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13th of November 2018

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Singapur hat mir gezeigt, dass wir Deutschen in der digitalen Steinzeit leben

14 Länder, 14 Reporter - Singapur: In Singapur habe ich gelernt, dass wir Deutschen in der digitalen Steinzeit leben Danke für Ihre Bewertung! 0 Samstag, 10.11.2018, 10:13

Malaysia im Rücken, Indonesien vor der Brust: Der Stadtstaat Singapur ist eines der kleinsten Länder Asiens – und einer der wichtigsten Finanzplätze der Welt. Die Digitalisierung, oder Kontrolle, ist in Singapur viel weiter als in Deutschland. Was wir davon womöglich lernen können, hat FOCUS Online-Reporterin Vivica Mildner vor Ort recherchiert.

Die S-Bahn rauscht pünktlich um 19.23 Uhr vom Hauptbahnhof in München Richtung Flughafen ab. 12 Stunden Flug und eine Woche Singapur liegen vor mir. Dass Deutschland definitiv Entwicklungspotenzial bei der Digitalisierung hat, zeigt sich schon auf der 43-minütigen Fahrt. Auf halber Strecke zwischen Hauptbahnhof und Airport bricht mein Telefonat ab und die „Ich bin dann mal weg“-Nachrichten bleiben hängen. Funkloch.

Am Flughafen Singapur riecht es nach schwerem Parfüm, der dicke braune Teppich lässt nicht erahnen, dass ich an einem der modernsten Flughäfen der Welt bin. Doch dann erhebt sich in der Ankunftshalle ein gigantischer, blinkender LED-Screen, der mich voller Impressionen von Singapur zurücklässt. Mein Handy zeigt mir 20 verschiedene WLAN-Verbindungen an und innerhalb von Sekunden bimmelt mein Handy vor Nachrichten. Fingerabdrücke und Anti-Drogen-Erklärung unterschrieben, und schon stehe ich am Ticketautomaten für die U-Bahn Richtung Singapur Downtown.

14 Länder, 14 Reporter – Lösungen, die für unsere Gesellschaft Vorbild sein können

FOCUS Online startet eine neue konstruktive Reportage-Serie. Das Ziel: Perspektiven für Deutschlands soziale und gesellschaftliche Zukunft aufzeigen. Was machen andere Länder besser und was kann Deutschland von internationalen Vorbildern lernen? Um Antworten darauf zu finden, reisen 14 FOCUS-Online-Reporter in 14 verschiedene Länder.

Alle bereits veröffentlichten Geschichten finden Sie hier.

In meiner deutschen Manier habe ich als erstes am Flughafen Geld abgehoben. 100 Singapur-Dollar, etwa 62 Euro, für den Start. Doch der Fahrkartenautomat will meinen Schein nicht. Eine Angestellte kommt, schaut auf mein Bargeld und fragt irritiert, warum ich nicht einfach mein Handy oder die Kreditkarte nutze. Weil ich Bargeld habe! Doch der Automat gibt höchstens vier Dollar Wechselgeld. Bei einem Fahrpreis von 1,60 Dollar komme ich mit einem Schein nicht weit. E-Payment ist hier Standard.

Kameraüberwachung à la „1984“

Nach 30 Minuten Fahrt in der tiefgekühlten U-Bahn bin ich in Little India. Es riecht nach Indien, die Frauen tragen Sari und aus den Restaurants schallt Hindu-Musik. Aber die Straßen sind Chaos frei. Vor meinem Hotel gibt es sogar eine Ampel, an die sich sowohl Autofahrer als auch Fußgänger halten. Nach dem Einchecken entscheide ich mich, noch Richtung Innenstadt zu fahren. An der Rezeption frage ich, ob es als Frau sicher sei, im Dunkeln alleine durch die Straßen zu gehen. Der junge Mann hinter dem Tresen grinst mich an und deutet auf mehrere Kameras, die durch die gläserne Eingangstür auf der Straße zu sehen sind. Kameraüberwachung.

Wieder werde ich mit meinem Deutschsein konfrontiert: Kameraüberwachung im öffentlichen Raum erinnert mich an das Buch „1984“ aus meiner Schulzeit. Big Brother is watching you. Eine Art Überlegenheit macht sich in mir breit. Der Gedanke „In Deutschland sind wir noch frei!“ huscht mir durch den Kopf. Dass Singapur auch dank Kameraüberwachung zur zweitsichersten Stadt der Welt geworden ist und keine deutsche Stadt in den Top 10 vertreten ist, lässt mich dabei komplett kalt.

Digitalisierung ist mehr als nur Breitbandausbau

Beim Marina Bay Sands Hotel, das mit seinen drei Türmen und dem Surfbrett auf dem Dach zu einem Wahrzeichen der Stadt geworden ist, bekomme ich direkt um die Ohren geknallt, dass Digitalisierung mehr als nur Breitbandausbau oder Kameraüberwachung ist. Eine Licht- und Wassershow, begleitet von eindrucksvoller Musik, flackert vor dem Hotel auf. Meterhohe, leuchtende Vögel fliegen auf „Wasser-Screens“ über die Bucht. Kurz danach leuchten auf der anderen Seite des Hotels die stählernen „Supertrees“ auf. Ich fühle mich wie in einem animierten Disneyfilm.

500 Dollar für einen Toast

Durchgeschwitzt sitze ich am nächsten Tag in der U-Bahn. 80 Prozent Luftfeuchtigkeit erinnern mich daran, dass Singapur in den Tropen liegt, kurz über dem Äquator. 100 Meter Fußweg zur U-Bahnstation werden so zur Freiluft-Sauna. Im Zug haben alle – wirklich alle – ihr Handy in der Hand. Die etwa 70-jährige Frau neben mir spielt „Candy Crush“, auf der anderen Seite schaut ein junger Mann eine thailändische Soap auf seinem Smartphone.

Ich packe meinen trockenen Toast vom Frühstück aus und beiße ab. Sofort gucken mich alle an – drei Leute stehen auf und setzen sich von mir weg. Als ich an der nächsten Station aussteige, weiß ich auch schon warum. Eine U-Bahn-Mitarbeiterin kommt mit erhobenem Zeigefinger auf mich zugeschossen. 500 Singapur-Dollar (etwa 314 Euro) kostet das Stück Toast, dass ich mir in den Mund geschoben habe. Denn Essen und Trinken ist in Bussen und Bahnen streng verboten. Wie in Deutschland, nur deutlich teurer. Der Touristenbonus rettet mich gerade noch vor der Strafe. 

Überall Verbots- und Hinweisschilder

Vor dem Kaugummi kauen hatten mich in Deutschland noch alle gewarnt. Vorm Essen in der U-Bahn nicht. Ich sehe nun überall die Verbots- und Hinweisschilder. Hunderte Personen stehen hinter roten Linien und warten auf den nächsten Zug. Grüne Linien zeigen den Aussteigenden den Weg nach Draußen. Die Rolltreppe braucht allein 12 Verhaltensregeln, und Linksverkehr gilt auch für Fußgänger in den Gängen der U-Bahnstationen.

Immerhin, der öffentliche Verkehr in der 5,6-Millionen-Stadt funktioniert ziemlich reibungslos, die Züge sind sauber und die Menschen müssen nicht permanent einander ausweichen. Egal, mein rebellisches Ich überwiegt und ich laufe auf der Markierung, die die beiden Menschenströme voneinander trennen. So viel Selbstbestimmung und Freiheit muss sein. Bis ich - immer noch auf die Hinweisschilder schauend - in einen Singapurer mit Blick aufs Handy laufe. Der Rebell in mir, mit Füssen getreten. 

Künstliche Intelligenz statt Roboter

Im Krankenhaus der National University mache ich mich auf die Suche nach Robotern, von denen ich gelesen hatte. Sie  bringen den Patienten das Essen auf Tabletts, fahren Blutproben hin und her und helfen bei der Reinigung. Doch nach kurzer Zeit finde ich mich auf einer Ausstellung für Ärzte wieder, bei der das Krankenhaus der Zukunft gezeigt wird. Zukunft bedeutet hier, dass die digitalen Technologien noch Ende 2018 eingeführt werden sollen. Für mich wirken sie eher wie Ideen aus einem futuristischen Film.

Als ich einen Professor nach den Robotern frage, grinst er mich milde an: „Roboter? Wir sprechen hier von künstlicher Intelligenz!“ Der Professor ist nur halb so groß wie ich, aber ich bilde mir ein, dass seine Hand mein Haar tätschelt, wie mein Opa früher, als ich ihn fragte, warum Kinder nicht genauso lange wach bleiben können wie Erwachsene. Jaja, ist ja gut, Kind. Roboter waren gestern.

Meine persönlichen (deutschen) Grenzen

Sofort soll ich alle Technologien testen. Herzfrequenzmessung per Handy, die Erkennung von Krankheitsbildern durch digitale Krankenakten. Und Gesichtserkennung beim Eintritt ins Krankenhaus. Genau da stoße ich dann jedoch an meine (deutschen) Grenzen. Die Kamera scannt mein Gesicht, und ich soll meine Daten eintragen. Das Gerät würde mich dann beim Eintreten in die Klinik registrieren und mir anzeigen, wo und wann ich bei welchem Arzt zu sein hätte. Das Krankenhaus soll so effizienter werden.

Doch ich weigere mich. Meine Daten will ich auf gar keinen Fall mit meinem gescannten Gesicht verknüpfen. Direkt habe ich die Aufmerksamkeit aller Ausstellungsbesucher auf mich gelenkt. Ich bin irritiert, ein  Arzt fragt mich, ob ich ein Facebook-Profil habe. Habe ich. Er schüttelt den Kopf, sagt: „Und da machst du dir Sorgen über Gesichtserkennung im medizintechnischen Bereich?“ Ja. Der Mann hat sicher recht, und ich habe Angst. Angst, über meinen digitalen Schatten zu springen. Die Technologie teste ich nicht.

Singapur hält mir den Spiegel vor

Obwohl ich zu der Generation gehöre, die mit 12 schon ein eigenes Handy besaß, komme ich mir in Singapur altmodisch und rückständig vor. Es ist schon so: Die Menschen in diesem kleinen Stadtstaat haben gelernt, dass der digitale Wandel kommt. Und zwar schnell. Nicht morgen. Jetzt. Das Bewusstsein dafür und die Offenheit der Bevölkerung gegenüber neuen Technologien und Innovationen sind eindrucksvoll. Das heißt aber nicht, dass wir Technologien bedingungslos übernehmen sollten. Doch Kritik und Skepsis sollten und können den digitalen Wandel bei uns nicht bremsen, sondern steuern. Denn Digitalisierung geht viel weiter als der reine Breitband-Ausbau, wird alle Lebensbereiche verändern. Das habe ich in Singapur mehr als deutlich erlebt.

Wieder in Deutschland

Nach 12 Stunden Rückflug sitze ich wieder in der S-Bahn zum Münchner Hauptbahnhof. Noch am Flughafen habe ich mir ein Brötchen gekauft, in das ich jetzt genüsslich beiße. Es hat selten so gut geschmeckt. Das Internet bricht wieder ab und beim Aussteigen kollidiere ich mit einsteigenden Personen. Ich bin wieder in Deutschland.  

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