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14th of November 2018

Politik



DDR: Erich währt am längsten

Dieser Text ist Teil unserer Reihe #D18. Alle Texte der Serie finden Sie hier.

Wie soll man sich an den verschwundenen kleineren deutschen Teilstaat erinnern? Viele Jahre kam mir die DDR-Aufarbeitung so vor: einerseits hart umkämpft, andererseits ziemlich marginalisiert. Und sie fand in einer Parallelwelt statt. Jene, die näher damit zu tun hatten, führten heftige Auseinandersetzungen und warfen einander auch häufig Verharmlosung vor. Die breite Öffentlichkeit dagegen interessierte sich nicht besonders dafür. Viele Ostdeutsche haben sich früh abgewandt. Zu viele Kränkungs- und Entwertungserfahrungen waren gerade für Ältere damit verbunden. Die Jüngeren haben diese Haltung oftmals einfach übernommen. Ich habe das übrigens auch getan.

Aber die Frage, wie viel Unrecht in der DDR geschah – mehr noch, auf welch komplexe Art Alltag und Unrecht miteinander verwoben waren –, stellt sich natürlich weiterhin, hat sich eigentlich die ganze Zeit gestellt. Sie weist nämlich ins Zentrum unserer Biografien und Familiengeschichten. Nur wer seine Herkunft, seine Vergangenheit kennt, kann aus Fehlern lernen oder sich auf Stärken besinnen. Es gilt also erst einmal, ein Versäumnis einzuräumen.

Womöglich ist die Chance da, sich auf neue Weise mit der DDR auseinanderzusetzen. Vielleicht kann jetzt die Aufarbeitung durch die Unbefangenen beginnen. Jene, die weder von ihren Erfahrungen im SED-Staat noch von politischen Interessen geleitet sind. Es gibt Indizien, dass die Zeit dafür beginnt.

Müssen wir die DDR nicht neu erzählen?, fragte der Historiker Karsten Krampitz gerade im Deutschlandfunk. Müssen wir aufhören, die DDR-Bevölkerung immer nur auf Täter und Opfer zu reduzieren? Es brauche einen Blick auf die DDR ohne Dämonisierung und ohne Verklärung.

Seit einiger Zeit ereignen sich in der sogenannten Aufarbeitungsszene, zu der Stiftungen, Vereine, Gedenkstätten, die Stasi-Unterlagenbehörde und Forschungseinrichtungen gehören, höchst erstaunliche Dinge. Manche dieser Dinge haben miteinander zu tun, andere nicht. Ihnen allen ist dies gemeinsam: Sie künden von Veränderungen. Korrekturen, vielleicht Zäsuren. Nach Jahren einer gewissen Friedhofsruhe ist die Aufarbeitungsszene wieder in die Schlagzeilen (und offensichtlich in Bewegung) geraten.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 46/2018. Hier können Sie die gesamte Ausgabe lesen.

Den letzten großen Auftritt hätten die Bürgerrechtler 2009 gehabt, sagt Ilko-Sascha Kowalczuk. Damals ging es darum, zum 25. Mauerfall-Jahrestag noch einmal den Osten erklärt zu bekommen. Dann sei es ruhig geworden. Kowalczuk ist Projektleiter der Forschungsabteilung in der Stasi-Unterlagenbehörde und ein Enfant terrible der Szene. Der 1967 geborene DDR-Historiker übt in einem Maße öffentlich Selbstkritik wie kaum jemand. Auch er fordert einen Neuanfang, eine Ende der Verkapselung der Aufarbeiter.

Dabei geht es den Aufarbeitern wie dem gesamten Osten: Auch durch Pegida und den Erfolg der AfD ist man zu einem teilweise heftigen Nachdenken über sich selbst gezwungen. Denn auch einige Aufarbeiter fühlen sich neuerdings von den rechtspopulistischen Bewegungen angezogen.

In jedem Fall verändern sich Dinge Nein, wie auf diesen Bildern von Peter M. Hoffmann schaute der Staatsratsvorsitzende nie aus. Aber ist nicht Geschichte immer das, was wir einander erzählen?

Im Januar berichtete der Spiegel über einige, teilweise prominente, Bürgerrechtler, die sich Pegida oder der AfD angeschlossen haben oder sich Pegida zumindest nahe fühlen: Angelika Barbe, Gründerin der Ost-SPD; Siegmar Faust, politischer Häftling und in den Neunzigerjahren Landesbeauftragter für Stasi-Unterlagen in Sachsen; Michael Beleites, Umweltaktivist und von 2000 bis 2010 ebenfalls dort Landesbeauftragter.

Seit Mai ist auch die Stasi-Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen von dieser Entwicklung betroffen, weil ebenjener Siegmar Faust, der zudem mit den Holocaust relativierenden Aussagen ("Ist die Zahl sechs Millionen heilig?") verstörte, dort Führungen anbot. Erst nach einigen Presseberichten trennt sich die Gedenkstätte von Faust. Er setzt nach: Nicht wenige würden dort genauso denken wie er.

Aber auch aus anderen Gründen geraten Aufarbeiter in die Schlagzeilen. Im September zunächst wieder Hohenschönhausen: Der Stiftungsrat der Gedenkstätte entlässt den Leiter Hubertus Knabe, nachdem ihm Mitarbeiterinnen im Zuge von #MeToo vorgeworfen haben, jahrelang ein sexistisches Arbeitsklima ignoriert zu haben.

Kurz darauf erheben ehemalige Mitarbeiter des Doping-Hilfe-Vereins im Nordkurier Vorwürfe gegen ihre Vorsitzende Ines Geipel: Die Schriftstellerin und Aktivistin habe Opferzahlen nach oben korrigiert.

Seit Jahren war nicht so intensiv über die Berufs-Aufarbeiter gesprochen worden wie in dieser Zeit. Und einige wollten auch von sich aus Debatten anstoßen: Im Oktober kündigte die mächtige Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur an, ihren Fokus fortan nicht mehr nur auf die DDR-, sondern auch auf die Nachwendezeit zu legen.

Manches geschieht aus Zufall, manches aus Intention, in jedem Fall verändern sich Dinge.

Donnergrollen in Berlin Donnergrollen in Berlin

Wenn man eine Zäsur für die DDR- Aufarbeitungsszene in der jüngeren Vergangenheit benennen müsste – es wäre die Entlassung von Hubertus Knabe : Der bisherige Direktor der Stasi-Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen prägte die Art, wie über das DDR-Unrecht gesprochen wird, seit Jahrzehnten. Im September 2018 wurde ihm gekündigt, allerdings aus Gründen, die nichts mit seinem Blick auf die SED-Diktatur zu tun hatten: Sieben Ex- Mitarbeiterinnen hatten Knabes Stellvertreter Belästigung vorgeworfen, in einem Gutachten wurde Knabe "Führungsversagen" in dieser Sache attestiert.

Der Text auf diesen Seiten entstand in Kooperation mit dem Ressort #D18 auf ZEIT ONLINE .

Es stellt die Frage: Was ist diese Heimat , von der alle reden? Mehr unter: www.zeit.de/d18

Bleiben wir kurz bei der Entlassung von Hubertus Knabe. Sie ist in ihrer Bedeutung kaum zu überschätzen. Auch wenn Mitglieder des Stiftungsrates versichern, dass es bei der Entscheidung ausschließlich um die #MeToo-Vorwürfe gegangen sei, die gut dokumentiert und erdrückend gewesen seien, verlässt hier einer der medial einflussreichsten und schärfsten Ankläger des DDR-Unrechtssystems vorerst die Szenerie.

Auch mich hat er mit solchen Sätzen abgeschreckt

Knabe, in Nordrhein-Westfalen geboren und im Westen aufgewachsen, argumentierte gern so: "Die Erinnerung an die Opfer der zweiten deutschen Diktatur in diesem Jahrhundert wird in Zukunft an Gewicht gewinnen müssen. Sie muss für uns ähnlich selbstverständlich werden wie die an die Opfer des Nationalsozialismus." So beschrieb er nach seiner Ernennung im Jahr 2000 seine künftige Arbeit. Wie selbstverständlich er dabei beide Systeme wenn schon nicht verglich, so doch in einem Atemzug nannte, hat viele, gerade Ostdeutsche, gestört. Knabe war darin nicht der Einzige, aber wohl der Beharrlichste, Wirkmächtigste. Auch mich hat er mit solchen Sätzen abgeschreckt. Sie schienen mir zu vielem, was ich über die beiden deutschen Diktaturen wusste, nicht zu passen. Aber ich behielt meine Zweifel für mich, hatte zu große Angst, auch in den Verdacht zu geraten, DDR-Unrecht zu verharmlosen. Mit diesem Vorwurf wurde wild in alle Richtungen geschossen.

Kritik konnte so an Hubertus Knabe jahrelang abprallen, auch weil er stets auf die Opfer verwies, in deren Namen er spreche. "Jeder, der Knabe und seine Gedenkstättenpolitik kritisiert, wird als Verharmloser und Stasi-Freund, bestenfalls Diktaturgeschädigter hingestellt", schrieb Kowalczuk, noch bevor Knabe entlassen wurde.

So hat Hubertus Knabe die DDR-Aufarbeitung mit den Jahren zu einer Art Geheimwissenschaft gemacht, er monopolisierte sie und gestand kaum jemandem zu, darüber urteilen zu können. Wahrscheinlich war er deshalb in seiner Szene zuletzt ziemlich isoliert, viele ehemalige Bürgerrechtler hatten sich von ihm abgewandt. Zu den wenigen, die ihn nach seiner Entlassung verteidigten, gehörten Jan Fleischhauer und Birgit Kelle – sie sind als Experten für DDR-Aufarbeitung nun nicht eben bekannt. Die Opferverbände, auf die sich Knabe stets berief, verteidigten ihn erstaunlicherweise nicht. Marianne Birthler leitet nun interimistisch die Geschäfte der Gedenkstätte.

Kann es sein, dass die Zeit jener Aufarbeiter endet, die die DDR aufs Unrecht allein reduzieren? Und dass die Zeit jener Aufarbeiter beginnt, die das riesige Unrecht zwar in ihr Denken einbeziehen – aber immer auch im Blick haben, dass es noch mehr an Leben gab in diesem Staat?

Aufarbeitung, schrieb Kowalczuk in der Süddeutschen Zeitung, sei zu oft ein "geschichtspolitisches Anliegen", bei dem es "nicht um Differenzierung, sondern um Anklage, Demaskierung und Entblößung" gegangen sei.

Die Politikwissenschaftlerin Sandra Pingel-Schliemann schlug in ihrer vom Robert-Havemann-Archiv herausgegebenen Studie Zersetzen. Strategie einer Diktatur eine aktuellere, zweigeteilte DDR-Deutung vor: "War der Alltag in den 1950er Jahren noch geprägt von offenem Staatsterror, ging unter Honecker die politische Verfolgung durch den Justizapparat spürbar zurück. In den Jahren von 1950 bis 1953 waren jährlich ca. 11.000 bis 14.000 Menschen nach politischen Paragraphen verurteilt worden und zwischen 1965 und 1969 immer noch jährlich ca. 7.570 – deren Zahl halbierte sich nach der Machtübernahme Honeckers auf knapp 3.000 Menschen pro Jahr." Erich Honecker hatte Walter Ulbricht im Jahr 1971 als Ersten Mann im Staat abgelöst. In dieser Logik teilt sich die Geschichte der DDR ziemlich in der Mitte in eine stalinistische Ära Ulbrichts und eine zumindest gemäßigtere Honeckers.

Bis heute gebe es keine Gesamtanalyse darüber, wie vielen Menschen während der 40-jährigen Existenz der DDR politisch motiviertes Unrecht und Leid zugefügt wurde, resümiert der Historiker Ansgar Borbe in seiner Broschüre Die Zahl der Opfer des SED-Regimes . Konkrete Zahlen über all jene, die unter Berufsverboten litten, aus politischen Gründen exmatrikuliert oder gar nicht erst zum Abitur oder Studium zugelassen worden sind, gibt es nicht. Aber dass solche Zugänge bis zum Ende der DDR nach ideologischen Kategorien und nicht nach tatsächlicher Eignung entschieden wurden, gehört unbedingt zu den Erfahrungen der DDR-Gesellschaft. Sie hörte unter Honecker keineswegs auf. Nicht vergessen werden dürfen die Mauer- und Grenztoten, mindestens 139 Menschen starben in Berlin, mindestens 327 an der innerdeutschen Grenze. Hinter jeder dieser Zahlen steht eine Familiengeschichte, eine menschliche Tragödie, Leid.

"Nachdem wir unsere Angst überwunden hatten, fühlten wir uns frei"

Muss aber nicht genauso festgehalten werden, dass diese Opferzahlen in nahezu keinem Verhältnis zu den millionenfachen Opfern des Nationalsozialismus stehen? Denn auch hinter diesen Zahlen stehen Familiengeschichten, Tragödien, Leid. Das Nebeneinanderstellen dieser Regime ist nicht nützlich fürs Verständnis der DDR.

Niemand sollte das Unrecht in der DDR bestreiten oder auch nur anzweifeln. Aber ich kenne niemanden, privat oder öffentlich, der das ernsthaft tut. Im Gegenteil: Dass Unrecht in der DDR konstitutiv war, hat meine Generation vor fast 25 Jahren schon in der Schule gelernt. Es gehört mittlerweile genauso zur Allgemeinbildung wie die Erfahrung des überwiegenden Teils der Ostdeutschen, dass man sich trotz dieses Unrechts in einem Leben einrichten konnte.

Man muss noch einmal den Historiker Karsten Krampitz lesen. In seinem Buch 1976. Die DDR in der Krise schreibt er: "Die eigentliche Zeitenwende in der DDR-Geschichte markiert der 1. August 1975: die Unterzeichnung der KSZE-Schlussakte in Helsinki. Für die endgültige Etablierung in der internationalen Staatengemeinschaft war die SED-Spitze bereit, einen hohen Preis zu zahlen: weitere Konzessionen im Bereich der Menschenrechte. Fortan wurde die Partei nicht nur vom Westfernsehen an die übernommenen Verpflichtungen erinnert, sondern immer öfter von den eigenen Bürgern."

Ginge es heute nicht darum, nicht nur im Privaten, sondern auch öffentlich, also geschichtspolitisch, nach diesen Arrangements zu fragen, sie möglichst komplex zu beschreiben und zu erinnern? In den persönlichen Erinnerungen der heute 50-Jährigen spielen Glasnost und Perestroika in der Sowjetunion eine ebenso große Rolle wie die Friedensbewegung, die sich in der DDR eher als private Alltagskultur, also in Büchern, Klamotten, Musik, einem gewissen Lifestyle, zeigte. Darüber muss man reden. Sonst versteht man den langsamen, natürlich zähen, aber letztlich erfolgreichen Prozess der Öffnung nicht, der 1989 seinen Höhepunkt fand. Und zu dieser Öffnung gehört, dass 1987 fast 2,5 Millionen und 1988 fast 2,8 Millionen DDR-Bürger auf Verwandtenbesuch in die Bundesrepublik fahren konnten. Aus diesem Jahrzehnt, mit diesen Erfahrungen und einer Vorstellung von Freiheit im Gepäck kamen die DDR-Bürger ins wiedervereinigte Land – und nicht direkt aus den Fünfzigerjahren.

Und sind nicht jene, die wir heute als Opfer der SED-Diktatur bezeichnen, genau jene gewesen, die für diese Öffnung stärker und mutiger gekämpft haben als viele andere? Auf diesen Unterschied legen Ruth und Hans Misselwitz jedenfalls besonderen Wert. Beide gehören zu den Initiatoren des Pankower Friedenskreises, der wohl größten Oppositionsgruppe in der DDR. Die Pfarrerin Ruth Misselwitz sagt: "Nachdem wir unsere Angst überwunden hatten, fühlten wir uns frei." 1981 gründeten sie den Friedenskreis. Und ihr Mann, der später die SPD mitgründete und als Büroleiter von Wolfgang Thierse gearbeitet hat, ergänzt: "Wir waren damals glückliche Menschen." Als sich die ehemaligen Friedenskreis-Mitglieder vor einiger Zeit noch einmal trafen, war Ruth Misselwitz erschüttert, wie intensiv sich die meisten an die Achtziger erinnerten und mit welcher Enttäuschung an die Neunziger.

Wenn man sich die Debatten der frühen Neunziger noch einmal anschaut, sieht man, wie schnell die Rede von der totalitären Diktatur nach dem Mauerfall eine Renaissance erfährt. Aber auch das gehört unbedingt zu den Eigenarten des DDR-Aufarbeitungsdiskurses: Er ist von Beginn an stark medial geführt worden und von medialen Gesetzen dominiert gewesen.

Noch vor der Öffnung der Stasi-Akten im Januar 1992 kam es zum sogenannten deutsch-deutschen Literaturstreit. Ein Euphemismus freilich, denn Ost und West stritten dabei nicht auf Augenhöhe. Es ging um die Schriftstellerin Christa Wolf.

Nur wenige konnten dem hohen Anspruch gerecht werden

Als im Juni 1990 ihre Erzählung Was bleibt veröffentlicht wird, in der sie schildert, wie sie von der Stasi überwacht worden war, erscheinen Artikel der Literaturkritiker Ulrich Greiner, Frank Schirrmacher und Fritz J. Raddatz, die ein hartes Urteil fällen. Wolfs literarischer Rang sei weit überschätzt, mehrere ihrer Bücher schon jetzt vergessen, schrieb etwa Frank Schirrmacher damals – obwohl Christa Wolf in der DDR die sicher meistgelesene Autorin war.

1976 protestierte sie mit anderen gegen die Ausweisung des Liedermachers Wolf Biermann, seit den Achtzigerjahren galt sie als Anwärterin auf den Friedensnobelpreis, am 4. November 1989 hatte sie als SED-Mitglied auf der Demo auf dem Berliner Alexanderplatz gesprochen. Obwohl die Feuilletonisten das alles wussten, erklärten sie die Schriftstellerin zu einer Staatsdichterin. Sie hätte, so Schirrmacher, ein an "Minderwertigkeitsgefühlen und Rivalitätskomplexen leidendes Regime" retten wollen. Bei Ulrich Greiner in der ZEIT steht auf der einen Seite die Stasi als "monströser Apparat" und "wirklich lebensbedrohender Terror" und auf der anderen Christa Wolf: eine "Malerin des Idylls".

Da setzte jemand die Messlatte ganz oben an: Nur wer gegen den Staat offen und kompromisslos Widerstand geleistet hatte, durfte für sich in Anspruch nehmen, ein richtiges Leben im Falschen gelebt zu haben. Jene Worte, mit denen Theodor W. Adorno den Nationalsozialismus beschrieb, fielen tatsächlich. Es gab auch Widerspruch, es entspann sich ja, wie gesagt, eine Debatte. Der Ton und Anspruch aber waren gesetzt: So würde man sich fortan über DDR-Biografien beugen. Und nur sehr wenige Ostdeutsche konnten diesem hohen Anspruch gerecht werden.

Im Januar 1992 werden die Stasi-Akten dann der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Dieser Schritt war, das soll noch einmal ausdrücklich erinnert werden, eine zentrale Forderung der Revolution von 1989 – und nicht des Westens. Er geschah auch nicht im Alleingang der Bürgerrechtler, sondern war Teil des Versuchs eines großen Teils der Ostdeutschen, aufrecht mit der eigenen Geschichte umzugehen. Ich bin damals auf der Straße gewesen, ich kann mich noch gut erinnern, wie viel Wut sich unter den Demonstranten gerade über die Staatssicherheit entlud. Nur zwei Jahre nach der Aktenöffnung waren bereits 680.000 Anträge von Privatpersonen und 1,3 Millionen Auskunftsersuche auf Akteneinsicht aus Behörden und der Wirtschaft bei der Gauck-Behörde eingegangen. So gründlich suchte man völlig zu Recht nach den Spuren von hauptamtlichen und inoffiziellen Stasi-Mitarbeitern. Im Jahr 1989 hatte die Stasi noch etwa 91.000 hauptamtliche und 189.000 inoffizielle Mitarbeiter beschäftigt, das zumindest nahm man lange an. Ilko-Sascha Kowalczuk versucht 2013 in seinem Buch Stasi konkret zu belegen, dass es sich eher um 110.000 IMs handelte.

Und wieder ist es so: Die differenzierten Aussagen verklingen beinahe ungehört. Selbst Joachim Gauck als Chef der Stasi-Unterlagenbehörde sagte damals in einem großen Interview in der Süddeutschen Zeitung: "Der Befund der Aktenöffnung heißt: 98 Prozent hatten nichts mit der Stasi zu schaffen, nur eine Minderheit war Mielke zu Diensten." Unter Ostdeutschen jedoch war längst der Eindruck entstanden, es hätte praktisch jederzeit jeden treffen können. Hinzu kam, dass wiederum in den Medien das Thema anhand prominenter IM-Fälle von Politikern, Künstlern und Spitzensportlern in dieser Zeit äußerst präsent war.

Jenes Vorhaben der Revolution ist ziemlich gescheitert

Auch Christa Wolf muss im Januar 1993 bekannt geben, dass eine 116 Seiten umfassende Täterakte existiert, aus der hervorgeht, dass sie zwischen 1959 und 1962 zunächst als GI (Geheimer Informant), später IM geführt wurde. Erneut entzündet sich daran eine kontroverse Debatte, obwohl die darin vorkommenden Personen mehrheitlich versichern, durch die Aussagen nicht zu Schaden gekommen zu sein. Was in den vielen Zeitungsartikeln, meist gegen Ende, auch erwähnt wurde: Im Mai 1992 konnten Christa und ihr Mann Gerhard Wolf auch die 42 Bände umfassende Opferakte einsehen, die von 1968 bis 1980 reichte. Die letzten zehn Jahre schienen offenbar vernichtet worden zu sein. Bild schreibt damals: "Unsere berühmteste Schriftstellerin. Christa Wolf: Ich war IM". Die fetten Buchstaben kann sich jeder dazudenken.

Zum besseren Verständnis muss erwähnt werden, dass jene Aufarbeitung in eine Zeit fällt, in der Hunderttausende im Osten ihren Job verlieren, sich mehr als eine Million junger und gut ausgebildeter Menschen auf den Weg in den Westen machen. Der Osten von einem Kollaps heimgesucht wird, den in den Wendemonaten 1989 niemand erahnen konnte.

Umso mehr muss heute – mit dem Abstand von fast drei Jahrzehnten – konstatiert werden, dass die Aufarbeitung von DDR-Unrecht in ihrem Kern ein in der deutschen Geschichte einmaliger Erfolg gewesen ist. Die alten Eliten wurden beseitigt, von Ost- und Westdeutschen. Zu keinem Zeitpunkt konnten sie maßgeblichen Einfluss auf die Geschicke des wiedervereinigten Landes nehmen. Hat man das den Ostdeutschen je bescheinigt? Hat man ihnen dafür je Respekt gezollt? Ist das auch als eine ostdeutsche Prägung in die Geschichtsbücher eingegangen? Eher nicht. Aber gerade für die junge Generation wäre das eine wichtige, eigentlich ungeheuerliche Nachricht.

Zumal die Aufarbeitung nicht dazu führte, dass automatisch Gerechtigkeit obwaltete. Jenes Vorhaben der Revolution nämlich, die alten Eliten durch neue, unbelastete zu ersetzen, ist ziemlich gescheitert. Stattdessen hat ein Elitentransfer aus Westdeutschland eingesetzt, der keine, wie gehofft, Übergangslösung gewesen ist, sondern sich manifestierte. Die Ostdeutschen sind in der gesamtdeutschen Elite, also auch in jenem Gebiet, in dem sie die Mehrheit stellen, bis heute massiv unterrepräsentiert. Unter diesem Zustand ächzt die ostdeutsche Gesellschaft schwer. Kaum ein Thema kann so sehr die Gemüter erhitzen – und dabei rede ich nicht nur von AfD-Anhängern. Es geht auch darum, dass man sich so schwer eine Zukunft vorstellen kann, die sich von der Gegenwart unterscheidet. Nicht mitbestimmen zu können, das ist also eine durchaus reale Erfahrung.

Die DDR-Aufarbeitung braucht tatsächlich einen Neuanfang, weil sie ebenso eine Geschichte über die DDR wie über die Nachwendezeit ist. Sie reicht nicht nur weit in die Biografien der DDR-Bürger hinein, sondern auch in die ihrer Kinder und Enkel, die mittlerweile zu Ostdeutschen wurden. Je differenzierter wir uns in Zukunft über das DDR-Unrecht und die Genese seiner Aufarbeitung beugen, umso mehr geben wir Jüngeren eine Chance, sie auch als Teil ihrer eigenen Geschichte zu begreifen. Und dazu gehört beides: große Erfolge und schwere Niederlagen.

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