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13th of November 2018

Deutschland



Missbrauch und Gewalt – die unsichtbare Not wohnungsloser Frauen - WELT

Mit 19 war Isa Dickers schon verheiratet, ein Jahr später bereits zweimal vor ihrem brutalen Ehemann geflüchtet. Gewalt und sexuelle Übergriffe gehörten damals zu ihrem Alltag. „Ich habe mehr Prügel als zu essen gekriegt. Das hat den Rest meines Lebens geprägt.“

Mehr als vier Jahrzehnte später hat die 61-jährige Frau mit dem gutmütigen Gesicht den Mut, Fremden von ihrer Leidensspirale zu erzählen: Gewalt, Missbrauch, Depressionen, Suizidversuche. Am Ende verliert sie ihre Wohnung – ein fast unsichtbares Schicksal Tausender Frauen auch in Nordrhein-Westfalen. Die Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe (RWL) hat es nun erstmals in ihren eigenen 260 Einrichtungen für Wohnungslose erforscht.

Isa Dickers sitzt am Donnerstag in einem bescheidenen, aber freundlich eingerichteten Wohnheim der Diakonie Düsseldorf für 31 Frauen zwischen 18 und 65 Jahren. Mit ihrer Lebensgeschichte will die Rentnerin aufmerksam machen auf einen Notstand: Allein in NRW waren Mitte Juni 2017 fast 10.000 Frauen als wohnungslos registriert – ein Drittel der insgesamt über 32.000 Betroffenen. Tendenz steigend.

Lesen Sie auch Eine Frau sitzt am Freitag (20.07.2012) in Berlin mit ihren zwei Hunden am Straßenrand. Bei näherem Hinsehen ist zu erkennen, dass einer der vierbeinigen Begleiter der jungen Frau einen Babynuckel in der Schnauze hat. Foto: Britta Pedersen dpa/lbn [ Rechtehinweis: (c) dpa ] Notunterkünfte

Anders als viele männliche Betroffene findet man die meisten Frauen aber weder auf der Straße noch in Unterkünften. Nach Erkenntnissen des NRW-Sozialministeriums begeben sie sich eher in „Zwangsgemeinschaften“, um ihre Notlage zu verbergen. Für ein Dach über dem Kopf erleiden viele wiederum sexuelle Ausbeutung und Gewalt.

Für wohnungslose Frauen gebe es viel zu wenige Notübernachtungsstellen, Wohnhilfen und Beratungsangebote in NRW, stellt der Vorstand der Diakonie RWL, Christian Heine-Göttelmann, fest. Dabei zeige eine Befragung von über 100 Frauen, die in den Wohnungslosen-Einrichtungen der Diakonie Unterschlupf gefunden hätten: 42 Prozent haben Erfahrungen mit Missbrauch und Gewalt. Über die Hälfte litt unter psychischen Belastungen, Arbeitslosigkeit oder Schulden – die meisten haben mehrere Probleme. Eine frauenspezifische Unterbringung und Beratung seien angesichts dessen notwendig – die Praxis sehe aber anders aus.

„Niemals wäre ich in eine Unterkunft gegangen, in der auch wohnungslose Männer leben“, betont Isa Dickers. Zu oft ist sie in ihrem Leben von Männern misshandelt worden. „Wenn ich laute, aggressive Männerstimmen höre, sitze ich heute noch heulend in der Ecke.“

Obdachlosigkeit kann jeden treffen

Als sie im Frühjahr 2017 in der Düsseldorfer Fraueneinrichtung „Icklack“ landete, hatte die Rentnerin schon zwei Selbstmordversuche hinter sich. Nach einem Klinikaufenthalt wegen schwerer Depressionen verlor sie auch noch ihre Wohnung und jeden sozialen Halt. „Nach dem Tod meiner Schwester vor drei Jahren war mir alles egal.“ 1978 hatte die Düsseldorferin bereits ihre Tochter verloren. Jeder könne nach solchen Tragödien an einem solchen Tiefpunkt landen, meint die frühere Masseurin und Bademeisterin – „egal, wie intelligent oder aus welcher Schicht man ist“.

Die nicht repräsentative kleine Befragung solle „als Lackmustest für frauenspezifische Angebote gelesen werden“, heißt es in der Studie der Hochschule Düsseldorf. Die Diakonie will einen Stein ins Wasser werfen, um dafür zu sensibilisieren, dass das Problem wohnungsloser Frauen viel größer ist als das, was auf der Straße sichtbar ist.

Stefanie Volkenandt leitet das Diakonie-Projekt „Icklack – Wohnen für Frauen“. In Düsseldorf gibt es die Vorzeige-Einrichtung bereits seit 43 Jahren – eine von bloß fünf stationären Diakonie-Heimen nur für wohnungslose Frauen in ganz NRW. Die Diakonie ist nach eigenen Angaben einer der größten Träger der Wohnungslosenhilfe.

„Hinter jeder Wohnungsnot steht eine tragische Lebensgeschichte“

Hier wohnen Frauen in hellen, sauberen Einzelzimmern oder kleinen Wohngemeinschaften mit gemeinschaftlichen Küchen und Bädern. Im Garten steht ein alter, gelber Bauwagen. Damit ziehen die Frauen regelmäßig umher und verkaufen selbst Gestricktes, Genähtes und Gebasteltes.

Anders als in vielen Notschlafstätten werden die Frauen nicht morgens wieder auf die Straße gesetzt. In der „Icklack“ dürfen sie in der Regel 18 bis 24 Monate bleiben – wenn nötig, auch länger. In dieser Zeit erhalten sie Hilfe aller Art: Gespräche mit Sozialarbeitern, Psychologen, Schuldnerberatung oder Hilfe bei der Ausbildung und Wohnungsuche.

„Das ist keine selbst gewählte Lebensform“, unterstreicht Diakonie-Vorstand Roland Meier vom Evangelischen Fachverband Wohnungslosenhilfe. „Liebe zur Freiheit, bürgerlichen Konventionen entfliehen – alles Quatsch! Hinter jeder Wohnungsnot steht eine tragische Lebensgeschichte.“

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