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14th of November 2018

Wirtschaft



Leben wie Geizhals Dagobert Duck – diese Opfer sind nötig für den frühen Ruhestand

Die Politik will, dass die Jungen bis 70 und länger arbeiten und mit ihren Beiträgen das Rentensystem über Wasser halten. Tatsächlich beschäftigen sich die Millennials lieber mit der Fire-Bewegung. Die Idee ist hier nicht, möglichst lange in einem normalen Beschäftigungsverhältnis auszuhalten, sondern im Gegenteil, möglichst früh damit aufzuhören, um einen selbstbestimmten Lebensabschnitt jenseits des Büros zu beginnen. Fire vertraut dabei auf die eigene Finanzkraft – Ruhestand durch Hartz IV oder Grundeinkommen ist nicht das Ziel. Also müssen die Fire-Fans in relativ kurzer Lebenszeit, möglichst viel Kapital ansparen, von dem sie dann auskömmlich leben können. 

Welchen Lebensstandard die Aussteiger realisieren wollen, unterscheidet sich, doch das Rezept um zum Ausstieg zu gelangen ist immer gleich: In der Verdienstphase wird nicht geprasst, sondern gespart.

Geizen wie Onkel Dagobert

Wie eisern gegeizt wird, zeigt das "Wall Street Journal". Das Blatt stellt die Anwältin Sylvia Hall aus Seattle vor. Die 38-Jährige will in zwei Jahren, mit 40, den Job an den Nagel hängen. Dafür benötigt sie, nach ihren Berechnungen, zwei Millionen Dollar an Vermögen. 1,5 Millionen hat sie schon beisammen.

Das bekommt auch eine gut-verdienende Anwältin nicht so leicht zusammen. Hall schafft das Ziel, weil sie lebt wie der Geizhals Dagobert Duck und im Alltag nichts ausgibt. Ihre Sparquote liegt bei 70 Prozent ihres Nettoeinkommens.

Dabei schreckt sie nicht einmal davor zurück, das von Supermärkten weggeworfene Obst aus den Mülltonnen zu sammeln. So drückt sie die Kosten für Lebensmittel auf 75 Dollar im Monat. Sie besitzt kein Auto und geht, wo es nur möglich ist, zu Fuß. Für die TV Unterhaltung muss ein Netflixpasswort von Freunden herhalten.

"Die Idee, nicht bis zum 65. Lebensjahr warten zu müssen, um nach meinen eigenen Vorstellungen zu leben, gefiel mir", sagte sie. Ihre Initialzündung war der Moment, als sie ihre Studienschulden früh tilgen konnte. Als sie diesen Ballast abwerfen konnten, empfand sie ein Gefühl der Freiheit.

Bei Sylvia Hall kommen drei Faktoren zusammen: Sie ist bereit, auf vieles zu verzichten, sie erzielt ein hohes Einkommen und sie hat eine sehr glückliche Hand, bei der Anlage ihres Vermögens.

Hohes Einkommen ist Voraussetzung 

Für die Millennials als Gesamtgruppe trifft das in den USA nicht zu. Junge Menschen zwischen 25 und 35 Jahren haben weit weniger Vermögen angespart als die Generationen davor und "liegen in fast jeder wirtschaftlichen Dimension zurück", das sagte Alicia Munnell, Direktorin des Boston College Center for Retirement Research, dem "WSJ". Die aktiven Fire-Anhänger verfügen über Hochschulabschlüsse, überdurchschnittliche Einkommen und besitzen wie Hall die Disziplin, hohe Sparquoten zu erzielen.

Dafür verzichten sie auf vieles, was in ihrer Einkommensklasse Standard ist. Doch wer sein Geld für Autos, teure Reise und eine Top-Wohnung verpulvert, wird kaum viel zurücklegen können. Natürlich muss man auf alles verzichten, was unabsehbare Kosten nach sie ziehen könnte. Kinder sind in diesem Konzept nicht vorgesehen.

Hinzu kommt: Sparen allein reicht nicht. Allen erfolgreichen Fire-Ruheständlern ist gemein, dass sie das Geld, das sie beiseite legen konnten, sehr erfolgreich vermehren konnten. Auch der Plan von Sylvia Hall sieht vor, dass die fehlende halbe Million im Wesentlichen von ihrem schon vorhandenen Vermögen erwirtschaftet wird.

Leider sind nicht alle Ruheständler glücklich. Emma Pattee konnte vor dem 28. Lebensjahr aufhören zu arbeiten. Gutes Einkommen und sehr lukrative Immobiliendeals machten es möglich, dass sie und ihr Mann heute von Mieteinnahmen leben können. Sie sagte dem "WSJ": "Meine Arbeit hat meinem Leben viel mehr Bedeutung gegeben, als ich gedacht hatte. Es ist viel schwieriger, einen Sinn zu finden, als 70 Prozent des Einkommens zu sparen."

Vorsicht Schummler

Kleines Problem für die Fire-Fans: Die Lichtgestalten der Bewegung leben keineswegs vom Ersparten. Die Bewegung ist inzwischen so populär, dass die Propagandisten des Fire-Lebensstils hohe Summen durch Vorträge, Bücher und ihre Blogs verdienen. Sie befinden sich überhaupt nicht im Ruhestand, sondern haben nur ihren Office-Job gegen das lukrative Metier des "Finanz-Influencer" eingetauscht. Das "WSJ" berichtet von Einkünfte aus Blogs von über 300.000 Dollar.

Einen besonderen Patzer hat das "WSJ" bei der bekannten "Frugalwoods"-Autorin Elizabeth Thames entdeckt. In ihrer Darstellung lebt sie mit ihrem Mann auf einer kleinen Farm. Das Geld zum Kauf der Farm habe das Paar durch eisernes Sparen aufgebracht. Die Familie ernähre sich von den Produkten des Hofes und halte sich mit Tauschgeschäften über Wasser, so sieht es zumindest aus. Dabei vergisst Frau Thames zu erwähnen, dass ihr Mann einem sehr gut bezahlten ganz regulären Job nachgeht. Sein öffentlicher Arbeitgeber weist die Gehälter aus, demnach soll der Gatte 270.000 Dollar im Jahr überweisen bekommen. Die Familie Thames ist also überhaupt nicht auf die Erträge ihrer Subsistenzwirtschaft und der Recyclingbasteleien von Elizabeth Thames angewiesen. Finanziell gesehen ist die Farm nicht mehr als das Hobby einer Top-Verdiener-Familie.

"WSJ": The New Retirement Plan: Save Almost Everything, Spend Virtually Nothing

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