzen Zahnärzte das fröhlich machende Gas bei Patienten, die große Angst vor einer Behandlung haben.

Der sensible Mediziner: Hendry Head (1861 – 1940)

Ein Selbstversuch am eigenen Penis? Klar, sagt sich der englische Arzt Henry Head. Er sucht nach einer Körperregion, die zwar Druck und Schmerzen erkennt, aber sanfte Berührungen nicht wahrnimmt – auf seinen Penis trifft beides zu. Taucht er die Spitze gerade so weit in 40 Grad heißes Wasser ein, dass die betroffene Hautpartie es berührt, empfindet er Schmerz. Ist die Eichel von Wasser umgeben, weicht der Schmerz und verwandelt sich in ein angenehmes Gefühl der Wärme. Head erforscht Ende des 19. Jahrhunderts die überempfindlichen Hautzonen bei verschiedenen Organerkrankungen. Weil er unzufrieden mit den ungenauen Antworten seiner Patienten ist, macht er sich selbst zum Versuchsobjekt. Und nicht nur seinen Penis. Er lässt sich einige Nervenbahnen in seiner linken Hand durchtrennen und dokumentiert genau, in welchen Bereichen der Hand und des Arms er nichts mehr spüren kann. Glücklicherweise kehrt sein Gefühl nach zwölf Wochen zurück. All diese Erkenntnisse helfen Head, die Sinnesübertragungen im menschlichen Körper besser zu verstehen, die er in seiner Doktorarbeit an der Universität in Cambridge 1892 veröffentlicht. Nach seiner großen Entdeckung forscht Henry Head weiter als Neurologe, unterbrochen wird er durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Als er nach dessen Ende der erste Professor für Medizin am Royal London Hospital werden soll, ist es für ihn zu spät. Head hat Parkinson, keiner erkennt das wohl besser als er selbst. 1919 kündigt er seinen Job im Krankenhaus. Was bleibt, ist sein Name. Die Head’schen Zonen beschreiben bestimmte Hautareale, die über Nerven mit inneren Organen verbunden sind und deswegen schmerzen, wenn das Organ erkrankt, wie etwa Schmerzen im linken Arm auf eine Erkrankung des Herzens hinweisen.

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