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22nd of January 2018

Kultur



Freiburg: Venus-Muschel, Phallus-Puschel | SÜDKURIER Online

Das Theater Freiburg webt einen denkwürdigen „Sommernachtstraum“ nach William Shakespeare

Wenn es Nacht wird im Theater Freiburg, kann es vorkommen, dass der Zuschauer in einen seltsamen Traum fällt. Eine riesige Muschelschale öffnet sich auf der Bühne. Botticellis Venus streichelt verliebt einen merkwürdigen Riesen-Puschel, schwarz-weiß gefleckt sein Fell, kein Tier, kein Mensch. Lustig zunächst seine Wirkung, leis melancholisch sein Ton; ein Zwischendrinwesen, das sich mit nackten Körpern verwebt. Kunst und Sexus: Die Theaterbesucher, jene „Schar von träumenden Gestalten in ihren Muschelsitzen“ diskutierten diese Premiere wie schon lange keine mehr.

Was wird hier gespielt? Shakespeares „Sommernachtstraum“ – und anderes mehr. Bei Shakespeare gibt es weder Riesen-Puschel noch Botticelli. Bei Shakespeare verzaubert Puck den Handwerker Zettel in einen dummen Esel, und ausgerechnet die zarte Elfenkönigin Titania verliebt sich in das plumpe Tier, ein Witz. Die polnische Regisseurin Ewelina Marciniak nun treibt den derben Witz klug über sich hinaus. Die Elfenkönigin liebt nicht das Wilde, Tierische einer Eselsgestalt, sondern ein reines Kunstgebilde. Was soll dieser hoch aufragende pelzige Puschel sein? Reinhold Messner würde einen Yeti sehen, Dr. Freud ein Phallus-Symbol. Muschel-Venus und Puschel-Penis? Stimmt alles nur halb. Das Publikum hat die Deutungshoheit. Die Regie-Hoheit hat der wandlungsfähige Puck, mal zungenfertige Botticelli-Schönheit, mal strenge Lady mit rauchschwarzer Stimme und Regiebuch unterm Arm – Anja Schweitzer, die Diva, die Attraktion des Abends, Diseuse, Regisseuse.

Theater auf dem Theater: Peter Carp, Freiburgs neuer Intendant, hat eine doppelt gute Wahl getroffen. Zum Auftakt des Schauspiels im Großen Haus setzt er eine Shakespeare-Komödie auf den Spielplan, in der es thematisch um Theater geht, um die Verwechslung von Schein und Sein. Zum zweiten wählt er eine junge Regisseurin, die diese Idee kongenial erweitert. Ewelina Marciniak (34) betont besonders das Handwerker-Laienspiel des Shakespeare-Stücks und variiert es: lustig zu Beginn, rätselhaft im Mittelteil, nachdenklich am Schluss.

Der Abend beginnt mit dem Vorsprechen auf der Bühne, mit Eifersüchteleien bei der Rollenbesetzung. Das bringt sofort gute Laune und Lacher im Publikum. Lukas Hupfeld, Angela Falkenhan, Moritz Peschke und Michael Schmitter glänzen mit komischem Talent. Sie machen Hoffnung auf ein Theater, das auch lustig sein darf – und es kann.

Ernst wird es am Hof zu Athen. Herrscher Theseus im feinen Doppelreiher ist ein fieser Busengrapscher. Der obligate Beitrag zur Me-Too-Debatte? Viel mehr: Das neue Ensemble erweist sich als überraschend gut aufeinander eingespielt. Henry Meyer fasziniert als bärtiger Theseus durch hinterhältige Zärtlichkeit mit jähen Gewaltausbrüchen. Objekt seiner altväterlichen Begierde ist Hermia, die zwangsverheiratet werden soll. Rosa Thormeyer ist als Hermia im weißen Kleidchen eine stimmige Mischung aus Unschuld und Verspieltheit, wenngleich durchaus zu Wutanfällen fähig wie ihre Freundin und Gegenspielerin Helena (Laura Angelina Palacios). Eher rollenkonform agieren die Liebhaber Demetrius (Thiess Brammer) und Lysander (Dominik Paul Weber).

Es ist fraglos ein Abend der Frauen, der Zauberwald ist ihr Muschelreich. Die Herrscherin, erstarrt in Resignation, panzert sich im schwarzen Spitzenkleid. Im Anschluss als Titania wird Janna Horstmann die Oberhand gewinnen – um allerdings beim (erstklassig choreografierten) Tanz nur wieder von ihrem Mann mit einem Schulterzucken abgefertigt zu werden, wenn sie lautstark gegen ihn aufbegehrt. Meine Dame, was soll die Hysterie... Bei den Darstellern sitzt jede Geste, jeder Ton. Sie bringen Shakespeares reiche Sprache zum Klingen und auf den inhaltlichen Punkt. Den coolen bis schrillen Umgangston, wie ihn das Gegenwartstheater oft bemüht forciert, schaffen sie mühelos nebenbei.

Die Textfassung, durchsetzt mit Alltagsjargon und Einsprengseln aus Kunstmanifesten, rundet sich mit Shakespeare zur Einheit. Es enthüllt sich ein Gesamtkunstwerk aus Sprache, Licht und Ausstattung (Katarzyna Borkowska), interpunktiert von der Musik (Janek Duszynski). Wo das postdramatische Stückel-Theater oft nur beliebig wirkt, beeindruckt diese Inszenierung durch ihren gekonnten Eklektizismus, auch Manierismus. Ein Beispiel: In der Schlüsselszene des Abends vereinigen sich die splitternackten Paare in der Muschelschale, als ob Botticelli und Ferdinand Hodler gemeinsam ein Bild gemalt hätten, choreografiert von Sasha Waltz in Slow Motion, aufgeführt von Freikörperkultur-Jüngern der 1930er-Jahre. Es herrscht Shakespeares Traumzeit und die Alptraumzeit vor dem Totalitarismus. Es ist viel zu viel, das aber in bisweilen betörenden Bildern.

Keine Einwände? Es gibt einen entscheidenden Kritikpunkt. Zwei Stunden Spieldauer, dann Pause, dann einen Schlussteil von 20 Minuten angestückelt: Das Timing stimmt nicht. Von den Zauberwald-Szenen, die durchhängen, 20 Minuten zu Gunsten des ernsten Schlussteils gekürzt – und der Abend wäre aus einem Guss. Dennoch: Es gab viel Applaus zum Schluss.

Die nächsten Vorstellungen: 12. und 26. Januar; 1., 8. und 23. Februar; 14. und 27. März. Karten und weitere Informationen: www.theater.freiburg.de Read More




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