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19th of October 2018

Wirtschaft



Geld macht nicht glücklich. Oder?

Das Problem am Bahnfahren ist nur: viele Menschen wollen das. Viele Menschen tun das. 

Es geht schon am Bahnsteig los. Ich freue mich auf die vier Stunden Fahrt, ein bisschen arbeiten, ein bisschen lesen (rede ich mir ein) und vielleicht ganz wenig glotzen (rede ich mir auch ein, denn es wird viel werden. Vor allem viel social media. Was in der Bahn schwierig ist, weil das Internet die Instagram Videos so langsam lädt, dass man lange warten muss, bis der eingefrorene Bildschirm sich schleppend fortbewegt. Es ist quasi des Internet auf Rollator mit kaputten Rädern. Instagreis. Insta humpelt. Und dann friert das Ding immer genau dann ein, wenn Du die Ex stalkst und jemand kommt vorbei und grüßt Dich).

Laura Karasek: Tippt die noch ganz richtig?

Ich bin Laura Karasek, 1982 in Hamburg geboren, Rechtsanwältin in einer großen Wirtschaftskanzlei in Frankfurt. Ich liebe Adrenalin, Gedichte, Männer mit Brusthaaren, Prosecco und Abgründe. Und gewinne genauso gern im Casino wie vor Gericht. Wäre ich besser im Singen gewesen (meine Stimme ist so tief, dass ich am Telefon oft mit meinem Vater verwechselt wurde), gäbe es von mir jetzt Platten statt Prozesse. 2012 erschien mein erster Roman "Verspielte Jahre", im Sommer 2015 habe ich Zwillinge bekommen und kurz darauf meinen Vater verloren. Das mit dem Glück ist eben so eine Sache...

Aber zurück zum Bahnsteig: Natürlich habe ich noch nichts vorbereitet für den Termin, zu dem ich unterwegs bin. Noch letzte Nacht habe ich mir erzählt: "ach, das Dokument liest Du in Ruhe in der Bahn. 137 Seiten PDF – was ist das schon! Lade ich mir im Zug runter!" (w-lan? W-lahm! Dokument lädt nicht. Also unvorbereitet zur Besprechung. Improvisieren konnte ich schon am Klavier nicht. Da kamen dann immer nur C-Dur und G-Dur Akkorde raus, obwohl ich ein Fan von Moll bin). Ich stehe also am Bahnsteig und glaube noch fest daran, dass ich gleich alles lesen, verstehen und vorbereiten kann. 

"Laura!" Warum triffst Du nie irgendeinen coolen Rockstar oder Autor am Gleis (gut, die würden dann natürlich nicht "Laura!" rufen, weil sie Dich nicht kennen. Aber dennoch…), sondern immer nur einen Ex-Kollegen oder einen ehemaligen Lehrer, der die Schach-AG geleitet hat?

"Wo sitzt Du?" fragt der Kollege, der schon damals ausschließlich über Baumärkte und Drexelmaschinen gesprochen hat. Nicht meine Themen. Ich kann nix am Hammer und könnte auch einen Drexler nicht von einem Fleischwolf unterscheiden. Ich brauche ja sogar zum Bananeschälen eine Anleitung.

"In der zweiten Klasse," sage ich und hoffe, dass er in der ersten sitzt. Tut er auch. Ist ihm aber egal. Er freut sich so, mich zu sehen, dass er ruft "Ich setz mich zu Dir!"

Reichsein macht auch nicht glücklich. Außer man gibt das Geld für Alkohol, Sushi und Lederjacken aus!

"Ich hab reserviert." Ich bin so spiessig, ja. Ich komme mir dabei uralt und kleinlich vor. Vor allem, wenn jemand auf meinem reservierten Platz sitzt und ich endlos mit mir kämpfe: soll ich der Erbsenzähler und Besserwisser sein und ihn bitten, aufzustehen? "Entschuldigung, das ist mein Platz." (was das impliziert, ist ja immer: "Sie Vollidiot! Können Sie etwa die Anzeige nicht lesen! Reservier Dir doch selbst Deinen Gangplatz, Du Trottel!")

Und vor allem, darf ich denjenigen bitten aufzustehen, wenn er deutlich älter ist als ich? Oder ein kleines Kind dabei hat? Oder ein Japaner auf der Durchreise ist, der mich fragend ansieht, weil er weder mich noch die Schilder versteht, die "reserviert" gesagt haben? Wie viel Arschloch steckt in mir?

Nein, dafür bin ich zu schüchtern. Zu feige. Zu uncool. Oder schlicht zu nett. Ich kann es nicht. Ich gehe also weiter, schwitze, der Zug ist voll und ich flüchte ins Bordbistro.

Eigentlich hatte ich mir extra eine Buttermilch und einen Apfel eingesteckt, aber mit dem Zug ist das so eine Sache: die Deutsche Bahn ist appetitanregend. Sehr! Ich muss mir also noch während wir im Bahnhof stehen die Nürnberger Rostbratwürstchen oder/und den Flammkuchen bestellen. Außerdem XXL Nicnacs. Vielleicht bin ich vom Nahkampf des Platzsuchens so hungrig. In der Bahn kann ich besser essen und besser schlafen als sonstwo!

Nach den Bratwürstchen besiegt mich der Schlaf und ich mache ein Nickerchen, während mir Senfreste aus dem Mund laufen und ich ein bisschen auf den Tisch vom Bordbistro sabbere. Geweckt werde ich von meinem eigenen Zucken.

Dann muss ich Pipi. Leider sind zwei Toiletten gesperrt. Ich wackele durch den Zug – und nehme die nächste freie, die ich finden kann. Nicht nur geht die Tür extrem langsam auf, sie geht auch extrem langsam wieder zu. Es ist eine automatische Tür für Rollstuhlfahrer. Ich bin ja ganz schnell, denke ich. Da darf ich das – für mich eigentlich nicht vorgesehene - WC kurz blockieren.

Das WC ist komplett versaut (ich erspare Ihnen die Details, aber Sie kennen das vielleicht von öffentlichen Toiletten). Aber ich habe nicht die Kraft, weiterzusuchen. Noch einen Wagen voller Koffer und Kinderwagen zu durchqueren. Ich versuche, mich irgendwie von der Klobrille fernzuhalten, was bei der Fahrtgeschwindigkeit nicht wirklich gelingt. Touchdown.

Als ich noch mit offener Hose die Hände wasche, öffnet sich die Tür ganz langsam. Vor dem Klo warten drei Leute. Davon einer im Rollstuhl. Sie sehen das schmierige Unheil und ich sehe ihren angewiderten Blick.

"Ich war das nicht!" möchte ich sagen. Aber sie würden mir ohnehin nicht glauben. 

Bilder sagen mehr als Worte und meine offene Hose gibt ihnen den Rest. 

"Das ist die Behindertentoilette!" ruft mir einer belehrend hinterher, als hätte ich einem Kleinkind seinen Teddy geklaut.

Was mich tröstet: im Helikopter gibt es GAR KEINE Toilette! Reichsein macht auch nicht glücklich. Außer man gibt das Geld für Alkohol, Sushi und Lederjacken aus!

Ich werde trotzdem weiter Bahnfahren. Und falls ich den Lehrer wieder am Bahngleis treffe, lasse ich mir von ihm einfach beibringen, wie man die Toiletten richtig zubekommt. Zur Not mit Schrauben und Drexelmaschine!  

Oder ich leihe mir den Helikopter aus!

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